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Tamedia-Umfrage zu CoronaSchweizer wollen Maskenpflicht – und acht weitere Erkenntnisse aus dem Lockdown

Wie sich die Schweizer Bevölkerung die Zeit nach dem Lockdown vorstellt, zeigt eine Tamedia-Umfrage. Die wichtigsten Resultate.

Ein Maskenobligatorium in der Öffentlichkeit erachtet eine Mehrheit der Befragten als sinnvoll.
Ein Maskenobligatorium in der Öffentlichkeit erachtet eine Mehrheit der Befragten als sinnvoll.
Keystone

Noch eine Woche. Dann werden in Coiffeursalons wieder Spitzen geschnitten und Ansätze gefärbt. Hobbygärtner und Heimwerker können wieder aus dem Vollen schöpfen. Und Ärzte dürfen Patienten empfangen, auch wenn es sich nur um Routinechecks handelt. Fast ein bisschen Normalität.

Allerdings stellt sich eine Mehrheit der Bevölkerung darauf ein, dass wir uns frühestens im Herbst wieder bewegen dürfen wie vor der Krise. Dies zeigt eine gewichtete Tamedia-Umfrage in Zusammenarbeit mit den Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen (siehe Box). Die wichtigsten Erkenntnisse der Befragung im Überblick:

Tempo der Lockerungen kommt an

Dass die Schweiz das öffentliche Leben nicht schneller wieder hochfährt, bewerten die meisten der über 40’000 Teilnehmer der Studie positiv. So stösst die Wiedereröffnung von Geschäften und Friseuren zwar auf Zustimmung. Die meisten Befragten hätten aber wenig Verständnis dafür, wenn auch Restaurants bald wieder Gäste bewirten dürften, wie dies bürgerliche Parlamentarier verlangen.

Die Umfrage wurde am vergangenen Mittwoch durchgeführt – also am Tag, bevor der Bundesrat seinen Exit-Fahrplan präsentiert hat. Danach gefragt, welche Einrichtungen bis Mitte Mai wieder öffnen sollen, bekamen die Restaurants nicht einmal von jedem Dritten grünes Licht. Das ist auch im bürgerlichen Lager nicht anders: In der SVP-Basis wollen 35 Prozent die Beizen in den nächsten Wochen wieder öffnen, bei der FDP sind es 32 Prozent, bei der CVP 29 Prozent.

Eine Wiedereröffnung von Freizeitbetrieben wie Kinos oder Zoos befürworten gesamthaft 13 Prozent, eine Aufhebung des Veranstaltungsverbots nur gerade 6 Prozent. Romands und Tessiner sind dabei noch deutlich zurückhaltender als Deutschschweizer: In der italienischen Schweiz findet nicht einmal die Öffnung der Läden vor Mitte Mai eine Mehrheit.

Ja zur Maskenpflicht

Maskierte Menschen in der Migros und in den ÖV? Was vor wenigen Monaten noch undenkbar gewesen wäre, stösst nun auf breite Zustimmung. Ganze 59 Prozent sagen Ja oder eher Ja zu einer Maskenpflicht in der Öffentlichkeit – unter der Voraussetzung, dass genug Hygienemasken verfügbar sind.

Dabei spielt es keine Rolle, welcher Partei die Befragten nahestehen: Das Maskenobligatorium findet im linken Lager ebenso eine Mehrheit wie im rechten. Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach einer Maskentragepflicht bei älteren Personen und in der lateinischen Schweiz.

«Dass mit Österreich bereits ein Nachbarland eine Maskenpflicht für den öffentlichen Raum verhängt hat, hat sicher einen Einfluss auf die Akzeptanz dieser Massnahme», sagt Politologe Lucas Leemann.

Viele Befragte gehen gemäss der Umfrage davon aus, dass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gesunden Menschen nur deshalb vom Tragen einer Maske abrät, weil es zu wenig Masken gibt – und nicht, weil die wissenschaftliche Evidenz für den Nutzen der Massnahme fehlt.

Nutzung von Bewegungsdaten ist OK

Auf keinen nennenswerten Widerstand stösst die Nutzung von Bewegungsdaten. Sieben von zehn Befragten finden es richtig, wenn der Staat Daten von Mobilfunkanbietern oder Onlinediensten einsetzt, um das Verhalten der Bevölkerung in der Krise zu überprüfen. Für die meisten gilt dies aber nur, solange es sich um anonymisierte Daten handelt und keine Rückschlüsse auf Einzelpersonen möglich sind. 18 Prozent lehnen jegliche Nutzung von Bewegungsdaten entschieden ab, 10 Prozent sind eher dagegen.

Impfpflicht soll kommen

Drei Viertel der Bevölkerung würde eine Impfpflicht in der Schweiz eher oder vollständig befürworten für den Fall, dass ein Impfstoff gegen das Coronavirus zur Verfügung stünde.

«Eine Zustimmung von 75 Prozent ist enorm hoch – würde es sich bei einer Impfpflicht doch um einen starken Eingriff in unsere Grundrechte handeln», zeigt sich Politologe Leemann überrascht. Bemerkenswert sei auch, dass die Massnahme derzeit über alle Parteigrenzen hinweg eine Mehrheit findet. «Unklar ist, ob der hohe Wert der momentanen Krisenstimmung geschuldet ist – und in einigen Monaten wieder sinkt.»

Nein zur Durchseuchungsstrategie

In der Schweiz werben insbesondere einige Ökonomen medienwirksam für die Idee, Schweden schlug den Weg tatsächlich ein: Warum nicht in Kauf nehmen, was sich früher oder später ohnehin nicht aufhalten lässt? Dass sich die Bevölkerungsgruppen, die nicht zur Risikogruppe gehören, mit Corona anstecken – mit dem Effekt, dass früher oder später eine Herdenimmunität entsteht?

Hierzulande fände ein solches Vorgehen allerdings keine Mehrheit. 55 Prozent lehnen es eher oder ganz ab, dass der Staat Ansteckungen in Kauf nimmt mit dem Ziel, dass die Bevölkerung immun wird. Am grössten ist der Widerstand wenig überraschend in der Altersgruppe der über 65-Jährigen, die per Definition zur Risikogruppe gehört.

Uneinigkeit zur Triage im Spital

Reichten die Betten und Beatmungsgeräte auf den Intensivstationen nicht für alle Corona-Patienten aus, müssten die Ärzte entscheiden, wen sie prioritär behandeln. Eine Triage-Richtlinie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) sieht vor, dass in dem Fall über 85-Jährige nicht mehr auf die Intensivstation kämen. Rentner- und Menschenrechtsorganisationen protestierten lautstark dagegen.

Die SAMW betont, solche Rationierungsentscheidungen seien für das medizinische Personal sehr belastend. Käme es tatsächlich so weit – bisher reichten die Kapazitäten der Schweizer Spitäler aus –, wüssten die Mediziner jedoch eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. 58 Prozent finden es aus ethischer Sicht vertretbar, wenn im Fall einer Knappheit jüngere Patienten privilegiert behandelt werden. Wenig überraschend nimmt auch hier die Zustimmung mit fortschreitendem Alter ab.

Hilfspaket findet Zuspruch

Covid-19 hat die Schweizer Wirtschaft in eine Krise gestürzt. Die Schliessung von Läden, der Gastronomie und das Verbot zahlreicher Dienstleistungen fordert seinen Tribut. Dennoch findet nur eine Minderheit der Befragten, dass der wirtschaftliche Schaden im Vergleich zum gesundheitlichen Nutzen der Corona-Massnahmen zu hoch sei.

Die Massnahmen, mit denen der Bund die strauchelnde Wirtschaft unterstützt, finden 54 Prozent angemessen. Für 10 Prozent fallen die Staatshilfen zu üppig aus, 31 Prozent würden sich noch mehr Leistungen wünschen.

Am ehesten wünschen sich die Anhänger der Grünen und der SP mehr finanzielle Unterstützung für Betroffene – allerdings findet selbst in der links-grünen Basis eine relative Mehrheit die Massnahmen des Bundes angemessen.

Bundesrat bekommt gute Noten

Ganz generell schneidet der Bundesrat in der Befragung gut ab. Satte 83 Prozent geben an, dass sie dem Bundesrat in dieser Krise vertrauen. «Seit Ausbruch der Corona-Krise sind die Beliebtheitswerte der Regierungen in vielen Ländern gestiegen», sagt Leemann dazu.

«Damit dürfte es wohl auch mit der epidemischen Eintracht in der Bevölkerung bald vorbei sein.»

Lucas Leemann, Politologe

Der Politikwissenschaftler verweist darauf, dass sich in der Schweiz anfänglich alle Parteien zu den Massnahmen des Bundesrats bekannt haben. Seit einigen Tagen träten die parteipolitischen Unterschiede jedoch wieder stärker zutage. «Damit dürfte es wohl auch mit der epidemischen Eintracht in der Bevölkerung bald vorbei sein.»

Isolation belastet

Ob wir zur Risikogruppe zählen oder nicht: Die Folgen der Pandemie bekommen wir praktisch alle zu spüren. Der Verzicht auf soziale Aktivitäten ist dabei jene Konsequenz, die für die meisten Befragten am einschneidendsten ist – noch vor den gesundheitlichen oder den finanziellen Folgen. Über alle Alters-, Bildungs- und Wählergruppen hinweg wird es als belastend empfunden, Freunde und Familienmitglieder nicht oder nur eingeschränkt sehen zu dürfen.

Persönlich fürchtet sich nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten vor einer Erkrankung – viele haben jedoch Angst um andere, verletzlichere Personen.

Vier von zehn Befragten geben an, die wirtschaftlichen Folgen der Krise bereits zu spüren – sei es, weil sie auf Kurzarbeit gesetzt wurden, Aufträge verloren haben oder gar von einer Kündigung betroffen sind. Für jeden Zehnten ist dies derzeit die schmerzhafteste Folge der Corona-Krise.

188 Kommentare
    Joe Weiss

    «Ein Maskenobligatorium in der Öffentlichkeit» scheint mir in Fällen von personenbezogenen Dienstleistungen, bei denen der Mindestabstand von ca. 2 m nicht eingehalten werden kann sowie auch im öffentlichen Verkehr denkbar. Ansonsten aus verschiednen Gründen sinnentleert.