«Man kann die Lohnthematik nicht mit der Brechstange angehen»

Ex-ABB-Chef Fred Kindle ist Dauergast am WEF. Mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht er über die Abzockerdebatte und falsche Erwartungen an Davos.

«Glauben Sie mir, die Frage der Entlöhnung von Managern ist hochkomplex»: Fred Kindle. (Archivbild)

«Glauben Sie mir, die Frage der Entlöhnung von Managern ist hochkomplex»: Fred Kindle. (Archivbild) Bild: Keystone

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Herr Kindle, Sie leben in London und arbeiten dort für eine Beteiligungsgesellschaft. Welche Verbindungen haben Sie noch zur Schweiz und zur Schweizer Wirtschaft?
Ich übe verschiedene Verwaltungsratsmandate bei Schweizer Firmen aus und bin so regelmässig in meiner Heimat. Daneben verfolge ich, was in der Schweizer Wirtschaft vor sich geht.

Sie haben den direkten Vergleich: Hier die britische Wirtschaft mit einem sinkenden Industrieanteil, dort die Schweiz, welche ihren Industrieanteil erstaunlich stabil bei 20 Prozent halten kann. Warum diese Unterschiede?
Grossbritannien war seit über zwei Jahrhunderten ein Industrieland. Zwar setzte man immer auf Innovation, aber bei der Qualität gibt es deutliche Abstriche. So hat man gegenüber anderen Ländern, etwa Japan, Deutschland oder eben auch der Schweiz, deutlich an Boden verloren. In der Schweiz lebt man einen hohen Lebensstandard. Das ist zwar teuer, fördert aber zugleich auch die Innovationskraft. Zudem stellt die aufgeblähte Finanzindustrie in Grossbritannien für den Rest der Wirtschaft eine enorme Konkurrenz dar, auch auf dem Arbeitsmarkt.

Das könnte man für die Schweiz ja auch behaupten.
Ja, aber ich glaube, in der Schweiz ist die Mischung immer noch besser. Im Grossraum London zum Beispiel gibt es praktisch keine grossen Industriekonzerne mehr. Da dominiert die City, das Finanzzentrum. Und dann gibt es noch die KMU.

In der Schweiz läuft der Abstimmungskampf um die Abzockerinitiative. Wird das in London wahrgenommen, schreibt die Presse darüber?
Das ist in London kaum ein Thema, den Zeitungen höchstens eine Randnotiz wert. Ich verfolge die Debatte aber mit grossem Interesse. Und die Entscheidung ist relevant für die Zukunft der Schweizer Wirtschaft.

Wie stehen Sie zur Initiative?
Ich finde den Ansatz der Initiative grundfalsch. Man kann die Lohnthematik nicht mit der Brechstange angehen. Ein Ja zur Initiative würde den Wirtschaftsstandort Schweiz empfindlich treffen.

Verstehen Sie den Unmut in der Bevölkerung?
Den verstehe ich sehr wohl. Wenn in Manageretagen überrissene Löhne bezahlt werden, führt das zu Unmut und treibt letztlich einen Keil durch die Gesellschaft.

Was würden Sie tun gegen die Abzockerei?
Der Verwaltungsrat muss stärker in die Pflicht genommen werden. Er muss dafür sorgen, dass gerechte und faire Entlöhnungen bezahlt werden. Das wird auch so geschehen. Wir hatten in Grossbritannien jüngst Aktionärsversammlungen, wo der Unmut über die Saläre so gross war, dass der Verwaltungsrat nochmals über die Bücher musste.

Warum denn nicht Aktionärsdemokratie in den Unternehmen?
Glauben Sie mir, die Frage der Entlöhnung von Managern ist hochkomplex. Ich kenne das von meiner eigenen Tätigkeit. Und es kann auch nicht sein, dass jedes Mal, wenn eine Lohnentscheidung ansteht, eine Aktionärsversammlung einberufen werden muss. So laufen Verwaltungsräte Gefahr, nicht mehr handlungsfähig zu sein.

In jüngster Zeit hören wir vermehrt von westlichen, vor allem amerikanischen, Konzernen, dass Produktionsprozesse wieder domestiziert werden. Sind das Einzelfälle, oder wird das ein Trend?
Früher waren die vergleichsweise hohen Arbeitskosten für die Verlagerung der Produktion verantwortlich. Die Löhne beginnen sich aber anzugleichen, wenn auch die Differenzen noch gross sind. Zusammen mit anderen Faktoren, welche beim Outsourcing mit Kosten verbunden sind – etwa Transport und Koordination –, kann es sein, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht. Ich glaube aber weniger, dass die Richtung kehrt. Die Verlagerung von Produktionsprozessen wird sich einfach verlangsamen. Möglicherweise noch viel entscheidender in dieser Frage ist die neue Entwicklung im Energiebereich.

Was meinen Sie damit?
Die Schiefergasvorkommen, wie wir sie jetzt in den USA sehen, haben das Potenzial, die Energiekosten massiv zu senken. Das kann für gewisse Branchen – ich denke hier zum Beispiel an die Chemieindustrie – bedeuten, dass es sich wieder lohnt, dort zu produzieren. Es gibt Leute, die bewerten dies als epochalste Veränderung des Wirtschaftsumfeldes in den letzten Jahrzehnten.

Sie sind Dauergast am WEF. Hat sich das Forum in den letzten Jahren verändert?
Im Charakter nicht. Es ist einfach immer grösser geworden. Das Angebot an Veranstaltungen ist inzwischen riesig.

Nicht alle teilen Ihre Begeisterung. Im «Guardian» hiess es in einem Kommentar, Davos sei «intellectually bankrupt». Der allgemeine Vorwurf lautet: viel Gerede und nichts Konkretes.
Das rührt von einem falschen Verständnis für das World Economic Forum her. In Davos wird ja nichts entschieden – ausser vielleicht bei bilateralen Treffen. Es gibt keine Governance. Hier geht es um den Dialog. Und der findet in grösstem Masse statt.

Erstellt: 24.01.2013, 14:00 Uhr

Fred Kindle war in der Schweiz Chef von Sulzer (2001–2005) und ABB (2005–2008). Heute arbeitet er für die Private-Equity-Firma Clayton, Dubilier & Rice in London.

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