Helvetia hat gerufen – und gewonnen

Im Parlament haben die Frauen stark zugelegt. Von ihrem Ziel, der Hälfte der Macht, sind sie aber noch weit weg.

Die Köpfer hinter dem Projekt «Helvetia ruft!»: Jessica Zuber, Kathrin Bertschy und Flavia Kleiner (v. l.). Foto: Adrian Moser

Die Köpfer hinter dem Projekt «Helvetia ruft!»: Jessica Zuber, Kathrin Bertschy und Flavia Kleiner (v. l.). Foto: Adrian Moser

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Als sich im Bundeshaus die Lichtkegel von Kameras auf sie zu richten begannen und von oben pelzige Mikrofone zwischen ihre Köpfe schwebten, da musste ihnen klar geworden sein, dass es ein guter Tag für sie werden wird. Dass er aber so gut wird, das hätten die Initiantinnen von Helvetia ruft!, Kathrin Bertschy, GLP-Nationalrätin, und Flavia Kleiner, Co-Präsidentin der Operation Libero, nicht zu denken gewagt.

Bei Redaktionsschluss ging Jessica Zuber, Projektleiterin von Helvetia ruft! aufgrund ihrer Berechnungen davon aus, dass der Frauenanteil im Nationalrat von 33 auf 41 Prozent steigt, womit 81 seiner 200 Mitglieder weiblich wären (hier gehts zum Ticker). Zu diesem Zeitpunkt waren nur die Kantone Waadt und Wallis noch nicht ausgezählt. Im Ständerat, wo noch zweite Wahlgänge anstehen, liegt ein Anteil von 24 Prozent im Bereich des Möglichen.

Innerschweiz schickt Frauen

Damit nicht genug: Die Frauen haben auch zwei Männerbastionen in der Innerschweiz gesprengt: Die Kantone Zug und Obwalden, die noch nie in ihrer Geschichte eine Frau nach Bern geschickt hatten, haben ihre Frau Landammann Manuela Weichelt-­Picard und die SVP-Parteipräsidentin Monika Rüegger-Hurschler in den Nationalrat gewählt. Zudem kommt der Kanton Uri mit CVP-Regierungsrätin Heidi Z'Graggen erstmals zu einer Ständerätin. Aber noch immer bleiben zwei Kantone, die sich noch nie von einer Frau in Bern haben vertreten lassen: Glarus und Appenzell Innerrhoden.

Die Kameras weichen den ganzen Tag nicht mehr von der Seite von Kathrin Bertschy und Flavia Kleiner. Es sind nicht nur Bilder und Interviews, die die Journalisten von ihnen wollen. Dank einer Erhebung, die sie im Vorfeld in Auftrag gegeben haben, können sie bei jedem Sitzgewinn sagen, ob er wahrscheinlich einer Frau zugute kommen wird oder nicht. Projektleiterin Jessica Zuber vertwittert jede gute Nachricht vom Berner Käfigturm in die Schweiz hinaus: «Ein hervorragendes Resultat bringt Eva Herzog ins #Stöckli Wir gratulieren herzlich!»

In Basel sind fünf von sieben Parlamentsmitgliedern Frauen

Die Ausgangslage war günstig: Noch nie kandidierten so viele Frauen für den Nationalrat wie an diesem Sonntag. 631 der 1574 Personen auf den Hauptlisten der Bundeshaus-Parteien waren Frauen, ein Anteil von 40 Prozent.

Das ist auch das Verdienst von Helvetia ruft! Die Trägerinnen des Projekts – Nationalrätinnen aller Parteien – haben sich zum Ziel gesetzt, den Frauenanteil deutlich zu steigern. Noch vor einem Jahr sah es düster aus. Eine Reihe profilierter National- und Ständerätinnen hatte angekündigt, nicht wieder anzutreten, und es war nicht absehbar, dass an ihrer Stelle Frauen nachrücken würden.

Dabei war ihr Anteil bisher tief: Im National belief er sich auf 33 Prozent, im Ständerat gar nur auf 15 Prozent. So hat Helvetia ruft! Frauen aus allen Parteien dazu aufgefordert, sich zur Wahl zu stellen, und unterstützte sie auch im Wahlkampf.

Wie die Kameras begleiten die beiden Frauen auch die guten Nachrichten den ganzen Nachmittag: In Basel-Land sind fünf der sieben gewählten Parlamentsmitglieder Frauen. Der Kanton Aargau schickt sieben Frauen nach Bern. In Neuenburg holt neu eine Grüne einen Sitz.

Die Schweizer Demokratie werde qualitativ besser, weil das Parlament die Bevölkerung besser repräsentiere, sagt Flavia Kleiner.

Was die guten Nachrichten befördert, ist auch die Bewegung nach links: Die Wählerinnen und Wähler geben dieses Jahr vermehrt grüne Parteien den Vorzug und bei diesen kandidieren mehr Frauen. «Die SVP würde weniger Sitze verlieren, wenn sie mehr Frauen aufgestellt hätten», sagen die Frauen ungerührt.

Aber wenn man wie etwa die Zürcher SVP nur einen Frauenanteil von 26 Prozent aufweist, dann müsse man sich nicht wundern. Vorbei sind die Zeiten, in denen Frauen von den Wahllisten gestrichen werden.

Die Frauen haben aber auch Verluste zu beklagen. BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti wurde abgewählt. Sie, die sich ebenfalls bei Helvetia ruft! engagierte. Minus eine.

Was wird sich nun ändern? Die Schweizer Demokratie werde qualitativ besser, weil das Parlament die Bevölkerung besser repräsentiere, sagt Flavia Kleiner. «Ein Basler will sich auch nicht von einem Zürcher vertreten lassen.» Weil sie nicht dieselben Interessen haben.

Es mache einen Unterschied, ob mehr Frauen oder Männer im Parlament sitzen würden, sagt Kathrin Bertschy. Auch bei sogenannt frauenfreundlichen Parteien wie der SP. «Zwar unterstützen die Sozialdemokraten die Anliegen für die Frauen. Aber es sind Frauen, die diese eingebracht haben.»

Noch 16 Jahre

Was Helvetia ruft! letztlich gebracht hat, wollen sie anderen zur Beurteilung überlassen. «Sicher kann man aber sagen, dass Helvetia ruft! mobilisiert und so mancher Frau einen Schubs gegeben hat, für einen vorderen Listenplatz zu kämpfen», sagt Kathrin Bertschy.

Aber selbst wenn es in diesem Tempo weitergeht und die Frauen bei jeder Wahl 40 Prozent der frei werdenden Sitze holen, dauert es 12 bis 16 Jahre, bis sie ihr Ziel erreicht haben: die Hälfte der Macht.

Das Problem sind die Bisheri­gen, wie Kathrin Bertschy sagt. Sie haben beste Chancen, wiedergewählt zu werden – und es sind vor allem Männer; dieses Jahr etwa traten 159 der 200 Nationalratsmitglieder wieder an. Und so werden nur wenige Sitze frei, auf denen eine Frau theoretisch Platz nehmen könnte. Helvetia wird weiter rufen.

Erstellt: 20.10.2019, 23:00 Uhr

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