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Er baute die Tür für die SynagogeSeine Tür rettete 50 Menschen

Die Synagoge in Halle hat nach dem Anschlag eine neue Tür bekommen. Thomas Thiele baute sie – auch jene, die den Täter gestoppt hatte.

Tischlermeister Thomas Thiele ist in seiner Werkstatt mit letzten Handgriffen an der neuen neuen Tür für die Synagoge beschäftigt.
Tischlermeister Thomas Thiele ist in seiner Werkstatt mit letzten Handgriffen an der neuen neuen Tür für die Synagoge beschäftigt.
Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

Thomas Thieles Tür hielt. Als ein schwer bewaffneter Rechtsextremist am 9. Oktober im vergangenen Jahr versuchte, in die Synagoge in Halle einzudringen und 50 betende Menschen zu töten, scheiterte er an der Eingangstür. Der Täter drückte sich gegen sie, schoss mehrmals auf sie. Aber die Türe blieb verschlossen.

Blumen und Kerzen vor der Synagoge in Halle: Einschusslöcher zeugen vom Terroranschlag.
Blumen und Kerzen vor der Synagoge in Halle: Einschusslöcher zeugen vom Terroranschlag.
Foto: Jan Woitas (Keystone)

«Was für ein Glück», sagte Thomas Thiele im Magazin der «Zeit». Thiele hatte die Tür im Auftrag der Synagoge gebaut, 2010 wurde sie eingesetzt. Sie ist aus massivem Eichenholz gefertigt, der Rechtsextremist schoss ausgerechnet auf deren dickste Stelle. Die Tür ist übersät von Einschusslöchern, sie ist ein Symbol des Widerstands geworden. Nun soll die «berühmteste Tür Deutschlands» Teil eines Mahnmals werden, das im Oktober fertiggestellt wird. Ein Jahr nach dem Attentat.

Diese Woche wurde die Tür der Synagoge durch eine neue ersetzt. Sie ist zwei Meter hoch, 120 Kilogramm schwer, sechs Zentimeter dick, noch sicherer als die vorherige. Sie hat eine Mehrfachverriegelung, lässt sich nur vom Sicherheitsdienst öffnen, und wenn sie zugedrückt wird, verriegelt sie automatisch. Die Tür hat auch einen Panikknopf: Wenn jemand in der Synagoge in Not gerät, drückt er den Kopf und gelangt hinaus. Hinein kommt niemand einfach so. Auch diese Tür stammt von Thomas Thiele.

Die neue Tür wird am 28. Juli 2020 in der Synagoge  in Halle montiert.
Die neue Tür wird am 28. Juli 2020 in der Synagoge in Halle montiert.
Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

Thiele ist Tischlermeister in Dessau, einer Nachbarstadt von Halle. Er hat erst realisiert, dass seine Tür einen Attentäter verhinderte, als ihn der Partner seiner Schwiegermutter anrief. Dieser wohnte damals in der Nähe der Synagoge und sagte zu Thiele: «Das ist doch deine Tür!»

Für Thiele ist sie nur eine stabile, gute Holztür. Er sagte dem «Zeit»-Magazin: «Das ist ja keine Wundertür. Das is’ eine Tür, wie sie ein guter Tischler baut.» Er sei stolz darauf, ein guter Handwerker zu sein, sagte Thiele in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung». Ein Held sei er nicht.

Zuerst Erfolg, dann kam die Krise

Thiele, 47 Jahre alt, führt seine eigene Tischlerei. Der Auftrag für die erste Tür der Synagoge kam, kurz nachdem Thiele sich selbstständig gemacht hatte. Er hat drei Angestellte und einen Lehrling, Thieles Frau kümmert sich um die Buchhaltung. Thiele baut Möbel, Treppen, Haustüren.

Thiele wollte schon als Kind Tischler werden. Als er mit der Ausbildung in einem Werk für Schwermaschinen begann, fiel die Mauer, das Werk ging Konkurs. Thiele, damals 16 Jahre alt, wurde von einer Auffanggesellschaft übernommen, konnte seine Ausbildung beenden und fand bei einem Dessauer Tischler eine Anstellung. Thiele sagte, dort habe er alles gelernt, was ein Handwerker können müsse.

Thieles Unternehmen ist in den vergangenen zehn Jahren gewachsen, hat grosse Aufträge angenommen, Erfolg gehabt. Dann ist es in eine Krise geraten, Thiele stand kurz vor der Pleite. «Irgendwann kamen aus allen Ecken Leute, die noch Geld von uns haben wollten», sagte Thiele. Er musste Angestellte entlassen, während Jahren Schulden zurückzahlen. Seiner fünfköpfigen Familie blieb manchmal kaum Geld für Essen. Heute ist alles bezahlt, die Tischlerei geschrumpft, aber gesünder. Thiele ist froh.

Die neue Tür der Synagoge in Halle soll laut Thiele ein Leben lang halten, wenn sie regelmässig gepflegt wird. Er hofft, dass die Tür den Menschen im mahnenden Sinne im Kopf bleibt.