Warum die Frauen im Bundesrat so viel besser sind

Die neuen Bundesrätinnen Karin Keller-Sutter und Viola Amherd trumpfen auf – und lassen ihre männlichen Kollegen noch älter aussehen.

Konnten in den ersten Monaten ihrer Amtszeit überzeugen: Die Bundesrätinnen Karin Keller-Sutter (links) und Viola Amherd. Foto: Keystone

Konnten in den ersten Monaten ihrer Amtszeit überzeugen: Die Bundesrätinnen Karin Keller-Sutter (links) und Viola Amherd. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wissen Sie», sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter neulich am Rande eines Apéros, «eigentlich ist es gar nicht so anders als damals als Regierungsrätin.»

Fünf Monate ist Keller-Sutter nun Bundesrätin. Und so, wie sie sich durch dieses Gremium bewegt, wie sie es lenkt und dominiert, scheint es tatsächlich, als mache es keinen grossen Unterschied, ob die Freisinnige in St. Gallen Regierungsrätin oder in Bern Bundesrätin ist. Wo sie ist, ist sie die Chefin. Bundeshausjournalisten schwärmen schon heute von ihr als «neuem Kurt Furgler», als Ausnahmetalent und Überbundesrätin.

Neben der neuen Bundesrätin wirken die männlichen Kollegen noch mittelmässiger als sonst.

Die Art, wie Keller-Sutter in ihr Amt gestartet ist, müsste vor allem ihren männlichen Kollegen zu denken geben. In kürzester Zeit hat sie es geschafft, die Gewerkschaften wieder ins Boot zu holen (die ihr freisinniger Vorgänger verärgerte), eine Verteidigungsstrategie gegen die Kündigungsinitiative der SVP zu entwickeln und dabei die Zuständigkeiten zwischen den Departementen so kreativ auszulegen, dass es natürlich sie ist, die vorn steht und die Strategie präsentiert.

Neben der neuen Bundesrätin wirken die männlichen Kollegen noch mittelmässiger als sonst. Was machen die überhaupt? Guy Parmelin hat in seinen ersten fünf Monaten als Volkswirtschaftsminister noch keinen schlauen Gedanken geäussert (man fragt sich manchmal, ob er seinen Departementswechsel schon mitbekommen hat), Ueli Maurer blamiert die Schweiz in Amerika, und Ignazio Cassis irrlichtert weiterhin fröhlich durch das Europadossier.

Und es hört ja nicht mit Karin Keller- Sutter auf. Viola Amherd von der CVP hat in ihren ersten fünf Monaten als Vorsteherin des Verteidigungsdepartements wahrscheinlich mehr gerissen als ihre SVP-Vorgänger in den zwei Jahrzehnten zuvor. Simonetta Sommaruga wirkt als neue Vorsteherin des Departements für Umwelt und Verkehr bereits so souverän wie vorher im Justizdepartement.

Die Frauen sind wahnsinnig viel besser als die Männer im Bundesrat.

Es scheint, man kann sich dieses Eindrucks kaum erwehren, ein System dahinterzustecken. Die Frauen im Bundesrat arbeiten besser, bewirken mehr, sind kompetenter, agieren gradliniger, reden verständlicher. Kurz: Sie sind wahnsinnig viel besser als die Männer im Bundesrat.

Das Gleiche kann man über fast alle Vorgängerinnen der aktuellen Bundesrätinnen sagen. Egal, ob man ihre politischen Präferenzen mochte oder nicht – Frauen wie Doris Leuthard, Eveline Widmer-Schlumpf, Ruth Dreifuss oder Micheline Calmy-Rey haben mehr bewegt und gestaltet als ihre männlichen Kollegen. Sie waren überdurchschnittlich.

Das zeigt leider, wie bescheiden es um die Gleichberechtigung in der Politik immer noch steht. Wer als Frau 2019 in der Schweiz eine öffentliche Position anstrebt, muss sich immer noch mehr anstrengen als ein Mann. Wer als Frau in der Schweizer Politik ernst genommen werden will, muss mehr wissen als der Mann daneben, härter arbeiten, besser sein. Das System, wie es sich heute präsentiert, verzeiht Fehler von Frauen nur in grössten Ausnahmefällen. Den Männern verzeiht es sie fast immer. Die können sich einen Fauxpas nach dem anderen erlauben, ohne als «Huscheli» oder als minderwertig herabgesetzt zu werden.

Wahre Gleichberechtigung wird erst hergestellt sein, wenn es auch mittelmässige Bundesrätinnen gibt.

Die Konsequenz daraus ist banal. Wenn es eine Frau in ein männerdominiertes Gremium schafft, hat sie auf dem Weg dorthin schon so viele Widrigkeiten überwunden, dass die Chance gross ist, dass sie auch vor den Widrigkeiten im neuen Gremium nicht zurückschreckt. Sie macht dann einfach das, was sie schon immer gemacht hat. Härter arbeiten. Besser sein. So wie Karin Keller-Sutter, Viola Amherd und Simonetta Sommaruga.

Wahre Gleichberechtigung, so das traurige Fazit, wird erst hergestellt sein, wenn der Qualitätsunterschied zwischen den Geschlechtern in solchen Gremien nicht mehr so deutlich ist. Wenn es auch mittelmässige, vielleicht sogar richtig schlechte Bundesrätinnen gibt. Eine Frau Parmelin vielleicht, eine Frau Maurer oder eine Frau Cassis.

Erstellt: 08.06.2019, 18:32 Uhr

Artikel zum Thema

Umfrage: Wer im Bundesrat am beliebtesten ist

19'000 haben an einer Online-Umfrage teilgenommen. Die Neuen kommen gut weg – einen schweren Stand haben die SVP-Bundesräte. Mehr...

Achtung, KKS kommt!

Glosse Kündigt sich die neue Bundesrätin zum Antrittsbesuch an, bricht im Departement Nervosität aus. Anschauungsunterricht aus dem Bundesamt für Justiz. Mehr...

Viola Amherd – diese Frau packt in der Männerbastion an

Die traditionelle 100-Tage-Pressekonferenz liess die neue VBS-Chefin platzen. Bilanz ziehen wir trotzdem. Mehr...

Artikel zum Thema

Umfrage: Wer im Bundesrat am beliebtesten ist

19'000 haben an einer Online-Umfrage teilgenommen. Die Neuen kommen gut weg – einen schweren Stand haben die SVP-Bundesräte. Mehr...

Achtung, KKS kommt!

Glosse Kündigt sich die neue Bundesrätin zum Antrittsbesuch an, bricht im Departement Nervosität aus. Anschauungsunterricht aus dem Bundesamt für Justiz. Mehr...

Viola Amherd – diese Frau packt in der Männerbastion an

Die traditionelle 100-Tage-Pressekonferenz liess die neue VBS-Chefin platzen. Bilanz ziehen wir trotzdem. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...