«Wir erstellen keine Wählerprofile»

Economiesuisse soll für ihre Kampagnen Facebook-Nutzer ausspähen. Kommunikationschef Michael Wiesner widerspricht.

Mit dieser Seite soll Economiesuisse Facebook-Daten absaugen: europapolitik.ch (Bild: Screenshot).

Mit dieser Seite soll Economiesuisse Facebook-Daten absaugen: europapolitik.ch (Bild: Screenshot).

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Seit Brexit und Trump steht Big Data als digitaler Wahlhelfer im Fokus – Stichwort Abstimmungs-Targeting mit Facebook-Ads. Was halten Sie davon?
Die mediale Berichterstattung übertreibt den Einfluss solcher digitalen Mikro-Targeting-Instrumente. Mit massgeschneiderter Werbung und Nutzerprofilierung auf Facebook lässt sich sicherlich Aufmerksamkeit erzeugen. Aber letztlich denken Menschen, was sie denken. Es geht in erster Linie darum, bestimmte Zielgruppen, die mit einer Sache oder einer Person bereits grundsätzlich einverstanden ist, zu sensibilisieren respektive zu mobilisieren.

Letzte Woche berichtete Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass auch Economiesuisse Big Data benutze. Am Wochenende schrieb der langjährige Online-Campaigner und frühere Parteisekretär der Zürcher Grünen, Daniel Graf, auf seinem Blog, dass Sie auf Ihrer Plattform «Stark und vernetzt» systematisch Wählerprofile sammeln würden.
Das ist komplett falsch. Das Hauptziel unserer Website www.europapolitik.ch ist die langfristige Sensibilisierung für eine konstruktive Beziehung zu Europa. Jede und jeder kann sich als Unterstützer zu einer konstruktiven Europapolitik bekennen und Teil der Kampagne werden. Dazu genügt eine E-Mail-Adresse. Die Plattform ist nur ein Teil einer Kampagne, die seit Mai 2015 läuft. Damit wollen wir einen konstruktiven Ansatz in die Europa-Debatte einbringen. Diese wird momentan sehr stark von konservativen und nationalistischen Kräften geprägt. Letztlich geht es uns bei «Stark und vernetzt», das neben den Wirtschaftsverbänden auch von der FDP, CVP, GLP, von Universitäten oder dem Städteverband unterstützt wird, darum, die Bilateralen zu sichern.

Warum muss man sich vorgängig entweder via Facebook oder per E-Mail anmelden?
Sie müssen nicht, man kann auch ohne Registrierung die Inhalte der Website lesen. Aber mit der Anmeldung via Facebook oder der E-Mail-Adresse signalisiert der Nutzer Unterstützung für unser Anliegen. Die Website ist ja als Mitmach-Kampagne angelegt worden.

Und anschliessend werden die aktuell 6000 Registrierten mit Pro-Europa-Propaganda bombardiert?
Wenn sich jemand mit Namen einträgt, signalisiert er klar, dass er ein Unterstützer ist. Sie werden mit Informationen bedient oder beispielsweise gefragt, ob sie an einem Event teilnehmen möchten. Dies wird jedoch ganz klar vor der Anmeldung offengelegt. Zudem kann man sich jederzeit ganz unkompliziert abmelden. Es gibt etliche vergleichbare Plattformen, die nach dem gleichen Prinzip funktionieren. Auch Daniel Graf betreibt Mitmach-Websites.

Angenommen, ich melde mich bei Ihrer Website an, muss ich damit rechnen, dass Sie mich später von der Unternehmenssteuerreform (USR) III zu überzeugen versuchen?
Nein. Ohne Ihre Einwilligung werden Ihre Daten nicht für andere Kampagnen verwendet, bei uns ist alles transparent. Aber bei europapolitischen Themen würden wir Sie anfragen, ob Sie uns beispielsweise mit einem Online-Statement unterstützen möchten.

Graf behauptet, dass es aus Perspektive des Datenschutzes eine heikle Sache sei, wenn die gesammelten Informationen in Datenbanken aggregiert und etwa für Wählerprofile verwendet werden.
Wir erstellen ausdrücklich keine Wählerprofile.

Und was ist mit dem Facebook-Freundeskreis der Angemeldeten? Werden diese ausgewertet?
Nein, das ist ein grosses Missverständnis. Auch entgegen dem kürzlich erschienenen Bericht der «Schweiz am Sonntag» muss ich festhalten, dass wir keine solchen Informationen von Facebook verwenden oder gar speichern. Facebook Connect unterstützt lediglich den automatischen Anmeldeprozess. Wir nutzen ausschliesslich personenbezogene Informationen wie beispielsweise Name, Vorname, Adresse und Geburtsdatum. Wir spähen keine Likes oder Freunde auf Facebook aus.

Aber unter Datenschutz heisst es auf Ihrer Website: «Daten zu deinen Aktivitäten: Angaben, welchen Freunden du welche Informationsnachrichten gesendet hast.»
Richtig, das hat aber nichts mit Facebook zu tun. Wir bieten auf unserer eigenen Website die Möglichkeit an, dass man Freunde via E-Mail für die Kampagne mobilisieren kann. Falls jemand das entsprechende Formular ausfüllt, wird dies gespeichert – darüber klärt dieser Passus auf. Über Aktivitäten auf Facebook haben wir keine Informationen.

Aber Economiesuisse hat doch bestätigt, dass man gezielt bestimmte Personengruppen via Facebook ansprechen würde.
Das ist wieder etwas anderes und hat nichts mit unserer Mitmach-Website zu tun. Jedermann kann über den Werbeanzeigen-Manager von Facebook zielgruppenspezifische Botschaften an Facebook-Nutzer versenden. Wir können beispielsweise eine bestimmte Altersgruppe in einer Region definieren und anschliessend Facebook einen entsprechenden Auftrag erteilen. Wer aber genau ausgewählt wird, entscheidet Facebook, denn nur Facebook hat Einblick in seine Daten. Wir kennen die angesprochenen Personen also nicht und verfügen über keinerlei Daten von beworbenen Personen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2016, 18:43 Uhr

Michael Wiesner, Kommunikationschef Economiesuisse.

Big Data

Kann Facebook Wahlen und Abstimmungen entscheiden?

Was sagen unsere Facebook-Likes über uns aus? Wer profitiert von unserer offenen Darstellung von Vorlieben in den sozialen Netzwerken? Seit dem überraschenden Wahlsieg Trumps rätseln die Öffentlichkeit wie Experten über dessen Ursachen. Eine diskutierte Erklärung ist der Einsatz von Big Data.

Vor zwei Wochen sorgte ein im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» erschienener Artikel über die britische Firma Cambridge Analytica (CA) für grosses Aufsehen. Demnach soll eine neue Form der Big-Data-Analyse Menschen aufgrund ihres Facebook-Verhaltens so durchleuchten, dass mit dem gewonnenen Wissen unter anderem auch Wahlen beeinflusst werden können.

Letzte Woche berichtete Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse gezielt auf Facebook setze. Facebook verfügt seit gut zwei Jahren über ein Werkzeug, das jedem Nutzer mit ein paar Klicks erlaubt, eine gezielte Werbekampagne zu lancieren. Es trägt den Namen «Facebook Business Manager» und ist unter https://business.facebook.com aufrufbar. Unternehmen setzen bereits länger darauf, auch in der Schweiz. Economiesuisse soll kurz vor der Abstimmung über die Atomausstiegsinitiative gezielt, massiv und massgeschneidert Onlinewerbung auf Facebook geschaltet haben. Am Wochenende berichtete die «Schweiz am Sonntag», dass der Verband auf seiner europapolitischen Propanda-Plattform «stark und vernetzt» dank der US-Software Blue State Digital gezielt erfassen kann, wer welchen Freunden welche Informationsbotschaften zugesendet hat. (TA)

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