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Warum Thomas N. nicht verwahrt wird – noch nicht

Thomas N. wird für seine monströsen Taten wohl eine lebenslängliche Freiheitsstrafe erhalten. Mit Kuscheljustiz hat das nichts zu tun.

Thomas Hasler
Hinterbliebenenanwalt Markus Leimbacher glaubt weiterhin an eine lebenslange Verwahrung für den mutmasslichen Vierfachmörder von Rupperswil. (Video: Tamedia/SDA)

Im Vorfeld des Prozesses gegen Thomas N. war ein Thema allgegenwärtig: Wird der 34-Jährige lebenslänglich verwahrt? Als das Bundesgericht ausgerechnet letzte Woche die lebenslängliche Verwahrung von Claude D., dem Mörder von Marie, aufhob, sagte FDP-Nationalrätin Christa Markwalder dem «Echo der Zeit»: «Man fragt sich dann schon, für welchen Tatbestand wir die lebenslange Verwahrung geschaffen haben, wenn nicht für einen solchen Fall.»

Im Verhandlungssaal erläutern die Psychiater ihre Gutachten, vor dem Gebäude harren Medienvertreter aus.
Im Verhandlungssaal erläutern die Psychiater ihre Gutachten, vor dem Gebäude harren Medienvertreter aus.
Walter Bieri, Keystone
Das Interesse am Fall ist gross.
Das Interesse am Fall ist gross.
Walter Bieri, Keystone
8:30 Uhr: Der Prozess hat begonnen, Fotografen bleiben draussen und haben nur die Möglichkeit Bilder vom Polizeigebäude zu schiessen.
8:30 Uhr: Der Prozess hat begonnen, Fotografen bleiben draussen und haben nur die Möglichkeit Bilder vom Polizeigebäude zu schiessen.
Keystone
7:30 Uhr: Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil.
7:30 Uhr: Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil.
Yannick Wiget
Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personencheck wie am Flughafen.
Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personencheck wie am Flughafen.
Yannick Wiget
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Walter Bieri, Keystone
7:00 Uhr: Eintreffen der Prozessteilnehmer.
7:00 Uhr: Eintreffen der Prozessteilnehmer.
Journalisten vor dem Eingang ins Gebäude.
Journalisten vor dem Eingang ins Gebäude.
Kontrolle bei der Zufahrt zum Parkplatz.
Kontrolle bei der Zufahrt zum Parkplatz.
Walter Bieri, Keystone
6:30 Uhr: Zugangskontrolle für die Prozessteilnehmer am Bezirksgericht in Schafisheim.
6:30 Uhr: Zugangskontrolle für die Prozessteilnehmer am Bezirksgericht in Schafisheim.
Yannick Wiget
Der Prozess wird von in- und ausländischen Medien verfolgt.
Der Prozess wird von in- und ausländischen Medien verfolgt.
Yannick Wiget
Nur kurz erhellte sich am frühen Morgen der Himmel. Jetzt ist es wieder kalt und nass.
Nur kurz erhellte sich am frühen Morgen der Himmel. Jetzt ist es wieder kalt und nass.
Die Journalisten warten gebannt, bis die Privatpersonen eintreffen, die den Prozess live verfolgen werden.
Die Journalisten warten gebannt, bis die Privatpersonen eintreffen, die den Prozess live verfolgen werden.
Yannick Wiget
Der Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil findet im Gebäude der Mobilen Polizei in Schafisheim AG statt.
Der Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil findet im Gebäude der Mobilen Polizei in Schafisheim AG statt.
Walter Bieri, Keystone
Aus Platzgründen verhandelt das Bezirksgericht Lenzburg den Fall in diesem Saal.
Aus Platzgründen verhandelt das Bezirksgericht Lenzburg den Fall in diesem Saal.
Stefan Hohler
Neben 65 akkreditierten Medienvertretern verfolgen 35 Privatpersonen die Verhandlung.
Neben 65 akkreditierten Medienvertretern verfolgen 35 Privatpersonen die Verhandlung.
Stefan Hohler
Der heute 34-jährige Schweizer Thomas N. hat die Tat nach seiner Festnahme im Mai 2016 gestanden.
Der heute 34-jährige Schweizer Thomas N. hat die Tat nach seiner Festnahme im Mai 2016 gestanden.
Amtliche Pflichtverteidigerin: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn ist Spezialistin für Strafrecht und verteidigt den geständigen Täter.
Amtliche Pflichtverteidigerin: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn ist Spezialistin für Strafrecht und verteidigt den geständigen Täter.
strafverteidiger.ch
Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter.
Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter.
Stefan Hohler
Thomas N. wurde fünf Monate nach der Tat gefasst: Barbara Loppacher, Leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim über die Festnahme. (13. Mai 2016).
Thomas N. wurde fünf Monate nach der Tat gefasst: Barbara Loppacher, Leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim über die Festnahme. (13. Mai 2016).
Alexandra Wey, Keystone
Die Tat: Am 21. Dezember 2015 wurden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre 13- und 19-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet. Kriminaltechniker am Tatort.
Die Tat: Am 21. Dezember 2015 wurden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre 13- und 19-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet. Kriminaltechniker am Tatort.
Patrick B. Kraemer, Keystone
Ein Brand sollte die Spuren am Tatort verwischen. (21. Dezember 2015)
Ein Brand sollte die Spuren am Tatort verwischen. (21. Dezember 2015)
Giorgia Müller
Zuvor hatte der Täter die 48-jährige Carla S. gezwungen, an einem Bancomaten 10'000 Franken abzuheben. (21. Dezember 2015)
Zuvor hatte der Täter die 48-jährige Carla S. gezwungen, an einem Bancomaten 10'000 Franken abzuheben. (21. Dezember 2015)
Patrick B. Kraemer, Keystone
Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitete den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016)
Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitete den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016)
Alexandra Wey, Keystone
Die Polizei tappte lange im Dunkeln: Die Aargauer Behörden setzten eine Prämie von 100'000 Franken aus für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten. (18. Februar 2016)
Die Polizei tappte lange im Dunkeln: Die Aargauer Behörden setzten eine Prämie von 100'000 Franken aus für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten. (18. Februar 2016)
Alexandra Wey, Keystone
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Die gleiche Frage drängt sich noch gebieterischer im Fall von Thomas N. auf, der vor Gericht steht, weil er unter anderem vier Menschen brutal umgebracht hat. Aber die Frage ist genauso falsch gestellt wie bei Claude D., weil sie von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Es ist verständlich, dass man einen Menschen, der derart abscheuliche, nicht nachvollziehbare Verbrechen begeht, für den Rest seines Lebens von der Gesellschaft separiert wissen will. Dafür sieht das Strafgesetzbuch die entsprechende Strafe vor. Es darf daran erinnert werden: Lebenslänglich bedeutet nicht automatisch, dass der Verurteilte nach 15 Jahren wieder freikommt.

Reichen vier getötete Menschen nicht?

Die Verwahrung hingegen, egal, ob die lebenslängliche oder die ordentliche, ist keine Strafe – auch wenn es der Betroffene anders empfindet. Sie ist eine reine Sicherungsmassnahme. Deshalb muss sie dann zwingend beendet werden, wenn der Grund für ihre Anordnung – nämlich der Schutz der öffentlichen Sicherheit – weggefallen ist. Was das heisst, ist eigentlich klar, kann aber nicht oft genug wiederholt werden, weil es niemand hören will: Obwohl die Hürden sehr hoch sind, kann ein Verurteilter auch aus einer lebenslänglichen Verwahrung letztlich freikommen.

Was hat das alles mit Thomas N. zu tun? Der 34-Jährige wird noch nicht verwahrt werden können – wenn sich die Protagonisten an Gesetz und Rechtsprechung halten.

Das hat nichts mit Kuscheljustiz zu tun. Das hat auch nichts damit zu tun, dass offenbar vier ermordete Menschen dafür nicht ausreichen. Für seine monströsen Taten wird er eine lebenslängliche Freiheitsstrafe kassieren. Dass er – mindestens zum jetzigen Zeitpunkt – nicht verwahrt werden kann, hat damit zu tun, dass die Voraussetzungen dafür fehlen. Gemäss Gesetz kann eine (ordentliche) Verwahrung nur dann verhängt werden, wenn feststeht, dass eine therapeutische Massnahme keinen Erfolg verspricht, der Betreffende also aktuell (aber nicht bis ans Lebensende, wie bei der lebenslänglichen Verwahrung) als untherapierbar gilt.

Elmar Habermeyer und Josef Sachs, beides ausgewiesene Fachleute, halten Thomas N. nicht für untherapierbar. Zwar darf das Bezirksgericht Lenzburg die beiden Gutachten frei würdigen. Doch in Fachfragen darf es von den Ergebnissen «nicht ohne triftige Gründe» und mit entsprechender Begründung abweichen. Ein triftiger Grund kann ein mangelhaftes Gutachten sein. Davon ist bei den Profis Habermeyer und Sachs nicht auszugehen.

Ob Thomas N. eine Massnahme erhält, hängt von vier Faktoren ab:

  • Die Massnahme muss notwendig sein, weil eine Strafe allein nicht ausreichen würde, ihn von weiteren Delikten abzuhalten.
  • Der Täter muss eine psychische Störung, zum Beispiel eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, aufweisen, und die Tat muss etwas mit dieser Störung zu tun haben.
  • Es muss erwartet werden können, dass mit der Massnahme der Gefahr weiterer Straftaten begegnet werden kann.
  • Schliesslich muss der Täter selber behandlungsbedürftig, -fähig, und -bereit sein.

Ambulante Therapie wäre naheliegend

Diese Voraussetzungen sind bei Thomas N. im Wesentlichen gegeben. Dass die Behandlung lange dauert und ihr Ausgang ungewiss ist, kann kein Hinderungsgrund sein. Auch der Umstand, dass die beim 34-Jährigen diagnostizierte Pädosexualität nicht heilbar ist, bedeutet nicht, auf eine Therapie zu verzichten. Denn in einer strafrechtlichen Massnahme geht es nicht um Heilung, sondern um Reduzierung von Rückfallgefahr. Und die Volksmeinung «Wer solche Delikte begangen hat, verdient keine Therapie» ist im Schweizer Strafgesetzbuch, Gott sei Dank, nicht vorgesehen.

Offen ist, ob Thomas N. neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe eine ambulante oder eine stationäre Therapie verordnet bekommt. Die beiden Psychiater halten beide Massnahmen für möglich. Naheliegend wäre die Anordnung einer ambulanten Massnahme während des Strafvollzugs. Das bedeutet, dass die Behörden erstmals nach 15 Jahren gezwungen wären, zu überprüfen, ob die Therapie den gewünschten Erfolg gebracht hat. Ordnet das Gericht eine stationäre Massnahme an, bei welcher die Freiheitsstrafe zwingend aufgeschoben werden muss, stellte sich die Frage, ob das Gericht nicht gegen das sogenannte Untermassverbot verstösst: Die Dauer der Freiheitsstrafe und die Dauer der erstmalig angeordneten stationären Massnahmen stünden nämlich in einem krassen Missverhältnis.

Die Verwahrung von Thomas N. kommt aber immer noch infrage. Denn sollte die ambulante oder stationäre Massnahme einst scheitern und vom Verurteilten weitere schwere Delikte drohen, kann das Gericht die Verwahrung anordnen.

«Die Verwahrung ist keine Strafe – auch wenn es der Betroffene anders empfindet»: Thomas Hasler.
«Die Verwahrung ist keine Strafe – auch wenn es der Betroffene anders empfindet»: Thomas Hasler.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

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