«Wir haben Angst um unser Stück Kuchen»

Beim Fussball sind sie sich einig, bei der EU nicht: Darüber reden ein 28-jähriger Politikwissenschaftler und ein 58-jähriger Polier.

«Wir müssen das Glück teilen», findet Philipp Möhr, der Jüngere (l.). «Das ist, als ernten andere das Gemüse, das wir lange angepflanzt und gepflegt haben», findet Bruno Cogliati, der Ältere (r.)

«Wir müssen das Glück teilen», findet Philipp Möhr, der Jüngere (l.). «Das ist, als ernten andere das Gemüse, das wir lange angepflanzt und gepflegt haben», findet Bruno Cogliati, der Ältere (r.) Bild: Rafaela Roth

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Wädenswil – Irgendwann kommt das Gespräch auf das Glück. Beide schätzen sich glücklich, Philipp Möhr, der 28-jährige Politikwissenschaftler, und Bruno Cogliati, der 58-jährige Polier. Sein Geburtsort Wädenswil ist Cogliatis Glück – hoch auf den Wädenswiler Berg zu laufen und runter auf den ruhig vor sich hin treibenden Zürichsee zu blicken. Wenn man den See denn sieht. Heute treiben dichte Nebelwolken über dem Wasser.

Möhr mag Musik und Wandern, Cogliati liebt Fasnacht und Festbeizen.

Die beiden sitzen oben im Städtchen Wädenswil, Café City, zwei Männer, die gegensätzlicher nicht denken könnten. Jetzt trennt sie nur noch ein cremefarbenes Tischtuch mit aufgestickten Blumen. Der eine (Cogliati) bestellt im Verlauf des Gesprächs drei «Käfeli», der andere (Möhr) einen «Blieb gsund»-Zmorge mit Pfefferminztee.

«Wir müssen das Glück teilen», findet Möhr, der Jüngere. «Das ist, als ernten andere das Gemüse, das wir lange angepflanzt und gepflegt haben», findet Cogliati, der Ältere. Möhr mag keine Autos, Cogliati hasst aggressive Fahrradfahrer. Möhr mag Musik und Wandern, Cogliati liebt Fasnacht und Festbeizen. Möhr findet, den Schweizern gehe es heute besser als vor zehn Jahren, Cogliati findet, ihnen gehe es schlechter. Möhrs Bart ist braun, Cogliatis bereits weiss.

Sollen Homosexuelle Kinder adoptieren?

Instinktiv suchen die beiden zu Beginn des Gesprächs nach Gemeinsamkeiten. Eine haben sie sowieso: Sie sind bereit, mit dem anderen zu reden. Eine weitere: Fussball. Den mochten sie beide. Zumindest bevor Spieler zu Millionen gehandelt wurden und die Fifa endgültig als korrupt aufflog. Ebenfalls sind sie sich einig, dass allen schon geholfen wäre, wenn die Umverteilung von den Reichen zu den Armen besser funktionieren würde.

Cogliatis Gesicht wird während des Gesprächs etwas röter. Er hat es ja selbst erlebt, wie es ist, anders zu sein.

Nur den Weg dahin gehen sie anders. Kein Grund, sich zu streiten. Nicht mal, als es dem Herrn Cogliati «halt einfach gegen den Strich» geht, dass Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen sollen, und Herr Möhr «das argumentativ nicht ganz nachvollziehen kann», erheben sich ihre Stimmen. Sie sind nicht gekommen, um sich zu überzeugen, sondern um zuzuhören.

Video – Wenn Fremde über Politik reden

Wie wars? Ein «Schweiz spricht»-Pärchen erzählt. (Video: Aleksandra Hiltmann/Mathias Möller)

Fast schon entschuldigend schneidet Cogliati ein Thema an, «bei dem wir wohl nicht einer Meinung sind»: die baldige Abstimmung über die Selbstbestimmungsinitiative. Möhr ist dagegen. Gemeinsame völkerrechtliche Regeln mit der Europäischen Union und der Welt will der 28-Jährige, der für das Statistikamt der Stadt Zürich arbeitet, nicht missen. «Die Würde des Menschen ist eine länderübergreifende Angelegenheit», sagt er. Doch was ist, wenn die EU dann sagt, St. Gallen und das Tessin dürften nicht die Burka verbieten, wenn es das Volk doch will?, fragt Cogliati. «Ist es nicht viel eher das Problem, dass wir über Dinge abstimmen, die völkerrechtlich fragwürdig sind?», fragt Möhr zurück.

Cogliatis Gesicht wird während des Gesprächs etwas röter. Er hat es ja selbst erlebt, wie es ist, anders zu sein. «Wir Tschingge wurden damals auf dem Pausenplatz schon geklopft», sagt er. Cogliati, mit norditalienischen Eltern, aber auch mit Zürischnure, weil hier geboren, hat sich schon damals, «wenn es hart auf hart kam», instinktiv mit den Schweizern zusammengetan. Dann hat er eben auch Tschingge geklopft.

Abgehängte Kreuze

«Wer in der Schweiz ist, muss sich anpassen», sagt Cogliati. Denn wer in der Schweiz lebt, hat ein riesiges Glück. Und um dieses fürchtet er. Cogliati zeigt auf eine Gruppe junger Ausländer, die draussen zum Bahnhof runter läuft. «Wenn man dann so eine Gruppe sieht...» – «Ja, aber doch nur, wenn man sie nicht kennt!», sagt Möhr. Auch die da draussen seien ja nur auf der Suche nach dem Glück. «Wir haben halt Angst um unser Stück Kuchen», sagt Cogliati und sorgt sich, wenn die Kreuze im Schulzimmer abgehängt werden.

Vielleicht könne er ja an seiner Angst arbeiten, sagt Cogliati. Er könne die Angst ja durchaus verstehen, sagt Möhr.

Die Schweiz könne nicht nur stolz darauf sein, dass alle Mädchen zum Schwimmunterricht gehen, sondern auch auf grössere Dinge, wie ihre humanitäre Tradition, meint Möhr. «Die Schweiz als Willensnation sollte eigentlich auch Meister darin sein, anderen Menschen zu helfen, andere zu integrieren», sagt er. Und wenn man weniger Flüchtlinge wollte, sollte die Schweiz auch keine Waffen exportieren.

Cogliati nickt. Zweieinhalb Stunden vergehen wie im Flug, das dritte Käfeli ist leer, das Birchermüesli aufgegessen. Vielleicht könne er ja an seiner Angst arbeiten, sagt Cogliati. Er könne die Angst ja durchaus verstehen, sagt Möhr. Die Männer bedanken sich für das gute Gespräch.

Es ist Mittag geworden. In Wädenswil hat sich der Nebel etwas gelichtet.

Video – «Verständnis für die Ansichten des anderen»

Ein Pärchen aus Zürich. Video: Sarah Fluck

Erstellt: 21.10.2018, 19:08 Uhr

«Die Schweiz spricht»

Streitlustige Pärchen bildeten sich am 21. Oktober im ganzen Land, von der Romandie bis in die Ostschweiz. Insgesamt 697 solche Pärchen hatten sich herausgebildet. Man diskutierte über die Frage «Soll sich die Schweiz stärker der EU annähern?». Oder: «Wird in der Schweiz zu viel Land überbaut?»

Über die Webseiten von Schweizer Medien hatten sich Interessierte im Spätsommer angemeldet, ein Algorithmus hatte die Teilnehmer zu Pärchen verkuppelt. Je weiter voneinander entfernt die Meinungen und je grösser die geografische Nähe, desto wahrscheinlicher der «Match». Die jüngsten angemeldeten Teilnehmer waren 18 Jahre alt, die ältesten 77.

Vorlage war «Deutschland spricht», eine Aktion der «Zeit». Letztes Jahr hatte die Wochenzeitung erstmals die Deutschen dazu eingeladen, mit Andersdenkenden zu diskutieren. (lsch)

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