Sein Tod ist ein Lehrstück über Machtpolitik und Fake News

Die Ermordung von Jamal Khashoggi entlarvt viel Heuchelei. Er ist zum Spiel von Supermächten geworden.

Nach wochenlangem Abstreiten gibt Saudi Arabien den Tod von Jamal Khashoggi zu: Der Blogger sei in einen Faustkampf involviert gewesen. Video: AFP

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Innert kürzester Zeit entwickelte sich die Geschichte zum Politthriller des Jahres: Der saudische Blogger Jamal Khashoggi wird beim Betreten des saudischen Konsulats in Istanbul gefilmt und ist seither verschollen. Erst behauptet Riad, er habe das Gebäude lebendig verlassen, man wisse nichts über seinen Verbleib. Dann spekulieren saudische Medien, der Journalist sei von Katarern entführt worden. US-Präsident Donald Trump spricht von einem «Mörderpack». Dann liefern türkische Medien grauslige Details von Folter und der Ermordung Khashoggis in den Räumen des Konsulats. Schliesslich bestätigt das saudische Aussenministerium seinen Tod. Ein Unfall, ein tödlicher Faustkampf sei es gewesen, hiess es am Freitagabend aus dem Königshaus.

Was tatsächlich hinter der Tötung des Regimekritikers steckt, bleibt bis auf weiteres unklar. Klar ist aber, dass ein 15-köpfiges Spezialkommando auf Khashoggi angesetzt wurde, die Verantwortlichen zu den engsten Vertrauten von Kronprinz Muhammad bin Salman zählen und der Auftraggeber glaubt, dass er über dem Gesetz steht.

Möglich sind vor allem zwei Optionen. Erstens: Khashoggi sollte tatsächlich «nur» entführt werden. Genauso, wie es die Saudis im März in Abu Dhabi mit der Frauen­-rechtlerin Loujain al-Hathloul getan haben. Doch die Aktion ging schief, und Khashoggi kam dabei ums Leben. Zweitens: Die Ermordung des Bloggers war von Anfang an das Ziel.

In beiden Fällen war die Tat auf jeden Fall schlecht geplant und durchgeführt. Die saudische Erklärung, er sei bei einem Faustkampf ums Leben gekommen, klingt völlig absurd, da ihm in der Botschaft 15 Saudis gegenüberstanden. Auch die jetzt erfolgte Verhaftung von 18 Personen und die Entlassung von fünf hohen Beamten, einschliesslich des Vize-Geheimdienstchefs, lassen auf ein nachträgliches Ablenkungsmanöver schliessen, bei dem verzweifelt Bauernopfer gesucht werden.

Erdogan will offenbar seine eigene Position gegenüber Washington stärken.

Der Skandal um Khashoggi entlarvt aber auch viel Heuchelei. Dass US-Präsident Trump die offizielle saudische Erklärung als «glaubhaft» bezeichnet, hat allein taktische Gründe. Trump braucht Saudiarabien noch stärker als strategischen Partner, seit er aus dem Iran-Abkommen ausgestiegen ist. Washington will den Sanktionsdruck auf Teheran im November durch ein striktes Ölembargo weiter verschärfen. Und Riad soll mit höheren Produktionsquoten den Ölpreis stabil halten.

Auch die vereinbarten Waffenlieferungen im Wert von 110 Milliarden Dollar will Trump retten. Zudem unterstützen die USA den blutigen Stellvertreterkrieg im Jemen, bei dem Saudiarabien im Kampf gegen iranische Verbündete der Jemeniten sogar Schulbusse von Kampfjets bombardieren lässt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan spielt ebenfalls eine dubiose Rolle. Ausgerechnet er, der mehr als 100 Journalisten in Gefängnissen schmoren lässt, schwingt sich zum Chefaufklärer eines Mordfalls um einen saudischen Blogger auf. Erdogan will offenbar die saudische Führung schwächen und seine eigene Position gegenüber Washington stärken.

Falls Ankara klare Beweise für die Folter und Beseitigung Kha­shoggis besitzt, kann Erdogan die Veröffentlichung zulassen oder in Riad und Washington finanzielle Zugeständnisse für sein Schweigen verlangen. Der brutale Tod eines Bloggers ist damit zum politischen Schachspiel internationaler Supermächte geworden.

Erstellt: 20.10.2018, 22:29 Uhr

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