Die Parteien haben ihre Kandidatinnen unterschätzt

Die Frauen schnitten besser ab, als es ihre Platzierungen auf den Wahllisten erwarten liessen. Alle Parteien haben ihren Kandidatinnen zu wenig zugetraut – ausser die SVP.

Die Waadtländer Grünen-Politikerinnen Adèle Thorens Goumaz (l.) und Sophie Michaud Gigon freuen sich am diesjährigen Wahltag. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

Die Waadtländer Grünen-Politikerinnen Adèle Thorens Goumaz (l.) und Sophie Michaud Gigon freuen sich am diesjährigen Wahltag. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Praktisch alle grossen Parteien haben ihre Kandidatinnen unterschätzt – und den Wunsch der Bevölkerung nach einer besseren weiblichen Vertretung im Bundeshaus. Die Frauen schnitten an den Nationalratswahlen vom Sonntag insgesamt besser ab, als es ihre Listenplätze erwarten liessen. Das heisst, sie haben auf der Liste ihrer Partei Mitkandidierende überholt, und so war ihr Schlussrang besser als ihre «Startnummer».

Dabei haben mehrere Parteien ihren Kandidatinnen bessere Listenplätze eingeräumt als ihren Kandidaten: SP, Grünliberale, CVP und auch die SVP platzierten die Frauen im Mittel um einen Platz besser als die Männer, Grüne und BDP immerhin gleich gut. Nur die FDP wies den Frauen schlechtere Plätze zu. Gewichtet und über alle Parteien gesehen waren die Frauen im Mittel um einen Platz besser rangiert als die Männer.

Das Daten-Team dieser Zeitung hat von 4017 Kandidierenden aus 21 Kantonen die Plätze, die sie nach vorne und nach hinten gerückt sind, gegeneinander aufgerechnet. Das Resultat: Alle Kandidatinnen zusammen haben am Sonntag per Saldo 510 Plätze zugelegt – und die Männer sind entsprechend nach hinten gerutscht.

SVP-Wähler wollen Männer

Mit Abstand am weitesten daneben lagen die Grünen mit ihrer Einschätzung.Ihre Kandidatinnen haben sich nach Abzug der Platzverluste zusammen um 146 Sitze vorgearbeitet. Verschätzt hat sich auch die FDP, die ihre Kandidatinnen als einzige Partei insgesamt schlechter platzierte als die Kandidaten; ihre Frauen schnitten an den Wahlen per Saldo um 108 Plätze besser ab als gelistet. Bei den Grünliberalen (105) und bei den Sozialdemokraten (80) waren die Unterschiede nur wenig kleiner.

Einzig bei der SVP haben die Frauen deutlich schlechter abgeschnitten und sind am Wahlsonntag hinter ihre Listenplätze gerutscht; sie haben zusammen 80 Plätze verloren. Mit dem Resultat, dass von den 53 Nationalratsmitgliedern der SVP nun lediglich 13 weiblich sind. Das entspricht einem Frauenanteil von knapp 25 Prozent. Aber immerhin – in der vergangenen Legislatur waren es lediglich 19 Prozent.

«Mit der Generation Y wachsen junge Menschen heran, die nichts anderes kennen, als dass Frauen berufstätig sind.»Cloé Jans, GFS Bern

Wie ist das zu erklären, dass ausgerechnet die Grünen, die sich sehr für die Gleichberechtigung einsetzen, die Frauen unterschätzten? Bei deren Wählerinnen und Wählern herrsche wohl einfach ein überproportional grosses Bewusstsein für die Ungleichstellung der Frauen in der Politik, und dagegen wollten viele ein Zeichen setzen, sagt Cloé Jans von GFS Bern. Bei der Wählerschaft der SVP hingegen sei die Gleichberechtigung nach wie vor kaum ein Thema. Aber: Ausser bei der CVP ist der Frauenanteil bei allen Bundeshausfraktionen gestiegen.

Cloé Jans kann sich auch vorstellen, dass die jungen Generationen die Frauenwahl weiter verstärkt haben. «Mit der Generation Y wachsen junge Menschen heran, die nichts anderes kennen, als dass Frauen berufstätig sind und sich politisch engagieren.» Ältere Wähler hingegen wurden zu einer Zeit politisiert, als die Frauen noch gar nicht zur Urne gehen durften.

Nicht erhoben wurden die Daten der Kantone Uri, Glarus und der beiden Appenzell. In diesen Kantonen gibt es keine Liste. Jede und jeder kann gewählt werden. In Bern werden die Kandidierenden auf den Wahllisten alphabetisch aufgeführt und nicht von ihren Parteien platziert. Die Daten dieses Kantons flossen deshalb ebenfalls nicht in die Berechnung ein. In Schaffhausen und Luzern werden die Wahllisten nur teilweise alphabetisch sortiert. Deshalb wurden sie in der Analyse berücksichtigt.

Erstellt: 23.10.2019, 21:54 Uhr

Die Überflieger

Sie starteten weit hinten auf der Wahlliste und arbeiteten sich auf die Spitzenplätze vor. Dennoch wurden am Sonntag nicht alle dieser Überflieger gewählt.

Die St. Gallerin Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) ist die Gewählte, die sich auf der Wahlliste am weitesten nach vorne arbeiten konnte. Ihre Partei setzte sie auf Platz 11, am Sonntag fand sie sich auf dem zweiten Platz wieder. Sie war Nationalrätin.

Wenn jemand so viele Plätze auf der Liste gutmacht, kann das verschiedene Gründe haben: Entweder hat die Partei das Potenzial eines Kandidaten völlig unterschätzt oder sie hatte einen anderen Plan und wollte zum Beispiel Jungpolitiker fördern. Oder aber sie führte wie bei Vincenz-Stauffacher die Kandidierenden alphabetisch auf.

Nachdem Vincenz-Stauffacher im Mai erfolglos für die Nachfolge von Bundesrätin KarinKeller-Sutter im Ständerat kandidiert hatte, zieht sie nun doch noch ins Bundeshaus ein. Einfach in eine andere Kammer.

Ebenfalls von Platz 11 auf Platz 2 schaffte es Benjamin Giezendanner (SVP). Er ist der Sohn von SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner, der nach 28 Jahren nicht wieder zur Wahl antrat. Der prominente Name wird ihm im Aargau geholfen haben. Er kann aber, obwohl erst 37 Jahre alt, auch auf eine lange Politkarriere zurückblicken – er wurde bereits mit 18 insKantonsparlament gewählt.

Weit nach vorne gearbeitet haben sich zudem der Luzerner Albert Vitali (FDP), der ebenfalls wegen seines Initials auf den letzten Listenplatz, auf Platz 9, gesetzt und mit dem besten Ergebnis auf seiner Liste wiedergewählt wurde;Gewerkschaftspräsident Pierre-Yves Maillard (SP), der von Platz 8 auf Platz 1 vorstiess und neu in den Nationalrat einzieht; Vincent Maitre, Genfer CVP-Präsident und Sohn des früheren Nationalratspräsidenten Jean-Philippe Maitre; die Tessiner Grüne Greta Gysin, die den Sitz von Lega-Nationalrätin Roberta Pantani holte. Maitre und Gysin rückten von Platz 6 auf Platz 1 vor.

Am meisten Plätze machten aber die Zürcher Rahel Zingg und Moritz Luginbühl gut: Sie starteten beide weit hinten auf Platz 33 und überholten 31 Mitkandidierende. Dennoch wurden sienicht gewählt – sie hatten nicht auf den aussichtsreichsten Listen kandidiert: Luginbühl trat für die Satirepartei «Die Guten» an, Zingg für die Jungen Grünliberalen. Vielleicht hört man in vier Jahren wieder von ihnen.

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