Kommentar

Die Plutokraten in Davos

Was Ascot für die britische Aristokratie war, ist das WEF für die neue globale Plutokratie. Das Treffen findet nicht zufällig in der Schweiz statt.

Weltverbesserer in der Schweiz: Ein WEF-Teilnehmer besucht am Tag vor der Eröffnung das Kongresszentrum in Davos. (22. Januar 2013)

Weltverbesserer in der Schweiz: Ein WEF-Teilnehmer besucht am Tag vor der Eröffnung das Kongresszentrum in Davos. (22. Januar 2013) Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In ihrem Buch «Plutocrats» erzählt die kanadisch-amerikanische Finanzjournalistin Chrystia Freeland (Reuters, «Financial Times») folgende Anekdote: Die Gattin eines äusserst erfolgreichen New Yorker Hedgefonds-Managers berichtet ihr, dass ihr Mann sich in Davos sehr viel besser auskenne als in Manhattan. «Zuhause», sagt sie, «wird er stets von einem Chauffeur gefahren; im schneebedeckten Schweizer Dorf hingegen sind die Strassen zu klein für grosse Limousinen. Es ist daher der einzige Ort, wo er tatsächlich zu Fuss geht.»

Das WEF in Davos ist längst nicht mehr das informelle Treffen von Wirtschaftsführern und Spitzenpolitikern, das es vielleicht einmal gewesen sein mag. Heute ist das WEF ein Anlass der neuen globalen Plutokratie geworden. Wer dabei ist, nimmt nicht nur in Kauf, gelegentlich zu Fuss zu gehen, er demonstriert damit vor allem, dass er zur Elite und zu den Gewinnern der Globalisierung gehört. Deshalb mögen die Reden langweilig, die Diskussionen träge und der Champagner warm geworden sein – trotzdem findet sich jedes Jahr Ende Januar eine sehr illustre Gästeschar in Davos ein.

Von der Bilderberg-Konferenz bis Wimbledon

Wie einst die Pferderennen in Ascot ein Pflichtanlass für die britische Aristokratie gewesen waren, ist das WEF der Auftakt zu den Treffen der neuen Plutokratie geworden. Weitere Anlässe kommen im Lauf des Jahres hinzu: Die Veranstaltung der Bilderberg-Gruppe, die an wechselnden Orten stattfindet. Am Boao Forum treffen sich die Princelings aus China mit der westlichen Elite. Die Veranstaltungen des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton, die Clinton Global Initiative, entwickeln sich zu einem Must, ebenso die Tagung des Medienmoguls Herb Allen in Sun Valley und das Aspen Ideas Festival. Ein Kurzbesuch am Tennisturnier von Wimbledon macht sich ebenfalls nicht schlecht.

Fast 4000 Superreiche leben in der Schweiz

Wer sind die neuen Plutokraten? Im Bankenjargon werden sie UHNWI genannt: Die Abkürzung steht für «ultra high net worth individuals», ein englischer Ausdruck für Superreiche. Sie sind zu einer weltumspannenden Gruppe geworden. «2011 gab es 84'700 UHNWI auf der Welt», stellt Freeland fest. «29'000 besassen dabei ein Vermögen, das grösser als 100 Millionen Dollar war und 2700 besassen mehr als eine halbe Milliarde. 37'500 UHNWI leben in Nordamerika (44 Prozent); 23'700 in Europa (28 Prozent); und 13'000 in Asien.»

In der Schweiz leben derzeit 3820 UHNWI. Absolut gesehen liegt die Eidgenossenschaft damit auf Platz vier der internationalen UHNWI-Hitparade. Umgerechnet auf die Bevölkerung belegt sie einen einsamen Spitzenplatz. «Einige Länder haben sich zu einer Art Dienstleistungsgesellschaft für die Angehörigen der globalen Plutokratie entwickelt», so Freeland. «Für die Schweiz und Monaco gilt dies seit Generationen. Neuerdings gesellen sich auch Singapur und Hongkong dazu.»

Der Aufstieg der neuen Plutokratie

Die neue Plutokratie verdankt ihren Aufstieg zwei Faktoren: der Globalisierung und dem technischen Fortschritt. Beides zusammen hat dazu geführt, dass sich die Einkommensschere in den beiden letzten Jahrzehnten massiv geöffnet hat. Heute verläuft der Graben nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Mittelstand und Superreichen. Wer zu den UHNWI gehören will, muss nicht ein Dutzend Mal so viel verdienen wie ein Normalsterblicher, er muss ein Hundertfaches mehr verdienen. Das weckt Aggressionen.

Die Plutokratie profitiert vom Abstieg der Nationalstaaten. Sie profitiert von rund um den Erdball verstreuten Konsumenten und machtlos gewordenen Staaten, die nicht mehr in der Lage sind, vernünftig Steuern zu erheben. Das wird gefährlich. Die Wut des Mittelstandes auf die neue Elite steigt. Auch in der Schweiz. Die emotional geführte Debatte um die Abzockerinitiative ist das beste Beispiel dafür. Es ist nicht mehr Linke gegen Rechte, sondern Mittelstand gegen UHNWI. Deshalb kommt es bei der Minder-Initiative auch zur Verbrüderung von SP und Teilen der SVP.

Die Schweiz wird sich entscheiden müssen

Geopolitisch wird diese Entwicklung für die Schweiz immer stärker zu einem Problem. Im Kalten Krieg war sie eine neutrale Insel, die vom Kommunismus bedrohten Bürgern Schutz bot. Heute ist sie eine Oase für UHNWI geworden. Deshalb steigt der Druck auf unser Land, sei es wegen des Bankgeheimnisses oder wegen Steuerabkommen. Bloss auf die bösen USA oder die noch bösere EU zu schimpfen, reicht nicht mehr. Die Schweiz wird sich entscheiden müssen, auf welcher Seite sie steht: auf der Seite der Plutokraten – oder des Mittelstandes.

Erstellt: 22.01.2013, 15:17 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Bildstrecke

Bekannte WEF-Teilnehmer

Bekannte WEF-Teilnehmer Das WEF gilt als Stelldichein der internationalen Wirtschaftsführer und Staats- und Regierungschefs. Wer sich für das 43. Forum angemeldet hat.

Artikel zum Thema

Das sind die prominentesten WEF-Teilnehmer

An einer Medienkonferenz wurden die wichtigsten Teilnehmer des diesjährigen WEF präsentiert – unter anderem 40 Staats- und Regierungschefs. Mehr...

Wie in den USA eine Hand die andere wäscht

Reiche Spender, beflissene Politicos: Die Vereinigten Staaten laufen Gefahr, zu einer Plutokratie zu werden. Wie niemals zuvor bedroht der Einfluss des Geldes die amerikanische Demokratie. Mehr...

Die Pleite des Plutokraten

Analyse Mitt Romney redete sich um Kopf und Kragen mit seinen heimlich mitgeschnittenen Äusserungen. Überraschend ist das nicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Durchgestartet als alleinerziehende Mutter

Paid Post

Wie zahlen sich Investitionen in Analytics und KI aus?

Analytics und künstliche Intelligenz (KI) stehen bei vielen Unternehmen oben auf der Agenda. Das bedeutet aber nicht, dass die Investitionen auch zu einem geschäftlichen Mehrwert führen.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...