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Bedarf an Spezialisten Schweizer Firmen wollen mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland

Erstmals werden die Kontingente für Fachkräfte von ausserhalb der EU nicht aufgebraucht. Wirtschaftsvertreter wollen aber auch im nächsten Jahr Tausende Fachkräfte aus dem Ausland holen können.

Gefragte Spezialisten: Google braucht einen Grossteil der Zürcher Kontingente für Fachkräfte von ausserhalb der EU.
Gefragte Spezialisten: Google braucht einen Grossteil der Zürcher Kontingente für Fachkräfte von ausserhalb der EU.
Foto: Reto Oeschger

Die Arbeitslosenquote ist erschreckend hoch: Laut den neusten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) beträgt sie aktuell 3,2 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr sind rund 50’000 Schweizer mehr auf Stellensuche als im Vorjahr.

Und doch pocht die Wirtschaft weiter darauf, Arbeitskräfte aus dem Ausland holen zu können. In einem Schreiben an den Bundesrat schreibt der Arbeitgeberverband: «Die Auswirkungen der Corona-Pandemie führten zwar innert sehr kurzer Zeit zu einer starken Zunahme der inländischen Arbeitslosenzahlen.» Das ändere aber nichts am Mangel an Experten: «Der Bedarf der Wirtschaft an ausländischen Fachkräften wird sich nicht verringern», heisst es im Papier. Vielmehr brauche es die Spezialisten aus dem Ausland, um die Wirtschaft so rasch wie möglich auf das Niveau vor der Corona-Krise zurückzuführen.

Wirtschaftsvertreter befürchten, dass der Bundesrat wegen der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosenzahlen die Drittstaatenkontingente für ausländische Fachkräfte kürzt. Will eine Schweizer Firma einen Spezialisten von ausserhalb der EU in die Schweiz holen, kann sie dafür beim Kanton eine Sonderbewilligung beantragen. Firmen wie Google, die Zürcher Grossbanken oder die Basler Pharmakonzerne reissen sich darum. Besonders Jungfirmen haben dann das Nachsehen, weil sie nicht an die begehrten Fachkräfte von ausserhalb der EU kommen.

Dieses Jahr sorgt die Corona-Krise dafür, dass noch immer Kontingente verfügbar sind. Der Bundesrat legt die Zahl der Kontingente jeweils im Herbst fest.

In seiner Stellungnahme fordert der Schweizerische Arbeitgeberverband vom Bundesrat nun mindestens gleich viele Kontingente für das nächste wie für dieses Jahr. Das heisst 8500 Einheiten für Fachkräfte aus EU-Drittstaaten. 4500 davon sind langfristige Bewilligungen, 4000 sind für kurze Aufenthalte vorgesehen.

Neu soll ein separates Kontingent für 4000 Briten hinzukommen, sie zählen ab dem neuen Jahr nicht mehr zu den EU-Ausländern und brauchen daher eine Sonderbewilligung. Die Höhe des Kontingents für Briten entspricht in etwa der jährlichen Zuwanderung von der Insel von 3000 bis 4000 Personen.

Vertreter der SVP haben sich in der Vergangenheit öfters kritisch zu den Kontingenten geäussert. SVP-Vizepräsidentin Magdalena Martullo-Blocher sagte vor wenigen Tagen zu den steten Forderungen der Firmen: «Das sind Klagen auf Vorrat.» Die Firmen würden die Leute, die sie brauchen, mit der Zeit schon bekommen.

Unterstützt wird der Arbeitgeberverband von den Kantonen. Christoph Brutschin, Basler SP-Regierungsrat und Präsident der Konferenz der kantonalen Volkswirtschaftsdirektoren (VDK), sagt: «Die VDK-Mitglieder haben in einer Umfrage die Position bestätigt, wonach das aktuelle Niveau an Drittstaatenkontingenten mindestens beizubehalten ist.» Nur weil wegen einer aussergewöhnlichen Situation wie der Covid-19-Krise die Kontingente voraussichtlich für einmal nicht ausgeschöpft würden, dürfe nicht der Schluss gezogen werden, dass man den Schwellenwert nun senken könne.

Ein grosser Abnehmer ist Google. Der US-Riese soll jeweils rund 40 Prozent der Zürcher Kontingente aufbrauchen. Die Firma hat jüngst bekannt gegeben, dass alle Mitarbeiter bis Mitte 2021 von zu Hause arbeiten können. Stellt sich die Frage, ob sie so lange auch nicht mehr in die Schweiz einreisen müssen. Google sagt auf Anfrage nichts zum Bedarf an Drittstaatenkontingenten.

«Vor allem im Bereich IT-Sicherheit muss man Experten aus dem Ausland holen.»

Judith Bellaiche, GLP-Nationalrätin und Geschäftsführerin beim IT-Verband Swico

Judith Bellaiche, GLP-Nationalrätin und Geschäftsführerin beim IT-Verband Swico, sagt: «Während des Lockdown ist die Nachfrage nach Drittstaatenkontingenten zwar gesunken, sie erholt sich seither aber allmählich.» Die Informatikbranche habe einen grossen Bedarf an Fachkräften: «Vor allem im Bereich IT-Sicherheit muss man Experten aus dem Ausland holen.» Viele Firmen hätten bislang unter dem Mangel an Kontingenten gelitten, so waren sie im Kanton Zürich in einem normalen Jahr oft schon im Frühling aufgebraucht. «Es wäre ein schlechtes Signal, wenn die Kontingente jetzt gesenkt würden», sagt Bellaiche.

Der Arbeitgeberverband und die IT-Branche hoffen zudem auf die zusätzlichen 4000 Plätze für Briten. Und dass die Kontingente für Grossbritannien künftig einzeln erfasst werden. «Wichtig ist auch, dass man die Zahl nicht senkt. Denn faktisch wäre es eine Reduktion, wenn man diese künftig zu den Drittstaatenkontingenten zählen würde», so Bellaiche von Swico.

210 Kommentare
    Werner Maier

    @Fabien Müller: Sie identifizieren die Perspektive weniger Profiteure der Migrationszwängerei fern aller Realität mit jener der meisten Benachteiligten. Ein neoliberales Laissez-faire bei der Zuwanderung ist alles andere gemeinwohl- und umweltverträglich. Die Einkommen stagnieren und die Lebensqualität ist gesunken. Die CH geht nicht am Verzicht auf das kurzsichtige Schneeball- und Ponzisystem zugrunde - je höher das Bevölkerungswachstum, desto mehr 'Fachkräfte' braucht es - sondern an seiner schwachsinnigen Fortsetzung.