Wahllisten-Poker: Wem er nützte, wer verlor

Unsere grosse Auswertung zeigt, welche Partei durch geschickte Allianzen wie viele Sitze gewann und wer untendurch musste.

Katja Christ (GLP) feiert in Basel ihren Wahlsieg. Foto: Kostas Maros

Katja Christ (GLP) feiert in Basel ihren Wahlsieg. Foto: Kostas Maros

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Heinz Brand, Jean-François Rime und Corrado Pardini: Sie alle wurden überraschend aus dem Nationalrat abgewählt – und sie alle wären noch im Parlament, wenn die Wahlresultate nicht durch ­Listenverbindungen beeinflusst würden. Das zeigt eine Auswertung dieser Zeitung. Dabei wurde berechnet, wie die Sitzverteilung ausgefallen wäre, wenn es keine Listenverbindungen gegeben hätte. Das Resultat: Parteiübergreifende Allianzen haben in fast der Hälfte der Kantone die Mandatezuteilung verändert.

Die grosse Verliererin ist die SVP. In einem Wahlsystem ohne Listenverbindungen hätte sie im Nationalrat nicht 53, sondern 60 Sitze errungen. Drei SVP-Nationalräte wurden wegen Allianzen anderer Parteien abgewählt: Neben Heinz Brand (GR) und Jean-François Rime (FR) traf es auch Sebastian Frehner (BS).

Grosse Profiteure sind die Mitte-Parteien: GLP, CVP und EVP haben dank strategischer ­Allianzen insgesamt acht zusätzliche Sitze geholt. Allein die GLP hat fünf ihrer insgesamt neun Sitzgewinne den Listenverbindungen zu verdanken – vier davon auf Kosten der SVP.

Diese Zahlen zeigen: Wie gut eine Partei bei den Wahlen abschneidet, hängt nicht nur von der Themenkonjunktur, der Kampagne oder der Mobilisierung ab. 12 der 200 Sitze gehen auf das Konto von Listenverbindungen. Neben inhaltlichen Erwägungen geht es den Parteistrategen dabei vor allem um Arithmetik: Mit welcher Konstellation lassen sich am meisten Sitze gewinnen? Wichtig sind solche Überlegungen gerade für kleinere Parteien, weil das Wahlsystem die grösseren bevorteilt. Bei Listenverbindungen werden die dazugehörenden Kräfte bei der Sitzverteilung zunächst als eine Partei gezählt. Erst in einem zweiten Schritt werden die Sitze innerhalb der Allianz verteilt.

Welche extremen Folgen das haben kann, illustriert die ­Eidgenössisch-demokratische Union (EDU) im Kanton Bern. Der rechtskonservativen Kleinpartei ist es gelungen, mit einer skurrilen, taktisch aber geschickten Allianz einen Sitz zu holen. Die EDU hatte sich mit 6 Kleinstparteien, Jux- und Exotenlisten verbündet, die alle noch kleiner sind als sie selber.

Erfolgreiche Mitte

Traditionellerweise verbinden jeweils linke, rechte und Mitte-Parteien ihre Listen. Doch nicht alle drei Lager profitierten am Wahlsonntag gleichermassen.

Für die drei Mitte-Kräfte CVP, GLP und EVP hat sich das Rechnen mit Abstand am meisten ­gelohnt. Anfang Jahr hatten die nationalen Parteizentralen ihre Kantonalsektionen dazu auf­gerufen, ihre Listen in einem breiten Mitte-Bündnis möglichst ­flächendeckend zu verbinden. Solche umfassenden Allianzen, zu denen auch die BDP gehörte, sind in der Folge in sieben Kantonen zustande gekommen, partielle in weiteren Kantonen. Nicht nur die Grünliberalen verdanken diesem Zusammenschluss über die Hälfte ihrer Sitzgewinne. Der CVP ist es so gelungen, zwei gefährdete Sitze im Baselbiet und in Freiburg zu halten. Die EVP hatte sich im Aargau bloss mit der BDP verbunden – und holte damit einen zusätzlichen Sitz. Nicht profitiert hat die BDP.

Für die Durchschnittswähler ist die Wirkung von Listenverbindungen kaum zu durchschauen. Trotzdem sieht GLP-Generalsekretär Michael Köpfli darin kein Problem: Das Wahlsystem bevorzuge die grossen Parteien wegen der kleinen Wahlkreise, sagt er. So muss etwa in einem kleinen Kanton mit drei Mandaten eine Partei für einen Sitz 25Prozent der Stimmen erzielen. Die Listenverbindungen schafften gerechtere Verhältnisse, so Köpfli: Die GLP habe dank der Allianzen mit schweizweit 7,8Prozent Wählerstimmen 8 Prozent der Nationalratssitze geholt.

Gespaltene Rechte

Deutlich weniger erfolgreich als die Mitte paktierte die Rechte. Ausser im Aargau, im Baselbiet und im Thurgau gingen SVP und FDP getrennte Wege. Die SVP fand als Listenpartner– wenn überhaupt– bloss rechte Kleinparteien. Die Berechnungen zeigen nun: Hätte sich die FDP in ­allen Kantonen der SVP angeschlossen, hätte die SVP fünf Sitze mehr gemacht. Für die FDP hätte sich der Deal allerdings nicht gelohnt: Sie wäre bei 29Nationalratssitzen geblieben.

«Wir sind uns dieser Problematik sehr bewusst», sagt Silvia Bär, stellvertretende Generalsekretärin der SVP. Deshalb habe die Partei versucht, mit der FDP schweizweit Listenverbindungen einzugehen. Die Berechnungen zeigten nun, dass der Wählerwille wegen Listenverbindungen nicht wirklich abgebildet werde. «Entsprechend ist ein System ohne Listenverbindungen ernsthaft zu prüfen», so Bär.

Doch bei Listenverbindungen geht es eben nicht nur um Zahlenspiele: Die FDP, die vielerorts gar keinen Bündnispartner gefunden hat, bemüht sich um eine eigenständige Positionierung. Eine flächendeckende Allianz mit der SVP hätte für sie weitreichende Folgen für das Image.

SP gewinnt dank Grünen

SP und Grüne haben ihre Listen ausser im Jura flächendeckend verbunden. Obwohl die Grünen grosse Wahlsieger sind, haben vor allem die Sozialdemokraten profitiert: Im Vergleich zu einem System ohne Listenverbindungen verlor die SP einen Sitz weniger.

Die Grünen jedoch gewannen 2 Sitze weniger. Anders sieht es aus, wenn die rot-grünen Listenverbindungen nicht zustande gekommen wären, die Allianzen der Mitte- und Rechts-Parteien aber schon. In diesem Fall hätten die Grünen 3 und die SP 2 Sitze weniger erreicht.

Erstellt: 28.10.2019, 21:58 Uhr

«Zersplitterten Lagern hilft es»

Herr Bochsler, Listen­verbindungen der Konkurrenz haben die SVP sieben Sitze gekostet. Ist das nicht unfair?
Das Wahlsystem bevorteilt grosse Parteien. Listenverbindungen wirken in diesem System korrigierend. Parteien können sich zusammentun und den Effekt einer grossen erzielen.

Sind solche Allianzen im Sinne der Wähler?
Die Parteien gehen in den meisten Fällen Listenverbindungen ein, die dem politischen Kompass ihrer Wähler entsprechen. Wenn die gewählte Partei den Sitz nicht macht, sind die Stimmen nicht verloren, sondern gehen an eine andere Partei, die den Wählern politisch ebenfalls nahesteht.

Gibt es eine Faustregel: Wer profitiert am meisten?
Ja, die gibt es: Je mehr Parteien sich zusammenschliessen, desto besser. Listenverbindungen helfen somit vor allem jenen Lagern, die stark zersplittert sind. Deshalb hat es sich für die Mitteparteien besonders gelohnt, sich breit zu verbünden. Innerhalb der Allianzen profitieren die grösseren Parteien – diese Ungerechtigkeit ist das Manko.

Welche Partei hat die beste Strategie?
Die Linke ist konsequent: Sie verbindet ihre Listen in fast allen Kantonen. Die GLP hat den Vorteil, dass sie zwischen den Lagern flexibel schauen kann, wo sie am meisten profitiert.

Dafür wurde die GLP unter Martin Bäumle kritisiert.
Bäumle ist bei den Listenverbindungen eher pragmatisch vorgegangen und hat sich teils vom Taschenrechner leiten lassen. Viel zitiert wird eine Verbindung unter Einschluss der EDU.

Warum sind Listenverbindungen wieder entscheidender?
Weil die Mitte fragmentierter ist als früher. Mit GLP und BDP gibt es mehr potenzielle Partner, die CVP schwächelt, zugleich ist der Kulturkampf vorbei, sodass auch CVP und FDP vermehrt Verbindungen eingehen.

Wie sähe ein wirklich gerechtes Wahlsystem aus?
Darin würden die Sitze den Parteien weiterhin in den Kantonen zugewiesen. Bei den Restmandaten sollten aber nicht die Listenverbindungen entscheiden, sondern der nationale Wähleranteil einer Partei. Die Stimmen kleiner Parteien aus kleinen Kantonen sollten zur Restmandatsverteilung in anderen Kantonen beitragen.

Raphaela Birrer und Markus Häfliger

Daniel Bochsler ist Politikwissenschaftler und lehrt in Budapest, Belgrad und Zürich. Er hat zu den ­Effekten von Listenverbindungen publiziert.

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