Wer in der «Arena» den grössten Stimmen-Wirrwarr verursacht

Zu welchen Themen reden die Studiogäste am meisten durcheinander? Und vor allem: Wer tut das? Eine Text-Analyse der Untertitel der Schweizer Polit-TV-Sendung verrät es.

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Die wöchentliche Politsendung «Arena» hat den Anspruch, die Politdebatten der Schweiz besonders genau abzubilden. Parlament und Öffentlichkeit, Gewerkschaften und Arbeitgeber, Bundesräte und Gemeindepräsidenten – alle sollen auf Augenhöhe diskutieren können. Die Sendungsmacher müssen allerdings immer wieder mit dem Vorwurf leben, nur die schrillen Töne des Politbetriebs zuzulassen; und damit, dass es ihnen nicht wirklich darum geht, alle politischen Beteiligten eine gleich grosse Diskussionsbühne zu geben, sondern diejenigen zu fördern, die eine möglichst kontroverse Polit-Parole bieten.

Einen Hinweis zur Qualität der Gesprächskultur gibt die Anzahl Momente, in denen es zum Stimmenwirrwarr kommt. Das passiert pro Sendung im Schnitt sechsmal. Das zeigt die Inhaltsanalyse aller Untertitel der «Arena». Keiner der Gäste hört in diesen Chaos-Phasen mehr zu, jeder redet drauf los, während der Moderator mit den Armen wedelt und nach Ordnung ruft. Für die letzten fünf Jahre tat das Jonas Projer. Ab 17. Mai wird er von seinem Nachfolger Sandro Brotz abgelöst.

Sechsmal Wirrwarr pro Sendung im Schnitt ist aus Sicht der Zuschauer wohl überschaubar. Auf Anfrage wies das Schweizer Fernsehen darauf hin, dass ein Durcheinander-Reden in jeder Gesprächssituation vorkommen könne.

Es gibt allerdings etliche «Arena»-Ausstrahlungen, die sehr von diesem Durchschnitt abweichen. Vor allem dann, wenn das SRF den SVP-Politiker Christoph Blocher einlädt. Der frühere Chefstratege der grössten Schweizer Partei war in den letzten drei Jahren siebenmal in der «Arena» zu Gast. Mit ihm schnellte der Wert jeweils hoch, im Schnitt auf 11 Phasen, in denen niemand mehr dem anderen zuhörte. In der Sendung «Blocher – auf zum letzten Gefecht» vom 9. März 2018 redeten die Gäste insgesamt 22-mal durcheinander. Neben Blocher waren das Philipp Müller, der frühere FDP-Präsident (AG), Cédric Wermuth, SP-Nationalrat (AG), und Camille Lothe, Präsidentin der Jungen SVP (ZH).

Es ging in der Polit-Diskussion um die EU-Wirtschaftspolitik. Vor allem Wermuth und Blocher unterbrachen einander dabei immer wieder mit langen Zwischenrufen. Das Programm endete mit Blocher, der gar nicht mehr zu reden aufhören wollte, bis Moderator Projer verzweifelt rief: «Jetzt ein Applaus für alle, die sich für die Schweiz einsetzen, das sind wir nämlich alle.»

Das SRF brockt sich das selber ein. Blocher figuriert nicht nur als Gast, sondern wird regelmässig auch selber zum Thema. Etwa in der Sendung «Blocher gegen alle» vom 22. September 2017. In dieser Ausstrahlung kam es 17-mal zu längeren Zwischenrufphasen. Die Sendung vom 4. November 2016 trug den Namen Blocher zwar nicht im Titel. Doch auch die Ausstrahlung «Wer hat das Sagen im Land?» war auf eine Konfrontation mit Blocher und seinen Ideen angelegt. Dieses Mal war der umstrittene deutsche AfD-Politiker Alexander Gauland eingeladen; dazu Tiana Moser, GLP-Nationalrätin (ZH) und Eric Nussbaumer, SP-Nationalrat (BL). Auch in dieser Sendung brach 17-mal das Chaos aus.

Doch Blocher ist nicht alleine für das Durcheinander in der «Arena» verantwortlich. Für viel Stimmen-Chaos sorgte auch die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November 2016. In den Wochen nach dem überraschenden Wahlsieg des US-Milliardären lud die «Arena»-Redaktion mehrmals zu entsprechenden Talk-Runden: Am 18. November 2016 etwa zum Thema «Kapitalismus oder Klassenkampf – Was sind die Rezepte der Linken gegen Trump?», eine Woche zuvor zu «Wieso Trump?». In diesen Sendungen kam es 21-mal respektive 13-mal zu Stimmenwirrwarr.

Gut möglich, dass die Jahreszeit eine Rolle spielt. Die Analyse zeigt, dass gerade im November das Stimmenwirrwarr in der «Arena» zunimmt. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. In der Regel stehen wichtige Abstimmungstermine an. Auch die Sendung mit dem grössten Stimmendurcheinander überhaupt fällt in diese Jahreszeit. Es handelt sich um die Sendung «Gekaufte Abstimmungen» im Vorfeld der Transparenz-Initiative. Darin kam es 31-mal zu einem Stimmenwirrwarr; ein Wirrwarr beinahe alle zwei Minuten.

Zur Diskussion stand die Transparenz von Wahlkampfspenden. Kaum hatten die Gäste Claudio Zanetti, Zürcher SVP-Nationalrat, Hans-Peter Portmann, Zürcher FDP-Nationalrat, der Journalist Otto Hostettler, Präsident des Vereins Lobby Lobbywatch, und die Zürcher BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti, sich vorgestellt, redeten sie darauf los – alle gleichzeitig. Am meisten Zeit ungestört zu reden bekam ganz am Ende nur die Komikerin Patti Basler. Sie fasste in einem Slam das Gespräch der Gäste zusammen.

Das SRF sagt, mal seien Sendungen sachlicher, mal emotionaler. Das liege in der Natur der Sendung. Und weiter: «Darum braucht es auch eine starke Moderation, die eingreift, wenn die Diskussion überbordet. Das heisst aber nicht, dass man jede Emotion abklemmen muss und dem Gespräch bis zu einem gewissen Grad nicht auch seinen freien Lauf lassen darf.»

Ein Blick auf die Sendungen mit ordentlicheren Diskussionsverläufen zeigt allerdings: Es gibt durchaus ein Rezept gegen das Stimmen-Wirrwarr, abgesehen davon, Christoph Blocher etwas weniger einzuladen. Immer dann nämlich, wenn ein Bundesrat zur Sendung geladen war, fällt das Durcheinander deutlich geringer aus. Auf fünf Momente pro Sendung. Handelte es sich um eine Bundesrätin – Doris Leuthard oder Simonetta Sommaruga – sinkt der Stimmen-Wirrwarr-Schnitt gar auf unter vier pro Sendung. Allein die Autorität der Bundesrätinnen und Bundesräte und offenbar auch ihr Geschlecht sorgen bei der «Arena» offenbar für ordentliche Diskussionsverhältnisse.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.05.2019, 18:51 Uhr

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Analysiert wurden die Untertitel aller 84 «Arena»-Ausstrahlungen mit insgesamt 472 Gästen von März 2016 bis März 2019. Zur Verfügung gestellt wurden die Text von Swisstxt, einer SRG-Tochter, die zu jeder Sendung im SRF Untertitel für Gehörlose zur Verfügung stellt. Immer wenn etwas Ausserordentliches im Fernseh-Studio passiert, wird dies in den Untertiteln ausgewiesen: «Bedrohlicher Geigenton», «Lachen im Publikum», «Sie sprechen durcheinander» oder «Christoph Blocher murmelt etwas». Mithilfe von Computer-Code wurden aus den 780'000 Wörtern die Spezialhinweise zu Lachern und Durcheinanderreden herausgefiltert. (bsk)

Details zur Datenanalyse und ein Beispiel-Datensatz sind auf Github zu finden.

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