Er gibt dem historischen Sieg der Grünen ein Gesicht

Mathias Zopfi ist der erste Grüne, der den Kanton Glarus im Ständerat vertritt. Wie er es schaffte, Werner Hösli von der SVP zu verdrängen.

Er sei wohl ein bürgerlicher Grüner, sagt er: Mathias Zopfi vor dem Rathaus in Glarus. Foto: Samuel Trümpy

Er sei wohl ein bürgerlicher Grüner, sagt er: Mathias Zopfi vor dem Rathaus in Glarus. Foto: Samuel Trümpy

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Der Sieg ist das Resultat harter Arbeit. Hätte er weniger Ausdauer gehabt, weniger Gipfeli ­verteilt, weniger Kuchen-Nachmittage abgehalten – es hätte nicht gereicht. Nur 252 Stimmen trennen Mathias Zopfi (Grüne), der am Sonntag Ständerat wurde, von Werner Hösli (SVP), der nach fünf Jahren die Wiederwahl verpasste. Zopfis Wahl ist eine der grössten Überraschungen des Wahlsonntags, und für Glarus ein historisches Ereignis. Noch nie wurde ein eidgenössischer Parlamentarier abgewählt. Und erst recht noch nie bekamen die ­Grünen von den Glarner Stimmberechtigten ein Mandat in Bern.

This Zopfi, bald 36 Jahre alt, Anwalt und Landrat, jasst und wandert gern. Ihm gelang die Wahl, an die er kaum zu glauben wagte. Er habe zwar immer wieder gedacht, dass es möglich sei, sagt er. Doch realistischerweise konnten er und seine Unterstützer nicht mehr als einen Achtungserfolg erwarten. Einen Teil der Mitte-Stimmen. Das wäre schon viel gewesen.

Er zeigte es allen: Anwalt, Richter, Verwaltungsrat mehrerer Unternehmen, bei manchen als Präsident.

Zopfi war mit dem Jassclub Tödi, den er präsidiert, im Allgäu und fuhr am Sonntagmorgen früher als seine Kollegen zurück nach Glarus. Dort angekommen, eilte er ins Rathaus, wo sich die Kandidierenden eingefunden hatten, und der Ratsschreiber kurz nach Mittag die Resultate verkündete. Er könne es wohl noch nicht richtig fassen, sagte Zopfi am Sonntagnachmittag. Und tatsächlich: Nüchtern analysiert er das Resultat. Themenkonjunktur, SVP-Schwäche. Kein Jubel, keine Superlative. Ein wenig gehetzt klingt er, muss noch andere Anrufe beantworten und dann zur Wahlfeier in die Mehrzweckhalle Engi in seinem Heimatdorf, in dem er heute noch wohnt mit seiner Freundin, die ebenfalls von dort kommt.

Die Wahl ist der vorläufige Höhepunkt einer bemerkenswerten Laufbahn. Noch in der Schule hätte man This Zopfi nicht unbedingt Grosses zugetraut. Zumindest die Lehrer taten das nicht, als der Junge aus dem Gewerblerhaushalt ins Gymnasium wollte. Die Aufnahmeprüfung werde er kaum bestehen, meinte man. Er schaffte sie mit Bestnote.

Das Grüezi auf der Strasse kam dem kleinen This nur schwer über die Lippen – in einem Tal, in dem ein verweigerter Gruss als anmassend gilt. This Zopfi war scheu und wurde tendenziell unterschätzt – vielleicht war es ein Vorteil. Er zeigte es allen: Anwalt, Richter, Verwaltungsrat mehrerer Unternehmen, bei manchen als Präsident. Erster grüner Landratspräsident des Kantons. Parteipräsidentin Regula Rytz reiste im Sommer 2017 bei strömendem Regen durch die Schweiz, um der Wahlfeier in Engi beizuwohnen.

«Sackstarker Wahlkampf»

Für die Ratspräsidentschaft erhielt Zopfi Anerkennung von allen Seiten. Er habe viel von This Zopfi lernen können, sagt Landrat Bruno Gallati (CVP), der ein Jahr später den Landrat präsidierte. Auch Peter Rothlin (SVP), heutiger Landratspräsident, ist voll des Lobes: «Man muss ihn als Gegner würdigen, die Fähigkeit zum Ständerat hat er.» This Zopfi habe einen «sackstarken Wahlkampf» gemacht, sagt BDP-Nationalrat Martin Landolt. ­Weitere Erfolgsfaktoren seien das Timing und Zopfis gemässigte politische Haltung.

Ja, er sei wohl ein «bürgerlicher Grüner», sagt Zopfi. Zum Kauf neuer Kampfjets sagt er Ja, zur Legalisierung von Cannabis nur bedingt, ebenso zur Erhöhung des Rentenalters. Zopfis Smartspider-Profil zeigt, dass er eine für den Ständerat typische Haltung mitbringt: Viele Fragen beantwortet er mit «eher Ja» oder «eher Nein» und fügt erläuternde Kommentare hinzu, im Sinne von: «Es kommt auf die konkrete Vorlage an.» Das wird man gern hören in der Chambre de réflexion. Auch, dass er sich weigert, seine konkreten politischen Ziele zu nennen. «Mein Ziel ist es, den Politbetrieb zu verstehen und meine Einflussmöglichkeiten zu kennen.» Alles andere wäre Angeberei, meint er.

Radikal ist er nur beim Umweltschutz. Hier gibt es von ihm kein «Eher Ja» und «Eher Nein», sondern nur klare Antworten. Ohne erläuternde Kommentare.

Erstellt: 21.10.2019, 07:58 Uhr

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