Warum die Schaffhauser gewählt haben – und die Glarner nicht

Schaffhausen hat eine Wahlbeteiligung von durchschnittlich über 60 Prozent, Glarus rund die Hälfte. Schuld daran sind zwei alte Schweizer Traditionen.

Neben dem Stimmzwang eine weitere Besonderheit helvetischer Demokratie: Glarner an der letzten Landsgemeinde. (3. Mai 2015)

Neben dem Stimmzwang eine weitere Besonderheit helvetischer Demokratie: Glarner an der letzten Landsgemeinde. (3. Mai 2015) Bild: Samuel Trümpy/Keystone

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31'034 Menschen haben bis am Sonntag in Schaffhausen ihre Vertreter im Nationalrat gewählt. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von 62,7 Prozent – höher als in jedem anderen Schweizer Kanton. Der Schnitt bei allen eidgenössischen Parlamentswahlen seit 1991 liegt mit 63,9 Prozent sogar noch höher. Zum Vergleich: Gesamtschweizerisch haben in diesem Zeitraum 45,5 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt. Stolz sei man darauf, immer die höchste Stimmbeteiligung zu haben, heisst es bei der Schaffhauser Staatskanzlei.

Ganz anders der Kanton Glarus: Zwar liegt die Wahlbeteiligung heuer mit 41,5 Prozent höher als beim Schlusslicht Appenzell Innerrhoden, im langjährigen Schnitt gehen aber nur gerade 32,6 Prozent der wahlberechtigten Glarner bei eidgenössischen Wahlen an die Urne. Der Glarner konzentriere sich zuerst auf die kantonalen Glarner Belange an der Landsgemeinde, heisst es bei der Glarner Staatskanzlei.

Sind die Schaffhauser also die Musterschüler im Klassenraum der Schweizer Demokratie, während die Glarner gerne am Fensterplatz sitzen?

Ja und nein. Denn der Schaffhauser beteiligt sich zwar vorbildlich am politischen Geschehen, erhält aber auch einen Schlag mit dem Rohrstock, wenn er nicht zur Urne geht: Sein Kanton ist der einzige, der noch einen Stimmzwang kennt. Wer nicht abstimmt oder wählt und seinen Stimmzettel nicht bis drei Tage nach der Wahl mit einer Entschuldigung bei der Gemeinde deponiert hat, muss eine Busse bezahlen – 3 Franken waren es die letzten 30 Jahre, seit Anfang Jahr werden 6 Franken fällig.

Die Sache mit dem Kreuzchen

Anders die Glarner, die den Stimmzwang vor 20 Jahren abgeschafft haben. An die Urne müssen sie nur alle vier Jahre bei der Wahl der Kantonsregierung und des Landrats, und eben bei eidgenössischen Abstimmungen und Wahlen. Die Glarner sind die Landsgemeinde gewohnt, wo sie jeden ersten Sonntag im Mai zusammenkommen und unter freiem Himmel direktdemokratisch über ihre Geschicke entscheiden. Und da muss man tatsächlich erst aus dem Fenster schauen, bevor man sich wetterabhängig für oder gegen die politische Partizipation entscheidet.

Ganz so wohl mit der rekordtiefen Wahlbeteiligung auf eidgenössischer Ebene ist dem Kanton Glarus dann doch nicht. Zwar sei beides – sowohl zu wählen wie auch der Entscheid, nicht zu wählen – eine Form der politischen Willensäusserung. In der Revision des Abstimmungsgesetzes wird überlegt, vorgedruckte Wahlzettel statt leerer Listen vorzusehen. Damit vielleicht doch mehr Glarner an der Tafel ein Kreuzchen machen, statt aus dem Fenster zu schauen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2015, 17:52 Uhr

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