Der grüne Wahnsinn

Was macht so ein Erfolg mit einer Partei? Wie geht man mit der Verantwortung um? Szenen einer historischen Woche.

Am Ende der Elefantenrunde auf Deutsch wird Rytz frisch geschminkt für die französische Fassung. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Am Ende der Elefantenrunde auf Deutsch wird Rytz frisch geschminkt für die französische Fassung. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Sonntag, 20. Oktober: Den wichtigsten Moment verpasst

Die Elefantenrunde des Schweizer Fernsehens nach Parlamentswahlen ist das wohl aufregendste Liveformat, das die Informationsabteilung der SRG zu bieten hat. Sieger, Verlierer, billige Aus­reden, grosse Dramen. Hier verkündete Ueli Maurer 2003, dass die SVP Christoph Blocher in den Bundesrat wählen lässt. Nur ihn. Hier besiegelte BDP-­Präsident Martin Landolt 2015 vor den Augen des Publikums das Ende seiner Bundesrätin (und seiner Partei). Und hier verpasst Regula Rytz ihren Moment.

Sie habe noch keinen richtigen Überblick, sie könne das alles noch gar nicht richtig fassen, sagt sie und antwortet auch auf die dritte Nachfrage der Moderatorin nach den Bundesratsambitionen der Partei nur ausweichend. «Ich muss ganz klar sagen: Eigentlich hätten wir Anspruch. Aber es kommt darauf an, was die anderen wollen.» Noch während der Sendung schicken die Nachrichtenseiten Push-Meldungen auf die Handys ihrer Leser: «Grüne fordern Bundesratssitz.» Es ist eine wohlwollende bis grenzwertige Übersetzung der Konjunktivsätze der Parteipräsidentin.

Am Ende der Elefantenrunde auf Deutsch wird Rytz frisch geschminkt für die französische Fassung. Generalsekretärin Regula Tschanz lässt ihr einen Zettel reichen mit den Resultaten der Berner Ständeratswahl. Sie sind, natürlich, triumphal. Rytz ist auf Platz zwei, nur knapp hinter dem bisherigen SP-Ständerat Hans Stöckli, vor den Bürgerlichen.

Montag, 21. Oktober: «Riesiger Challenge» für das Management

Ist das alles wahr? Was heisst das jetzt? Haben die einen Plan? Spät in der Nacht auf Montag kam das Endresultat – es ist historisch. Plus 17 Sitze allein im Nationalrat, 13,2 Prozent Wähleranteile.

«Ich habe fünf Minuten für Sie.» Seit sechs Uhr morgens telefoniert Fraktionschef Balthasar Glättli mit Journalisten, er hat noch nicht einmal allen Gewählten eine SMS schreiben können, Dauerstress. Es geht jetzt nicht um Inhalte, es geht nicht um den Bundesrat oder das CO2-Gesetz, jetzt geht es um Banales: Parteiorganisation, Administration, Übersicht. Da kommen 20 neue Gesichter nach Bern. Schon bald.

Die grössere Fraktion werde «ein riesiger Challenge» für das Management. Doch man sei vorbereitet, beruhigt Glättli – vielleicht ein wenig auch sich selber. Die Fraktion habe 2007 schon einmal über 20 Mitglieder gehabt. «Wir müssen unsere Organisation und die Strukturen der neuen Fraktionsgrösse anpassen», sagt Generalsekretärin Regula Tschanz. Sie denkt an mehr Stellenprozente und neue Räumlichkeiten.

Am Nachmittag klappt auch das Telefon mit der Parteichefin, Stunden später als versprochen. Rytz ist im Zug, hat etwas Zeit. Kandidieren die Grünen jetzt für den Bundesrat, Frau Rytz? Erst am Montag habe sie Zeit gefunden, die ­ Resultate etwas genauer anzuschauen, sagt sie. «Ich bin erst noch daran, die ganze Dimension der Veränderung zu erfassen.» Und es klingt irgendwie ungläubig, als sie konstatiert: «Wir spielen jetzt in einer ganz anderen Liga.»

Dienstag, 22. Oktober: Wollen sie das? Wollen sie es wirklich?

Regula Rytz und Jürg Grossen, Parteipräsident der GLP, lachen von der Frontseite des «Blicks». Harmonisch sitzen sie auf einem der grün gepolsterten Bänke in der Wandelhalle. Auf einem anderen Bild zeigen sie etwas überentspannt auf eine der (grünen!) Palmen im Bundeshaus. Unterschrift: Sie machen das Parlament grüner. Die Botschaft des Interviews ist aber eine andere: Ja, wir wollen. Es braucht einen grünen Bundesrat.

Es wird jeden Tag etwas klarer, es wird jeden Tag etwas deutlicher. Obwohl die Prognosen seit Monaten eine grüne Welle beschworen, hat man die Bundesratsfrage in der Parteizentrale der Grünen vor dem Wahlsonntag nicht ausdiskutiert. Man glaubte, die Frage stelle sich gar nicht. Das Resultat sah man in der Elefantenrunde. Ein Feuerwerk des Konjunktivs. Rytz dementiert ihre anfängliche Skepsis nicht. Sie sagt aber: Je genauer sie die Zahlen in den einzelnen Kantonen anschaue, desto deutlicher würden für sie die Erwartungen, die die Wählenden jetzt in die Grüne Partei hätten. Sie selber sei darum bezüglich einer Bundesratskandidatur «offener als vor dem Sonntag». Wenn es im Bundesrat am 11. Dezember eine ­Vakanz gäbe, «würden wir zu 100 Prozent antreten», sagt sie. Jetzt sei die Sache aber «etwas komplexer».

Komplexer wird auch das Verhältnis innerhalb des rot-grünen Lagers. Die bisher klare Rangordnung – die SP als führende Kraft, die Grüne Partei als ­Juniorpartnerin – ist seit Sonntag ­Geschichte. Die SP übertüncht ihre ­ historische Wahlschlappe mit Gratulationsadressen an die Grünen. In Basel-Landschaft und im Aargau ziehen sich die männlichen SP-Ständeratskandidaten zugunsten grüner Kandidatinnen zurück, in beiden Kantonen besiegelt das einen Sitzverlust für die SP. Die Erste, die die zelebrierte rot-grüne Harmonie stört, ist Juso-Chefin Ronja Jansen. Auf Twitter fährt sie dem neuen grünen Glarner Ständerat Mathias Zopfi an den Karren: «Grün-asoziale Politik bringt uns nicht weiter!» Zopfis Vergehen: Er weicht in einigen Sachfragen vom jungsozialistischen Dogma ab.

Um 12 Uhr findet an diesem Tag eine kurzfristig anberaumte Pressekonferenz im Bundeshaus statt. Rytz und SP-Ständerat Hans Stöckli kündigen an, im zweiten Wahlgang zu den Berner Ständeratswahlen noch einmal anzutreten.

Rytz an allen Fronten. Parteichefin, Wahlsiegerin, wiedergewählte Nationalrätin, chancenreiche Ständeratskandidatin, mögliche Bundesratskandidatin. Sie bleibt auch in der Pressekonferenz ruhig, lächelt ohne Unterbruch ihr dezentes Rytz-Lächeln. Stöckli und Rytz geben sich als ein Herz und eine Seele, er verkörpere die «Kontinuität», sie stehe für den «Wandel». Stöckli vergisst aber nicht, das Detail zu erwähnen, dass man für die Pressekonferenz den Raum 286 gewählt hat, das Fraktionszimmer der SP. Die subtile Botschaft: Trotz dem grünen Erdrutschsieg bleibt die SP im linken Lager die Nummer 1. Noch.

Mittwoch, 23. Oktober: Der Reifetest der Schweizer Politik

Die Sache mit den Grünen und der Regierung ist tatsächlich etwas komplex. Es ist ein Reifetest, den Rytz und die Grünen in dieser Woche (und noch länger) ablegen müssen. In der Schweizer Politik gibt es nichts Grösseres als den Bundesrat, nichts Ernsteres, nichts Staatstragenderes. Zwischen kleiner Oppositionskraft und «Bundesratspartei» liegen Welten. Zeigen die Grünen in dieser Woche, dass sie das können? Dass sie es ernst nehmen? Und: Glaubt ihnen die politische Konkurrenz das auch?

Was die CVP macht, ist entscheidend und noch sehr offen, Parteichef Gerhard Pfister schweigt und hat sich für eine Pause nach Venedig verzogen. Mal unterstützt die SP eine Grüne als Bundesrätin (Parteichef Christian Levrat in der Elefantenrunde), mal mahnt sie die Grünen zur Geduld (Partei-Vizechef Beat Jans in der «Rundschau»). Und überhaupt: Wer könnte das überhaupt? Wer wollte? In einem Gespräch mit der «Berner Zeitung» sagt Rytz (wieder sehr indirekt), dass sie selber für eine Bundesratskandidatur nicht infrage komme. Aus der Romandie kommen gemischte Signale. Leonore Porchet, eine frisch ­ gewählte Nationalrätin, äusserte schon am Montag im Fernsehen Zweifel, ob es tatsächlich schlau sei für eine Oppositionspartei wie die Grünen, im Bundesrat anzutreten. Zwei Tage später meldet Antonio Hodgers, Genfer Regierungsrat und ehemaliger Nationalrat, seine Ambitionen für genau dieses Gremium an. «Ich habe Erfahrung in der Bundespolitik und auch in der Exekutive», sagt er. «Ich überlege mir das.»

Donnerstag, 24. Oktober: «Die andere Seite spürt den Machtverlust»

In den sozialen Medien, der Vorhölle des politischen Anstands, hat es einen Moment gedauert, bis sich die Wahlverlierer gefasst haben. Doch sie können es schon noch. «Sind die Grünen an der Macht, stirbt die Freiheit. #HalloDiktatur», schreibt ein Jungfreisinniger über einen Auftritt von Ständeratskandidatin Marionna Schlatter

Der Ton wird rauer, recht schnell. «Sie merken jetzt, dass das nicht einfach ein Windchen war. Da ist ein Ruck durchs Land gegangen, nicht nur politisch. Mit den vielen Frauen wird sich auch die Kultur im Bundeshaus ändern. Die andere Seite spürt den Machtverlust.» Am Telefon ist die grüne Nationalrätin Maya Graf aus dem Baselbiet, auch ihr Wahlkampf ist noch nicht vorüber. In einem Monat tritt sie im zweiten Wahlgang für einen Sitz im Ständerat an. Wahlchancen: sehr intakt. «Ich habe während der ganzen Woche immer wieder mal geglaubt, dass ich träume, irgendwann aufwache und wir weiterhin an Ort treten», sagt Graf. Doch dann sehe sie Beiträge wie jenen in der «Rundschau», in dem fünf neue grüne Nationalrätinnen und Nationalräte vorgestellt wurden. Eine Maschinenbau­ingenieurin, ein Biobauer, eine Aktivistin, ein Anwalt, eine Gewerkschafterin. «Und ich kenne sie alle schon lange. Das sind richtig gute Leute, politisch alle erfahren. Da kommt Qualität!»

Graf wird die Alterspräsidentin des neuen Parlaments, seit über 30 Jahren macht sie Politik und normalerweise neigt sie nicht zu Pathos. Diese Woche schon. «Dass ich das noch erleben darf. Es ist einmalig. Ich war die ganze Woche so gerührt, mir kamen immer wieder spontan die Tränen.»

Freitag, 25. Oktober: Jeden Tag eine Jubelmeldung

Und jetzt? Zeit für einen Kassensturz. Seit dem 1. Januar 2019 haben sich 1000 neue Mitglieder der Partei angeschlossen. Seit dem 20. Oktober 2019 noch einmal 120. «Wir beobachten das öfter nach Abstimmungen oder Wahlen. Aber so extrem war es noch nie», sagt Generalsekretärin Regula Tschanz.

Jeden Tag eine Jubelmeldung. Dabei scheint der Erfolg immer noch etwas unrealistisch, noch sind die Grünen nicht aus einem etwas überhastet wirkenden Stadium des Taumels hinausgekommen. Was macht dieser Erfolg mit der Partei? Was macht die Verantwortung mit ihr? Kann sie all die hohen Erwartungen der vielen Wählerinnen und Wähler erfüllen? Oder wird sie daran zerbrechen? «Mir haben im Wahlkampf alle gesagt, am Sonntagabend ist es dann vorbei», sagte Balthasar Glättli vor einer Woche. «Ich habe immer gewarnt, dann fange die Arbeit erst an.»

Erstellt: 26.10.2019, 07:27 Uhr

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