«Werum? Waas häsch?» – wie Migranten Schwiizertüütsch lernen

Dania Murad aus Syrien verstand im Emmental zu Beginn gar nichts. Jetzt soll ein neues Lehrmittel den Flüchtlingen das Deutschlernen erleichtern.

Sie stehen vor einem ersten grossen Meilenstein: Anna Schmid (l.) und Dania Murad. Foto: Adrian Moser

Sie stehen vor einem ersten grossen Meilenstein: Anna Schmid (l.) und Dania Murad. Foto: Adrian Moser

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19 Jahre alt ist Dania Murad, als sie im Februar 2014 mit ihren Eltern und Geschwistern aus Aleppo in die Schweiz flieht. Hinter ihr liegen drei Jahre Bürgerkrieg. Vor ihr liegt ein ganzes Leben, aus dem sie trotz Krieg und Flucht etwas machen will. Doch dafür, das ist der Palästinenserin klar, muss sie im neuen Land zuerst die Sprache lernen.

Familie Murad landet in Konolfingen, wo Dania ungeduldig darauf wartet, bis sie nach 3½ Monaten endlich einen Deutschkurs beginnen kann. Sie ist sprachlich talentiert, und dass sie bereits in Syrien Englisch gelernt hat, hilft zusätzlich. Doch im Emmentaler Alltag erlebt sie eine Enttäuschung nach der anderen. «Der Dialekt war für mich unverständlich.» Selbst als sie im Deutschkurs bereits das Niveau B1 erreicht, kann sie auf der Strasse oft selbst einfachste Sätze nicht verstehen. «Es war demotivierend.»


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Seither sind vier Jahre vergangen, und heute kommt Dania Murad sogar mit Berndeutsch recht gut zurecht. Hochdeutsch spricht sie inzwischen derart gut, dass sie ein Jusstudium an der Universität Bern begonnen hat. Doch ihre schwierige Anfangszeit in der Schweiz hat sie nicht vergessen. In ihrer Freizeit setzt sie sich dafür ein, dass es Flüchtlinge künftig etwas leichter haben sollen als sie damals.

«Werum? Was häsch?»

Seit zwei Jahren arbeitet Dania Murad mit bei «voCHabular». Der Verein wurde 2016 gegründet mit dem Ziel, das erste Selbstlernmittel für Hochdeutsch und Schweizerdeutsch herauszugeben. 50 Freiwillige arbeiten mit, sie kommen wie Murad aus Syrien, aber auch aus der Schweiz, aus Afghanistan oder Äthiopien. Gemeinsam erfinden und übersetzen sie Dialoge, stellen Vokabulare zusammen, kreieren grammatikalische Übungen, zeichnen Illustrationen und programmieren eine App.

Nun steht der Verein vor seinem ersten grossen Meilenstein: Nach zweijähriger Arbeit erscheinen am 21. September die ersten 1000 Exemplare des Selbstlernmittels mit total 369 Seiten. Zunächst gibt es drei Sprachversionen: Englisch, Arabisch und Persisch. Ausgaben in Amharisch und Tigrinya, welche in Äthiopien und Eritrea gesprochen werden, sind in Arbeit; weitere Sprachen sollen folgen.

Gerade für Zuwanderer ist Schweizerdeutsch oft schwierig zu verstehen: Sprachkurs im Kanton Graubünden. Foto: Keystone

Murad arbeitet an der arabischen Ausgabe mit. Sie hat Übungen und Erklärungen übersetzt und Dialoge auf Band gesprochen. Im Buch ist jeder Übungssatz dreisprachig und dreifarbig gestaltet: Schwarz für die Ausgangssprache, also zum Beispiel Arabisch, Grün für Hochdeutsch und Blau für Schweizerdeutsch. Genauer: für Zürichdeutsch.

«Wir mussten uns halt für einen Dialekt entscheiden», sagt Anna Schmid, ebenfalls Studentin in Bern und Co-Projektleiterin bei «voCHabular». Für Zürichdeutsch sprach laut Schmid, dass es erstens auf vielen Fernseh- und Radiosendern gesprochen werde. Zweitens sei es einfacher zu verstehen als andere Deutschschweizer Dialekte. Als Basis dient das Zürichdeutsch-Wörterbuch von Heinz Gallmann.

Grundsätzlich kann das neue Selbstlernmittel jeder nutzen, der Deutsch oder Schweizerdeutsch lernen will, auch ein Expat. Primär zugeschnitten sei es aber auf Flüchtlinge, sagt Schmid. Die Dialoge im Buch drehen sich um Alltagssituationen beim Arzt, bei Behörden, im Treppenhaus. Das klingt dann etwa so: «Hallo Betty. Wie gaat s diir?» – «Hallo Patrick. Nöd esoo guet.» – «Werum? Waas häsch?» – «Iich han Chopfweh.»


«Mir hätte ein solches Lehrmittel geholfen, schneller auch Dialekt zu verstehen.»
Dania Murad

Zudem gibt es Infotexte, die das Leben in der Schweiz erklären – etwa ob man sich bei der Begrüssung ein, zwei, drei oder gar kein Küsschen geben soll. Mit dem Buch verknüpft ist eine App mit Audiodaten: Bei jedem Dialog steht ein QR-Code. Wer diesen mit dem Handy einscannt, bekommt die Sätze vorgesprochen – in Hoch- und Schweizerdeutsch.

Lerntempo selbst bestimmen

Das Projekt «füllt eine Lücke», sagt Anna Schmid. Ein vergleichbares Selbstlernmittel für Schweizerdeutsch gebe es bisher nicht. Dabei verfolge man nicht das Ziel, dass die Lernenden Schweizerdeutsch reden würden. «Beim Dialekt geht es uns primär um das Hörverständnis.» Das Lehrmittel soll autodidaktisches Lernen möglich machen. Sie wäre froh gewesen, sie hätte damals ihr Lerntempo selber bestimmen können, sagt Murad. Im Deutschkurs in Konolfingen sass sie zum Teil mit Schülerinnen und Schülern in der gleichen Klasse, die noch nicht einmal das Alphabet kannten.

Finanziert wird die Arbeit mit Spenden. Ein Crowdfunding brachte 2017 über 17 000 Franken ein, mehrere Stiftungen stellten 65 000 Franken zur Verfügung. Die rund 50 Mitarbeiter erhalten nur die Spesen vergütet. Das Lehrmittel kann online gratis bestellt werden. Verteilt werden soll es in Asylzentren, über Betreuungsorganisationen wie die Heilsarmee oder über die Anbieter von Deutschkursen.

«Mir hätte ein solches Lehrmittel geholfen, schneller auch Dialekt zu verstehen», sagt Dania Murad, die heute 23-jährige Palästinenserin. Und Anna Schmid, die 26-jährige Schweizerin, meint: «Wir hoffen, dass unser Lehrmittel es für viele Menschen einfacher machen wird, sich in der Schweiz willkommen zu fühlen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2018, 15:05 Uhr

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