Pierre Maudet dürfte es ahnen

Er freue sich, wenn er den «Prix Genferei» selbst einmal erhalte, liess der Regierungsrat 2018 in Abwesenheit ausrichten. Nun könnte es so weit sein.

Wird im Sommer mit dem «Prix Genferei» ausgezeichnet: Pierre Maudet. (Archiv)

Wird im Sommer mit dem «Prix Genferei» ausgezeichnet: Pierre Maudet. (Archiv) Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Pierre Maudet wird im Sommer wohl mit dem «Prix Genferei» ausgezeichnet. Das ist kein Ruhmesblatt. Den Preis vergibt eine Gruppe von Genfer Journalisten jener Persönlichkeit oder Organisation, die bei den Genferinnen und Genfern im abgelaufenen Jahr am meisten Kopfschütteln provozierte. Den letzten «Prix Genferei» bekam im Juni 2018 die Kantonspolizei. Die Beamten verdienten sich die Auszeichnung, weil sie in kurzen Hosen und wuchernden Bärten in den Strassen gegen Reformen protestiert und ein liederliches, ja inakzeptables Bild abgegeben hatten.

Auch Sicherheitsdirektor Maudet war an die Preisverleihung eingeladen. Doch er kam nicht. Er freue sich, wenn er den Preis selbst einmal erhalte, richtete er aus. Er ahnte nicht, dass er im Juni 2019 nicht mehr Sicherheitsdirektor, aber Topfavorit für den Erhalt des goldenen Ahornblatts sein würde. Darüber hinaus ehren die Journalisten die Gewinner jeweils mit Witzreden und Schmähgesängen.

Skandale und Streitereien

Doch was ist eigentlich eine «Genferei»? Pierre Maudet versuchte den Deutschschweizer Lesern das Mysterium am Mittwoch in seinem letzten Beitrag als «Blick»-Kolumnist zu entschlüsseln. «Es ist der Weg, um sich irgendwie Gehör zu verschaffen im Rest der Schweiz», so Maudet. Als Genferei gelte auch, «wenn jemand einen kritischen Geist bewahrt, aber auch selbstständig ist und Risiken eingeht. Top oder flop. Das entspricht dem Unternehmergeist, der die zweitgrösste Stadt der Schweiz immer geprägt hat.» Doch sind ein kritischer Geist und risikoreiches Unternehmertum wirklich eine Genferei? Eher nicht.

Davon gehen auch jene Journalisten aus, die den Prix Genferei verleihen. Philippe Bach von der Zeitung «Le Courrier» nennt Maudets Definition «revisionistisch». Sie grenze an «Ketzerei», schreibt Bach. Er hoffe im Übrigen, «dass Pierre Maudet die nächste Übergabe des Prix Genferei nicht schwänzen wird».

Die Kriterien für eine Genferei hat das Preiskomitee längst definiert und präsentiert sie auf ihrer Homepage. Grob gesagt, ist eine Genferei das bewusste Herbeiführen eines behördlichen Missstands oder einer staatlichen Fehlleistung, die in Skandale oder Streitereien ausufert.

Das kann vieles sein: Ein Akt oder ein Projekt, das alle Genfer akzeptierten, welches aber so liederlich geplant ist oder durchgeführt wird, dass es am Ende Unsummen kostet. Ebenso kann eine Genferei ein Projekt sein, über das sich Behörden derart streiten, dass sie es blockieren und das Volk schädigen.

Ein Projekt kann auch immer wieder einmal auftauchen, doch scheint es weder je nützlich zu sein, noch wird es realisiert; im schlimmsten Fall wird es realisiert und ist nach der Realisierung bereits unnütz. Eine Genferei kann auch etwas sein, das schwere, unerwartbare Konsequenzen nach sich zieht und krachend in sich zusammenfällt, wobei die Trümmer mit spezieller Eleganz beseitigt werden. Dabei gilt stets: Eine Genferei ist etwas, wofür sich die Genfer in der Deutschschweiz schämen.

Die schlafende Richterin

Der abgewählte Staatsrat Luc Barthassat bekam den Preis, weil er und seine Vorgänger die Billettpreise der Busse und Trams erhöhen wollten und mit dem immer gleichen Anliegen in kurzer Zeit in gleich drei Volksabstimmungen scheiterten. MCG-Politiker Eric Stauffer wiederum gewann die Auszeichnung wegen seiner dauernden Eskapaden, von denen vor allem die Prügelei mit einem Securitas-Angestellten an der Fête de Genève, der Wasserglaswurf gegen einen Kantonsratskollegen und ein fingierter Drogendeal in der Genfer Altstadt in Erinnerung blieben. Klar ist: Pierre Maudets Lüge über seine Luxusreise nach Abu Dhabi, das Strafverfahren gegen ihn und die anhaltende Regierungskrise enthalten alle Ingredienzien einer Genferei.

Gerade diese Woche ereignete sich in einem Genfer Gericht ein Vorfall, den Genfer bereits als Genferei proklamieren. Eine Richterin schlief während eines Mordprozesses ein. Alle Versuche, sie diskret aufzuwecken, schlugen fehl. Die Anwälte sprechen von einem Skandal. Der Prozess muss wiederholt, die Richterin dürfte ausgewechselt werden. Die Zeitung «Le Temps» identifizierte die schlafende Richterin als Pierre Maudets Schwiegermutter. Ist das nun eine Genferei? Vorsicht ist geboten. Ist eine Fehlleistung die Folge eines körperlichen Malaise oder eines medizinischen Problems, ist das keine Genferei. Als Genferei gelten nur Handlungen, die bei vollem Bewusstsein vorbereitet und zu Ende geführt werden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.02.2019, 10:06 Uhr

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