Schwuler Schiedsrichter outet sich

Pascal Erlachner steht als erster Mann im Schweizer Spitzenfussball zu seiner Homosexualität.

Pascal Erlachner: Sein Outing war geplant, aber später als es jetzt dazu gekommen ist. Foto: Andy Müller/Freshfocus

Pascal Erlachner: Sein Outing war geplant, aber später als es jetzt dazu gekommen ist. Foto: Andy Müller/Freshfocus

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Es ist nur eine Nacht vergangen. Aber das Leben von Pascal Erlachner ist jetzt ein anderes.

Gestern noch war der 37-Jährige weitgehend unbekannt. Erlachner stand beim Super-League-Fussballspiel Sion - Thun als vierter Schiedsrichter an der Seitenlinie. Er streckte bei Spielerwechseln die kleine Anzeigetafel in die Luft und beruhigte die aufgeregten Trainer. Er war Randfigur. Ab heute rückt er ins Zentrum des hiesigen Sports. Zumindest für ein paar Stunden. Erlachner ist der erste Mann im Schweizer Spitzenfussball, der zu seiner Homosexualität steht.

Dass Erlachner schwul ist, wussten alle, die ihn besser kennen. Im privateren Rahmen und auch bei den Schiedsrichterkollegen hat er kein Geheimnis daraus gemacht. Er zeigt sich mit seinem Partner. Den Schritt an die Öffentlichkeit hat er sich lange überlegt und ihn dann konsequent verfolgt. Wie zu hören ist, brauchte es gerade bei den Schweizer Spitzenschiedsrichtern, die neben ihm alle in den Fokus geraten, Überzeugungsarbeit.

Bald läuft der Film «Ich, der Schiedsrichter»

Das Outing war eigentlich nicht für heute Sonntag vorgesehen, sondern ein paar Tage später. «Ich, der Schiedsrichter» heisst ein Dokumentarfilm, den das Schweizer Fernsehen am 21. Dezember sendet. Hauptfigur: Erlachner. Kamerateams haben ihn unter anderem zu Meisterschaftsspielen begleitet, da war es schwierig, das Projekt bis zum Schluss geheim zu halten, wie es geplant war. Der Schweizerische Fussballverband und die Schiedsrichter-Verantwortlichen wollten, dass der Dok nach dem letzten Spiel des Halbjahres und zu Beginn der längeren Winterpause ausgestrahlt wird. Damit sich der Sturm bis zum Start ins neue Fussballjahr wieder etwas legen kann.

Der Sturm? Genau. Homosexualität ist im Männersport das letzte Tabu, obwohl völlig klar ist, dass es im Spitzensport Schwule geben muss wie in allen anderen Lebensbereichen – Experten gehen von fünf bis zehn Prozent Homosexuellen aus. Outings im Sport sind sehr selten. Und noch viel seltener ist, dass sich Sportler während der Karriere trauen so wie die walisische Rugby-Legende Gareth Thomas.

Wieso outet sich nun Erlachner? Der Sekundarlehrer, FDP-Gemeinderat und Schiedsrichter aus Wangen bei Olten SO, wollte sich gegenüber der SonntagsZeitung nicht äussern, er hat mit Ringier-Medien eine Vereinbarung. Freunde und Begleiter von ihm aber haben über Erlachner geredet. Sie zeichnen unterschiedliche Bilder. Die einen erzählen, Erlachner oute sich, weil es Zeit dafür sei. Gesellschaftlich, aber auch persönlich. Kritischere Beobachter sagen Erlachner Geltungsdrang nach. Er möge es, im Schaufenster zu stehen. Und wolle nun mit diesem Schritt über den Fussball hinaus bekannt werden.

«Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen.»Otto Baric, ehem. österreichischer Nationaltrainer

Es hat in der Vergangenheit von einigen Trainern und Fussballern dumme Zitate gegeben, wieso sie nichts mit schwulen Spielern zu tun haben wollen. Etwa vom früheren österreichischen Nationaltrainer Otto Baric, der fand: «Meine Spieler müssen echte Kerle sein. Also können Homosexuelle bei mir nicht spielen.» Aus den Fankurven in den Stadien schreit es immer wieder menschenverachtend. Der Umgang im Fussball ist viel rauer als etwa im Gentleman-Sport Rugby, wo sich der Starschiedsrichter Nigel Owens, auch er Waliser, 2007 geoutet hat und sich seither viel besser fühlt, weil es vorbei sei mit dem Versteckspiel.

Owens wird von den Fans nicht beleidigt. Vielleicht, sagt er, komme von einem Spieler in der Hitze des Gefechts mal ein blöder Spruch und die Entschuldigung hinterher, das nimmt er locker.

Urs Meier: «Es wird eine Welle auf ihn zukommen»

Ob es für Erlachner auch so gut wird? Ob er damit klarkommt, wenn die Kurve dumme Parolen gegen ihn johlt? Wenn es auf dem Rasen hart auf hart geht?

Urs Meier war früher ein internationaler Spitzenschiedsrichter. Er kennt Erlachner gut. Er begleitet ihn auch jetzt mit vielen Gesprächen, obwohl Meier keine offizielle Betreuungsfunktion hat. Er fühlt sich Erlachner als Kollege verbunden. Meier findet es «mutig und richtig, dass er es macht, ich erwarte das von einer Persönlichkeit».

Zumindest am Anfang rechnet Meier mit vielen Reaktionen und auch mit homophoben Sprüchen aus der Masse. Er sagt: «Es wird eine Welle auf ihn zukommen.» Er hat versucht, Erlachner darauf vorzubereiten. Ob es ihm gelungen ist? Es gibt Fragen, aber noch keine Antworten. Und Erlachner hat nach seinem gestrigen Einsatz zwar einen freien Sonntag vor sich. Aber sicher keinen ruhigen.

Erstellt: 09.12.2017, 20:51 Uhr

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