Dieser Linke könnte für eine Ständerats-Sensation sorgen

Schafft der 32-jährige Mathias Reynard am Sonntag den Sprung ins Stöckli, wäre das eine Revolution im Wallis.

Steht für Öffnung und Veränderung im Wallis: Mathias Reynard gibt am Wahlsonntag ein Interview. Foto: Olivier Maire, Keystone

Steht für Öffnung und Veränderung im Wallis: Mathias Reynard gibt am Wahlsonntag ein Interview. Foto: Olivier Maire, Keystone

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Das Wallis erwartet einen historischen Wahlsonntag. Der Bergkanton wählt mit Marianne Maret (CVP) entweder seine erste Frau in den Ständerat; oder Maret scheitert, und die CVP verliert das erste Mal seit über 150 Jahren einen ihrer Ständeratssitze an eine andere Partei. Eine Wahlniederlage der CVP ist nicht auszuschliessen. Sie wäre eine Sensation, weil der Sitz wohl an den Unterwalliser Mathias Reynard ginge.

Der 32-jährige SP-Nationalrat und Gewerkschafter politisiert in Bern prononciert links. Er kämpft für faire Löhne, Geschlechtergleichheit und einen verbesserten Schutz für Homosexuelle – keine Themen, die im Wallis en vogue sind. Sie gelten aber auch nicht mehr als des Teufels. Auch im Wallis wachsen die Städte. Der Talboden wird urban.

Bei den Ständeratswahlen rückte Reynard im ersten Wahlgang bis auf 3000 Stimmen an Marianne Maret heran. Im Unterwallis bekam er mehr Stimmen als alle anderen Kandidaten und überflügelte auch den amtierenden CVP-Ständerat Beat Rieder. In Martigny, FDP-Hochburg, gewann er haushoch und schwang in den Touristendestinationen Veysonnaz, Crans-Montana und Anniviers oben aus. Bei den Nationalratswahlen machte der junge Politiker als Bestgewählter seines Kantons den Triumph perfekt. Die Kooperation von SP und Grünen funktionierte erstmals einwandfrei.

Reynard ist im Wallis der Mann der Stunde, auch für Alt-Bundesrat Pascal Couchepin (FDP). «Wählt Mathias Reynard!», schwor er seine Partei auf den zweiten Wahlgang ein. Es gehe um Pluralismus und Demokratie, bei nur mehr 35 Prozent Wähleranteilen soll die CVP das Wallis im Ständerat nicht mehr alleine vertreten, so Couchepin. Marianne Maret reagierte umgehend. Die 61-Jährige bezichtigte den Alt-Bundesrat bei einer Fernsehdebatte, einen «viszeralen Hass» gegen die CVP zu haben. Das Wallis müsse mit einer Stimme sprechen. Das sei nur mit der CVP garantiert.

Die Jusos besetzen die Strasse

Couchepins Auftritt hat etwas ausgelöst. Es knistert im Wallis. Dieses Knistern ist auch am Freitagmittag spürbar, als Reynard mit seiner Wahlkampfkarawane auf den Sittener Wochenmarkt zieht. In den engen Gassen strömen jeweils Hunderte zum Apéro zusammen. Verkäufer bieten Käse, Kuchen und Konfitüre an. Daneben fliesst der Fendant. Ein Volksfest.

«Inzwischen rufen mich CVP-Wählerinnen und -Wähler an und sichern mir ihre Unterstützung zu.»Mathias Reynard, SP-Nationalrat

Entspannte Gespräche mit SP-Kandidat Reynard sind derzeit kaum möglich. Sein Telefon klingelt im Halbminutentakt. Eine Frau drängt an seinen Bistrotisch, offeriert ihm ein Glas Traubensaft und tut, als überbringe sie einen Zaubertrank. Später baut sich ein Mann vor Reynard auf, legt ihm väterlich die Hand auf die Schulter, schaut ihm in die Augen und raunt: «Jetzt erst recht!»

Die vertraulichen Gesten lassen nur einen Schluss zu: Reynard kennt die Gratulanten seit Jahren. Er lacht. «Ich habe keine Ahnung, wer die Leute sind.» Seit Tagen gehe das so. «Inzwischen rufen mich CVP-Wählerinnen und -Wähler an und sichern mir ihre Unterstützung zu», sagt Reynard. Er sei glücklich, überwältigt. Er habe vieles geschafft, aber noch nichts gewonnen.

Mit Raclette und Fendant: Mathias Reynard wirbt am Wochenmarkt in Sitten für sich. Foto: Olivier Vogelsang

Reynards Karawane besteht aus einer Gruppe von Jungsozialisten. Der 32-Jährige, seit acht Jahren im Nationalrat, hat den Jusos nie den Rücken gekehrt. Die Jusos wissen, wie man den öffentlichen Raum für Wahlkämpfe besetzt. In Sitten besetzen sie sämtliche Zugangswege zum Wochenmarkt, verteilen Flyer, suchen mit jedem Passant das Gespräch. In den frühen Morgenstunden waren sie bereits auf dem Wochenmarkt in Monthey, gegen Abend reisen sie für eine Aktion nach Siders.

Er punktet auch bei Bürgerlichen

Juso-Chef Simon Constantin sagt: «Im Wallis passiert etwas. Die Leute wollen Veränderung und achten auf die Kompetenzen der Politiker. Die Parteizugehörigkeit zählt nicht alles.» Constantin schildert ein Schlüsselerlebnis. Bei einer Flyeraktion vor einem Gymnasium habe sich ihnen spontan eine Gruppe von FDP-Sympathisanten angeschlossen und für Reynard geworben, als wäre er einer der ihren.

Für viele Junge stehe Reynard für Öffnung und Veränderung, führt eine junge Walliserin im Wochenmarktgetümmel aus. Vor vier Jahren habe sie SVP gewählt, weil sie sich vor Attentaten und Terrorgefahr fürchtete. Heute wähle sie Reynard zur Sicherung der AHV und für den Umweltschutz.

Reynard punktet auch bei traditionell bürgerlichen Wählern. Eine Gruppe Pensionäre sitzt in einem Bistro um eine Flasche Fendant. «Es geht nicht um die Frage, ob wir Reynard wollen, sondern welches Wallis wir wollen», stellt ein Mann klar. Nicken in der Runde. Eine Frau wirft ein: «Den Couchepin brauchen wir nicht. Wir wissen selbst, was zu tun ist, und wir merken, wer eigenständige Meinungen vertritt und wer mit der Herde blökt.» Ihre Kritik gilt Marianne Maret, die nach ihrem Empfinden zu sehr vom CVP-Apparat abhängt.

Auf dem Sittener Wochenmarkt bleibt die offizielle CVP unsichtbar. Auch Wahlkampfleiter Stéphane Pillet kann auf Anfrage nicht sagen, ob die Kandidaten oder Wahlhelfer anwesend waren. Maret und Rieder seien überall, auf Märkten, Podien, bei Vereinen – aber nicht zu lange, so Pillet.

Das Frauenargument zieht nicht

In den Wahldebatten offenbarte Marianne Maret im Vergleich zu Reynard einige Handicaps. Mit Bundesthemen ist die Kantonsrätin und ehemalige Gemeindepräsidentin von Troistorrents wenig vertraut. Maret warf Reynard vor, er kümmere sich in Bern zu wenig um die Wasserkraft. Er vertrete das Wallis generell ungenügend. Reynard dementierte und konterte, er sitze in der dafür zuständigen Parlamentskommission und sei erst noch deren Sprecher.

Mit solchen Attacken tut sich die 61-Jährige keinen Gefallen. Diese scheinen ohnehin weniger von Maret selbst als aus der Parteizentrale zu kommen. Auch das Argument, das Wallis müsse im Stöckli endlich mit einer Frau vertreten sein, hat bedingt Zugkraft, weil CVP-Nationalrätin Géraldine Marchand-Balet als potenzielle Ständerätin nach nur einer Legislatur entschied, auf eine Wiederwahl zu verzichten. Die Stimmung zwischen Marchand-Balet und der Walliser CVP galt als belastet.

Der Letzte, der die Christlichdemokraten bei einer Ständeratswahl im Wallis bedrängte, war der Freisinnige Pierre-Alain Grichting vor vier Jahren. Dem Oberwalliser fehlten im zweiten Wahlgang 1400 Stimmen zum Wahlerfolg. Er ist sich sicher: «Die damaligen Wahlen haben etwas ausgelöst.» Er stehe Mitte-rechts, Reynard politisiere links, und trotzdem habe er im ersten Wahlgang «ein sensationelles Resultat» eingefahren. Er höre heute oft: «Dieses Mal durchbrechen wir die C-Mauer.» Reynard habe das Momentum, so Grichting. Er traue ihm die Wahl zu. Es wäre eine Revolution. Für das ganze Wallis.

Erstellt: 31.10.2019, 10:57 Uhr

Die Ständeratswahlen im Wallis

Die Entscheidung bei den Walliser Ständeratswahlen am Sonntag wird zu einem Wahlkrimi. Im ersten Wahlgang erreichte der bisherige Ständerat Beat Rieder (CVP) 45678 Stimmen. Marianne Maret (CVP) – mit 39660 Stimmen – und Mathias Reynard (SP) – mit 36323 Stimmen – lagen nahe beieinander. Der mit 25727 Stimmen viertplatzierte Philippe Nantermod (FDP) zog sich zurück, weil SVP-Kandidat Cyrille Fauchère als Sechstplatzierter nochmals zur Wahl antritt. Ein beachtliches Resultat erreichte die Grüne Brigitte Wolf mit 24799 Stimmen. Wolf tritt in einer Allianz mit Reynard zum zweiten Wahlgang an. (phr)

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