Der Revoluzzer in Davos

Er ist Ägyptens Hansdampf in allen Gassen und wurde schon als einflussreichste religiöse Figur seines Landes bezeichnet. Nun hat ihn das WEF entdeckt. Wir trafen TV-Prediger Moez Masoud in Davos.

Moez Masoud spricht mit sanfter Stimme über die Revolution. (Video: Jan Derrer)

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«Es ist kalt hier», sagt Masoud beim Treffen im Davoser Hotel Seehof. Fein gekleidet und eloquent im Auftritt sitzt uns der 32-Jährige gegenüber und redet sich gleich ins Feuer. «Das ist unser Kind», sagt er von der ägyptischen Revolution und erzählt von den Zehntausenden, die auch am Mittwoch wieder auf die Strasse gingen.

Der religiöse Muslim und TV-Prediger war am Eröffnungstag Redner an zwei Panels. Im Herzen aber war er zumindest zur Hälfte in Kairo, wie er erzählt. In diesen Tagen jährt sich die Revolution zum ersten Mal, und wieder gingen sie zu Zehntausenden auf die Strasse. «Ich wäre auch gerne dabei.» Er habe den ganzen Tag über immer wieder ägyptische Newssites gelesen. «Wenn es eskaliert wäre, hätte ich Davos gleich wieder verlassen», erklärt er. In Kairo aber blieb es weitgehend ruhig.

Der «Televangelist»

Masoud ist zum ersten Mal hier in Davos am WEF. Und das, obwohl sein Name bereits seit Jahren Strahlkraft weit über sein Land hinaus entwickelt hat. Entdeckt wurde er inzwischen auch von den britischen Medien. Vom «Economist» über BBC bis zum «Telegraph», alle haben sie schon über ihn berichtet. Sie gaben ihm den Übernamen «Televangelist», weil er populäre TV-Shows mit religiösem Inhalt macht. Und das macht er offenbar so gut, dass das – vor allem junge – Publikum in Scharen hinströmt.

Masoud spricht sich für einen gemässigten Islam aus. Aber: «Ihr könnt die arabische Welt nicht mit Europa vergleichen», sagt er uns. Für ihn zum Beispiel macht es keinen Sinn, in einem muslimischen Land Religion und Staat gänzlich zu trennen.

«Lasst die Muslimbrüder machen»

Vom langsamen Wandel in Ägypten lässt sich Masoud nicht entmutigen. Er beteiligt sich an Demonstrationen mit Reden und spricht über die Teilnehmer als «Brüder und Schwestern». Dass nun mit den Wahlen die Muslimbrüder an die Macht kamen, findet er nur logisch: «Die waren am besten organisiert.» Und sie seien vom Mubarak-Regime unterdrückt worden, was beim ägyptischen Volk Mitgefühl und Sympathie geweckt habe. «Lasst die Muslimbrüder machen», sagt er. Und sollte es nicht gut gehen, würden sie auch wieder abgewählt. Davon ist er überzeugt.

Nach Davos ist er gekommen, um von der guten Seite der ägyptischen Revolution zu sprechen. Und er sagt an die westliche Welt gerichtet: «Lasst die arabische Welt jetzt einmal machen.» Wie die letzten Jahrzehnte gezeigt hätten, liesse sich ein Volk zwar unterdrücken, aber letztendlich nicht unterkriegen.

Er soll Mubaraks Geld nach Hause bringen

Masoud ist witzig, er zitiert aus einem Lied von Bob Dylan, er spielt Gitarre und liebt Kunst. Den Koran könne er gar auswendig. Auf Twitter verfolgen über 100'000 seine Kurzbotschaften. Bewege er sich in Kairo auf der Strasse, würden viele von ihm einen Ratschlag fordern – «selbst Christen». Letzteres streicht er heraus. Er versteht sich nämlich auch als Vermittler zwischen den Religionen.

Von der Schweiz weiss Masoud bisher nicht viel. In seinem Heimatland werde die Schweiz mit Ruhe und Ordnung verbunden – und mit Banken. «Als ich meinen Freunden erklärte, ich reise in die Schweiz, sagten sie mir, ich solle gleich auch noch Mubaraks Geld nach Hause bringen», witzelt er.

Er will sein Kind, die Revolution, grossziehen

So wie jetzt in Davos hat Masoud schon viele Vorträge und Reden gehalten. Und populär ist er über die Grenzen Ägyptens hinaus. Trotzdem kann er sich nicht vorstellen, das Land jetzt zu verlassen. «Die Revolution, das ist auch mein Kind.» Und Kinder müsse man ja bekanntlich über 10 bis 15 Jahre grossziehen. Und die Revolution in seinem Land geht weiter, die Menschen strömen auch nach einem Jahr der Demonstrationen noch immer zahlreich auf die Strasse. «Wir schulden das den Getöteten, den Märtyrern», sagt Masoud.

Der junge Ägypter mag selber spannende Debatten, wie er sagt. Und das habe er soeben an einem WEF-Panel erlebt. «Ich habe gleich meine Frau angerufen und ihr gesagt, wie bereichernd diese Veranstaltungen seien.» Wofür Davos gut ist, das hat Masoud bereits entdeckt: nämlich das Netzwerken. Nach unserem Gespräch trifft er sich mit einem Gründer der Siegerpartei der jüngsten Wahlen in Tunesien, der Ennahda. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.01.2012, 09:57 Uhr

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Moez Masoud, wie ihn das WEF beschreibt

Die WEF-Teilnehmer werden allesamt in einem Buch, das einer Bibel gleicht, auf einer Seite vorgestellt. Über Masoud heisst es da unter anderem: «Produktion von islamischen TV- und Radio-Programmen. (...) Organisation von regelmässigen Lesungen über islamisches Recht und die moderne Welt, islamische Erziehung, islamische Spiritualität und Deradikalisierung. (...) Er studierte an der amerikanischen Universität in Kairo und in Cambridge (Religion und Psychologie). (...) Er ist TV- und Radio-Moderator und Aktivist im interreligiösen Dialog. (...) Spielt prominente Rolle in der ägyptischen Revolution. (...) Schlüsselfigur in der sozialen, politischen und ökonomischen Reformation Ägyptens. Ist aktiv in den sozialen Medien. (...) Wurde 2008 als Ägyptens einflussreichste religiöse Person ernannt.»

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