Wo am wenigsten Männer unterrichten

Die Zahl der männlichen Lehrer nimmt kontinuierlich ab. In einem Kanton ist die Quote besonders tief.

Schülern fehlt im Bildungswesen oft ein männliches Vorbild: Ein Mann unterrichtet in Glarus.

Schülern fehlt im Bildungswesen oft ein männliches Vorbild: Ein Mann unterrichtet in Glarus. Bild: Keystone

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Im Postauto baumelt ein Plakat. Mit dem Foto eines jungen Mannes wirbt die Pädagogische Hochschule Bern für die Lehrerausbildung. Genau gleich, wie es andere Ausbildungsinstitute seit Jahren auch tun. Und wie alle anderen auch: mit tiefen Erfolgsaussichten.

Das öffentliche Bildungswesen ist in der Schweiz klar in weiblicher Hand: Bei 69 Prozent der insgesamt rund 120’000 Lehrkräfte handelt es sich um Frauen. Die Männer sind mit 31 Prozent in den Schulstuben stark untervertreten. Das zeigt eine Auswertung neuer Zahlen des Bundesamts für Statistik für das Schuljahr 2017/2018. Berücksichtigt wird in der Erhebung die Anzahl Personen an öffentlichen Schulen, nicht aber deren Pensum.

Besonders gravierend ist die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf der Primarstufe 1-2, also in den Kindergärten und den ersten Klassen, wo rund die Hälfte aller Schweizer Lehrkräfte tätig ist: Auf dieser Stufe arbeiten zu 95 Prozent Frauen. Ein Unterstufenlehrer steht 19 Unterstufenlehrerinnen gegenüber. In der Vergangenheit war der Männeranteil noch desolater: 2010 handelte es sich lediglich bei 3 Prozent der Unterstufen-Lehrkräfte um Männer. Nachdem der Anteil 2014 kurzzeitig auf 6 Prozent gestiegen war, ging er wieder leicht zurück.

Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto öfter werden sie von Männern unterrichtet: Während ihr Anteil auf der Eingangsstufe bei 5 Prozent und in der gesamten Primarstufe bei 14 Prozent liegt, ist das Geschlechterverhältnis auf der Sekundarstufe I ausgeglichen. Auf der Sekundarstufe II hingegen sind die Männer mit 57 Prozent in der Überzahl. Allerdings gibt es einen grossen Unterschied zwischen allgemeinbildenden Schulen und der beruflichen Ausbildung: An Gymnasien ist das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen, in der Berufsausbildung sind zu 60 Prozent Männer tätig.

Über alle Stufen gesehen, sind die Männer in der Minderheit. Mehr noch: Der Prozentsatz nimmt in der ausgewerteten Zeitspanne von 2010 bis 2017 Jahr für Jahr ab. Stellten die Männer im Jahr 2010 35 Prozent des Lehrkörpers, waren es 2017 nur noch 31 Prozent.

«Die Schule steckt in einem Teufelskreis.»Ron Halbright, Präsident des Vereins «Männer an die Primarschule»

Beat W. Zemp, der Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH, versucht das Positive des in absoluten Zahlen geringen Anstiegs in den Primarschulen hervorzustreichen. Geglückt sei die Erhöhung aus zwei Gründen: Einerseits haben die Pädagogischen Hochschulen und die Lehrerverbände für mehr Männer auf der Unterstufe der Primarschule geworben. Und andererseits sind durch die Öffnung des Studiums für Quereinsteiger aus anderen Berufen mehr Männer in den Primarlehrerberuf gekommen.

«Trotzdem ist der Anteil der männlichen Lehrpersonen über die gesamte Primarstufe immer noch zu tief», sagt Zemp. Der Verband habe immer wieder auf die zu tiefen Löhne auf der Primarstufe hingewiesen. Die Schweiz sei zudem das einzige Land in Westeuropa, das die Primarlehrpersonen auf Bachelor-Stufe ausbilde.

«Wir brauchen dringend mehr Männer an den Primarschulen», sagt auch Ron Halbright. Der Präsident des Vereins «Männer an die Primarschule» argumentiert, dass insbesondere kleinere Kinder oft in einer Frauenwelt lebten. «Die Kinder benötigen aber auch reale männliche Rollenvorbilder», sagt Halbright. Die Arbeitsteilung auf vielen Eingangsstufen sei indes oft stereotyp: «Dort arbeiten ausschliesslich Frauen – mit Ausnahme des Schulleiters und des Hauswarts.» Auch für die Kollegen sei es wichtig, wenn eine Vielfalt von Perspektiven, Lebenserfahrungen, sozialen und kulturellen Hintergründen vertreten ist. «Ein diversifiziertes Team ist stabiler, leistungsfähiger und flexibler.»

«Die Schule steckt in einem Teufelskreis», sagt Halbright: Fehlende männliche Vorbilder erschwerten es den jungen Männern, den Weg zum Primarlehrer einzuschlagen. «Es braucht eine koordinierte Anstrengung, um diese Dynamik zu durchbrechen.» Helfen könnten etwa Schnupperpraktika, in denen Interessenten, die während ihrer frühen Schulzeit vorab Lehrerinnen erlebt haben, einen Einblick in die Lebenswelt eines Mannes erhalten.

Das Problem mit dem Lohn

«Es ist aber schwierig, die Gymnasiasten für den Primarlehrerberuf zu begeistern», sagt er – weil die jungen Männer andere Ziele vor Augen hätten, aber auch, weil Primarlehrer vielerorts noch immer 20 Prozent weniger verdienen als ihre Kollegen auf der Sekundarstufe I. Und: Weil der Primarlehrerberuf an Gymnasien wenig gelte. Weitaus erfolgreicher seien die Ausbildungen für Quereinsteiger. Oftmals veränderten sich die Wertvorstellungen im Laufe der Zeit, sagt er. Und er erzählt von einem Software-Ingenieur, der «nicht mehr sein ganzes Leben vor dem Bildschirm verbringen möchte».

Besserung ist kaum in Sicht. An der Pädagogischen Hochschule Zürich etwa lassen sich derzeit 14 Männer und 394 Frauen für die Arbeit auf der Eingangsstufe ausbilden. Der Männeranteil beträgt also 3,5 Prozent. Etwas besser siehts in der Ausbildung für die Primarstufe aus: Dort stieg die Männerquote in den letzten fünf Jahren langsam aber stetig an. Seit zwei Jahr liegt sie bei über 20 Prozent.

An der Pädagogischen Hochschule Bern nahm der Anteil Männer leicht zu, die eine Ausbildung für die Vorschul- und Unterstufe machen. Er liegt derzeit aber auch erst bei 5 Prozent. Weitaus mehr Männer interessieren sich für die Mittelstufe-Ausbildung. Dort liegt ihr Anteil bei 25 Prozent. «Es ist schwierig, junge Männer in dieser Lebensphase für den Primarlehrerberuf zu begeistern», räumt Daniel Steiner ein, Leiter des Instituts Vorschulstufe und Primarstufe. Männer fänden eher auf dem zweiten Bildungsweg in den Lehrerberuf, sagt er. «Das weitaus grössere Potenzial sehen wir deshalb in den alternativen, nicht gymnasialen Zulassungswegen. Wir müssen die Umsteiger unbedingt abholen.» Tatsächlich liegt der Männeranteil bei den Studierenden mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis bereits jetzt bei 45 Prozent.

Grosse Unterschiede zwischen den Kantonen

Nicht überall ist das Problem gleich gravierend, wie die Datenanalyse zeigt: Während die Lehrerinnen in den Kantonen Solothurn über alle Stufen gesehen mit 73 Prozent sowie Luzern und Freiburg mit 72 Prozent stark übervertreten sind, ist das Verhältnis im Wallis und im Jura mit 63 Prozent sowie im Tessin mit 64 Prozent ausgeglichener. Trotz der Genderdiskussion und aller Werbeanstrengungen der Pädagogischen Hochschulen nahm der Anteil der männlichen Lehrkräfte in den letzten Jahren aber fast überall ab. Einzig Neuenburg konnte den Anteil halten.

Sehr unterschiedlich hat sich der Anteil der Männer auf der Grundstufe entwickelt. Das Wallis, das 2010 lediglich 5 Männer auf dieser Stufe beschäftigte, verfügt heute über 386 Unterstufenlehrer. Das entspricht 17 Prozent aller Lehrkräfte – ein Rekordwert in der Schweiz. Ganz anders im Kanton Appenzell Innerrhoden: Dort sprangen laut Statistik inzwischen alle drei Lehrer ab, die an der Basisstufe tätig waren. Männeranteil: null. Im Kanton Glarus wiederum arbeiteten gemäss den Zahlen des Bundesamts in den letzten sieben Jahren überhaupt keine Männer in den Kindergärten und der Eingangsstufe – mit Ausnahme eines Lehrers, der im Schuljahr 2013 bis 2014 in einer mehrstufigen Klasse einige kleine Kinder mitunterrichtete.

Der Anteil der Frauen und Männer an den öffentlichen Schulen variiert weltweit sehr stark, wie Zahlen der UNO zeigen. In Afrika südlich der Sahara etwa ist der Lehrerinnenanteil insbesondere auf der Sekundarstufe sehr gering.

«In diesem Gebiet erfüllen viele Frauen die schulischen Anforderungen für eine Aufnahme in den Lehrerberuf nicht», sagt Sabina Handschin, die beim Eidgenössischen Aussendepartement den Bildungsbereich bei der Agentur für Entwicklung und Kooperation leitet. In postsozialistischen Ländern hingegen hätten beide Geschlechter in der Regel einen guten Zugang zur Bildung. «Deshalb gibt es viele weibliche Schulabgängerinnen in Russland, die sich für eine Lehrerausbildung ausbilden lassen», sagt Handschin.

Dass die Männer dort kneifen, dürfte einen anderen Grund haben: Im Gegensatz zu Subsahara-Afrika ist in Russland der Lehrerberuf im Vergleich zu anderen Berufen, die einen Universitätsabschluss benötigen, eher unattraktiv: Der Lohn ist – wie in der Schweiz – vergleichsweise tief.

Details zur Datenanalyse sind hier zu finden.

Erstellt: 05.04.2019, 12:19 Uhr

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