Schweizer Suchtatlas: Romands und Basler führen Rangliste an

Eine Analyse des Bundes zeigt, wer wie oft wegen Alkohol- und Drogenerkrankungen im Spital behandelt werden muss.

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Der Mann trank 30 Jahre lang jeden Tag Alkohol. Er ging zwar immer wieder zum Arzt wegen gesundheitlicher Probleme, über seinen Alkoholkonsum sprach er aber nie. Irgendwann stürzte er im Rausch und brach sich den Oberschenkel. Im Spital erkannten die Ärzte, dass der Patient gestürzt war, weil er getrunken hatte. Ihre Diagnose: Knochenbruch und Alkoholkrankheit.

Thilo Beck, Psychiatrie-Chefarzt am Zürcher Suchtzentrum Arud, erlebt viele solche Fälle. ­«Typische alkoholkranke Patienten sind Personen, die schon 10 bis 20 Jahre getrunken haben, bevor sie wegen zunehmender Prob­leme in Behandlung kommen», sagt er. Meist würden sie an mehreren Erkrankungen gleichzeitig leiden, die zum Teil wegen Alkohol entstanden seien – an Bluthochdruck, Diabetes oder an einem Leberschaden. Oft haben alkoholkranke Menschen auch psychische Probleme.

Eine neue Auswertung des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zeigt jetzt erstmals im Detail das Ausmass des übermässigen Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsums – und zwar aufgeschlüsselt nach Wohnkantonen der Patienten. Entstanden ist eine Art Sucht- und Drogenatlas der Schweiz.

Registriert werden nur die gravierendsten Fälle

Die Wissenschaftler haben für das Jahr 2016 über 75'000 Spitalaufenthalte untersucht, die im Zusammenhang stehen mit schädlichem oder übermässigem Konsum von Substanzen. Dazu gehören Alkohol, Tabak, Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmittel, aber auch Cannabis, Kokain, Lösungsmittel und Halluzinogene wie LSD.

Erstmals haben die Obsan-Spezialisten auch die Nebendiagnosen der Spitalärzte erfasst, die gerade beim Alkohol- oder Drogenkonsum wichtig sind. Wird ein Patient wegen eines Schädelbruchs ins Spital eingeliefert, ist in aller Regel das die Hauptdiagnose. Wenn der Patient gestürzt ist, weil er betrunken war, notieren die Ärzte als Nebendiagnose meist eine Alkoholkrankheit. Würden nur Hauptdiagnosen erfasst, ginge viel Information verloren.

Sehr oft hängt die Spitalbehandlung mit dem Missbrauch oder dem übermässigen Konsum von Alkohol zusammen – dazu gibt es fast 46'000 Diagnosen im Jahr 2016. Eine grosse Rolle spielen auch das Rauchen mit rund 16'000 und der Konsum von Beruhigungs- und Schlafmitteln mit rund 12'000 Diagnosen.

Immer noch zirka 8500 Diagnosen erfolgen wegen Schmerzmitteln, über 7000 sind es beim Cannabis. Selbst Störungen in Verbindung mit Kokain sind nicht sehr selten – immerhin fast 5000-mal haben Spitalärzte eine solche Diagnose notiert. Kaum Diagnosen in den Spitälern gab es einzig im Zusammenhang mit Lösungsmitteln oder Halluzinogenen.

Wie die regionale Verteilung zeigt, steht der Kanton Basel-Stadt über alle Substanzen hinweg mit Abstand an der Spitze. Pro 1000 Einwohner gab es 2016 mehr als 17 Spitalaufenthalte wegen Missbrauchs von Alkohol oder anderer Stoffe. Das sind fast viermal mehr Aufenthalte als in Zug, Appenzell Innerrhoden und Nidwalden, den Kantonen am anderen Ende der Rangliste.

Erfasst sind in der Statistik alle Hospitalisierungen nach akuten Vergiftungen, nach Entzugs- und Abhängigkeitssyndromen, aber auch nach schädlichem Gebrauch und psychischen Störungen. Registriert sind dabei nur die gravierendsten Fälle, wenn die Patienten mindestens eine Nacht im Spital bleiben mussten.

Auffallend sind die durchwegs hohen Werte der Romandie. Nach Basel-Stadt folgen gleich vier Westschweizer Kantone. Bis auf Freiburg liegt die gesamte Romandie über dem Schweizer Schnitt.

Letztlich ist die Auswertung des Obsan ein Abbild des Konsumverhaltens. Es deutet einiges darauf hin, dass Basel-Städter und Romands schlicht mehr Alkohol trinken und Drogen konsumieren als die übrigen Schweizer – und wegen dadurch verursachter gesundheit­licher Probleme auch häufiger ins Spital eingewiesen werden.

Das bestätigen die Daten der Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2012. Dabei wurden die Schweizer unter anderem zu ihrem Konsum von Alkohol, Tabak und Cannabis befragt. Das Resultat: Basel-Stadt und Kantone aus der Westschweiz stehen bei den konsumierten Mengen aller Substanzen fast durchwegs an der Spitze.

Indirekte Kosten von 3,4 Milliarden Franken

In der Regel hütet sich der Bund davor, Gesundheitsdaten auf die kantonale Ebene herunterzubrechen. Der neue Indikator, den das Obsan für die nationale Suchtstrategie des Bundesamts für Gesundheit erstellt hat, ist deshalb politisch brisant. Vor allem auch, weil der Konsum von Alkohol und anderen Suchtmitteln hohe Folgekosten verursacht. Und damit das Portemonnaie der Prämienzahler belastet.

Gemäss einer Studie des Bundes betrugen allein die direkten ­alkoholbedingten Kosten im Jahr 2010 in der Schweiz fast 870 Millionen Franken. Dazu gehören Behandlungskosten, Medikamente, aber auch die Kosten des Justizapparates – zum Beispiel bei Verkehrsdelikten unter Alkoholeinfluss. Mit 3,4 Milliarden Franken weit höher sind die indirekten Kosten. Es handelt sich um Produk­tivitätsverluste in der Wirtschaft, weil süchtige Menschen krank oder invalid werden – oder sogar vorzeitig sterben.

Schätzungen zufolge gibt es in der Schweiz fast 300'000 alkoholabhängige Menschen. Und jedes Jahr sterben 2000 Süchtige frühzeitig an den Folgen des Konsums.

Suchtexperten weisen darauf hin, dass es bei der Obsan-Auswertung Unterschiede geben könne, weil die Erfassung von Haupt- und Nebendiagnosen nicht in allen Kantonen gleich erfolge. Zudem gibt es Kantone, die Patienten grundsätzlich schneller hospitalisieren.

«Wir sehen nicht, dass es am Konsumverhalten der Basler Bevölkerung liegt.»Gesundheitsdepartement Basel-Stadt

An eine solche Erklärung klammert man sich in Basel-Stadt, dem Spitzenreiter der Rangliste: «Wir sehen nicht, dass es am Konsumverhalten der Basler Bevölkerung liegt», teilt das Gesundheitsdepartement mit. Relevant für den hohen Wert sei eine differenzierte Codierpraxis bei den Diagnosen in den Spitälern. Betrachte man nur die Hauptdiagnosen, liege Basel-Stadt sogar unter dem Schweizer Schnitt.

Was die Basler allerdings nicht sagen: Die Stiftung Sucht Schweiz hat gesondert für die Spitaleinweisungen nach akuten Alkoholvergiftungen bereits einmal eine Studie erstellen lassen. Auch da stand Basel-Stadt im Kantonalvergleich an der Spitze – und zwar mit deutlichem Abstand. Die Zahl der Spitaleinweisungen bei akuten Vergiftungen beim Alkohol gilt als einer der Gradmesser für das Konsumverhalten der Bevölkerung.

Anders als die Basel-Städter reagieren die Walliser, deren Kanton nach dem Jura an dritter Stelle folgt. Frédéric Favre, Chef-Statistiker des kantonalen Gesundheitsobservatoriums, sagt in einer «persönlichen Stellungnahme»: Die Nähe zu den Alkoholproduzenten «ist sicher ein Faktor, der den Konsum begünstigt».

Die Weinkultur sei nun einmal in der Romandie weitverbreitet – allein im Wallis gebe es 22'000 Weinbauern. Hinzu komme, dass bei einem Winzer in der Regel die gesamte Familie in die Produktion involviert sei. «Und das gemein­same Zusammensitzen bei einer Flasche Wein entschädigt für die Arbeit.»

Erstellt: 20.10.2018, 22:42 Uhr

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