Lärmrowdys am Radarpranger

Ein neues Display ermahnt Töff- und Autolenker zu leiserem Fahren – in Tests sank damit der Lärmpegel markant.

Insbesondere Töfffahrer sind öfter mal zu laut unterwegs. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Insbesondere Töfffahrer sind öfter mal zu laut unterwegs. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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Mehr als 3 Milliarden Franken hat die öffentliche Hand in den Lärmschutz entlang von Strassen gesteckt, ganze Quartiere werden mit Temposenkungen und Strassensanierungen beruhigt. Doch die Klagen aus der Bevölkerung wegen übermässigen Strassenlärms reissen nicht ab, im Gegenteil. Bei der Lärmschutzfachstelle des Kantons Zürich gehen deswegen täglich mehrere Mails, Telefonate oder Briefe ein, wie Leiter Peter Angst bestätigt.

Die Beschwerden erreichen zunehmend auch die Bundesebene. Sowohl in Zürich als auch beim Bund sticht ein Problembereich besonders heraus: zu laute Motorräder und Autos. Beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) sind sie der Grund für jede dritte Bürgeranfrage. Sophie Hoehn, Chefin der Sektion Strassenlärm, erklärt sich das so: «Weil Bund, Kantone und Gemeinden viel Geld in den Lärmschutz investiert haben, zum Beispiel mit lärmarmen Belägen, werden laute Fahrzeuge deutlicher wahrgenommen.»

Mit einem Lärmdisplay

Nun will das Bundesamt für Umwelt mit neuen Massnahmen dagegen vorgehen. Ende Monat nimmt es in einer Kooperation mit dem TCS eine Versuchsanlage an einer bekannten Motorradstrecke im Kanton Solothurn in Betrieb. «Wir werden ein Lärmdisplay testen, das die Fahrer auf zu laute Fahrweise aufmerksam macht», sagt Sophie Hoehn.

Die Anlage besteht aus zwei Teilen: Ein Radargerät in einer Plastikbox an der Strasse erfasst die Geschwindigkeit und ob ein Auto, Lastwagen, Bus oder Motorrad anrollt, gleichzeitig misst ein Mikrofon die Lärmbelastung. Einige Meter weiter zeigt ein Display artigen Fahrern ein «Danke» an. Tempo- und Lärmsünder hingegen werden mit einem «Langsamer!» oder «Leiser!» ermahnt. Hoehn zieht einen Vergleich zu Warnanlagen in Tempo-30-Zonen: «Die Geschwindigkeitsdisplays mit dem Smiley haben sich als sehr wirksames Mittel zur Sensibilisierung der Fahrer erwiesen.»

Das Lärmdisplay ist Teil einer breiter gefassten Kampagne.

Bereits weit verbreitet sind die Geräte in Deutschland, wo sie auch produziert werden. Baden-Württemberg hat die Lärmdisplays seit 2015 getestet. Dabei sank die Zahl zu lauter Fahrzeuge um ein Viertel bis die Hälfte, die Durchschnittsgeschwindigkeit und der mittlere Lärmpegel sanken ebenfalls markant. Das Bundesland hat deshalb in diesem Frühling entschieden, den Kommunen 4000 Euro an die Anschaffungskosten von rund 15000 Euro zu zahlen. Darum haben sich nun gleich im ersten Jahr 24 Kommunen beworben, wie es beim Ministerium für Verkehr in Stuttgart heisst.

Interesse zeigen in der Schweiz auch kantonale Behörden, etwa jene in Zürich. Die Lärmfachstelle des Kantons betreibt schon seit 1997 ein Lärmdisplay, das seither auch in vielen anderen Kantonen zum Einsatz gekommen ist. Allerdings ist das Zürcher Modell einfacher aufgebaut und erlaubt es nicht, dem einzelnen Fahrer sein Lärmverhalten direkt aufzuzeigen. Fachstellenleiter Peter Angst sagt: «Wir sind derzeit daran, unsere Lärmschutzstrategie zu überprüfen und neu auszurichten.» Das Pilotprojekt des Bundes werde Zürich darum genau verfolgen.

Das Lärmdisplay ist Teil einer breiter gefassten Kampagne des Bundesamts für Umwelt, um den Strassenlärm zu minimieren, als Umsetzung des Massnahmenplans Lärmschutz des Bundesrats. Dazu hat es einen runden Tisch mit dem Bundesamt für Strassen, der Materialprüfungsanstalt Empa und dem TCS ins Leben gerufen. «Wir wollen verstehen, warum es nicht gelingt, das Problem mit lärmigen Fahrzeugen in den Griff zu kriegen», sagt Sophie Hoehn. Das Bundesamt bestellte unter anderem beim TCS eine Untersuchung über die Geräuschentwicklung von Motorrädern und Autos unter realen Verkehrsbedingungen. «Die TCS-Studie hat klar gezeigt, dass das Verhalten der Fahrer entscheidend ist für den Lärm», sagt Hoehn.

Lärmradar entwickeln

Zwar müssen alle Fahrzeuge bei der Typengenehmigung Grenzwerte einhalten. Doch stellt der TCS fest, dass «sich auch ein ordnungsgemässes Motorrad mit Schaltgetriebe unnötig laut betreiben lässt». Wenn Töfffahrer in tiefen Gängen Vollgas geben, röhren sie im TCS-Test bis zu 92 Dezibel laut, mehr als doppelt so laut wie der Grenzwert von 80 Dezibel. Bei der Typengenehmigung werde «unter anderem der Bereich zügige Beschleunigung womöglich nicht adäquat abgedeckt», schreibt der TCS dazu.

Auf die einschlägigen Vorschriften hat die Schweiz jedoch nur sehr wenig Einfluss: Das Verfahren richtet sich nach Absprachen im UNO-Gremium Unece, wo die Schweiz nur eine unter sehr vielen Stimmen ist. Zudem seien auf dem Schweizer Markt zu laute Auspuffanlagen ohne Zulassung zu finden, auch sei es «selbst für technisch wenig Versierte keine Hexerei, einen Auspuff lauter zu machen», schreiben die Techniker des TCS.

Keine Linderung versprechen wider Erwarten die elektrischen Motorräder. Von Elektroautos bekannt ist, dass sie in Tempo-30-Zonen deutlich leiser unterwegs sind als solche mit Verbrennungsmotoren. Bei höheren Geschwindigkeiten überwiegt jedoch das Reifengeräusch. Überrascht hat das Bafu, dass Elektromotorräder ähnliche Probleme aufweisen. «Als besonders penetrant im Klang beim Beschleunigen zeigte sich das Elektromotorrad», halten die TCS-Fachleute fest.

Nun erkundet das Bundesamt für Umwelt mit dem Lärmdisplay neue Möglichkeiten. «Wir wollen auch Erkenntnisse gewinnen für die mögliche Entwicklung eines Lärmradars, wie sie die Parlamente in den Kantonen Genf und Waadt verlangen», sagt Sophie Hoehn. Der Genfer Grand Conseil etwa hat der Regierung in diesem Frühling den Auftrag zur Entwicklung eines Lärmradars mit der ETH Lausanne erteilt. Das Bafu ist an dem Lärmradar ebenfalls interessiert, wie Hoehn sagt: «Dafür klären wir derzeit die rechtlichen und technischen Grundlagen ab.»

Erstellt: 11.08.2019, 20:59 Uhr

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