Mein Coming-out

Mit 17 erlebten unsere Autorin und ihre beste Freundin einen magischen Frühling – die Geschichte einer schicksalhaften Wendung.

Live fast / Love hard / Die never: Lina verewigte sich auf der Agenda von Darja Keller.

Live fast / Love hard / Die never: Lina verewigte sich auf der Agenda von Darja Keller.

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Als wir siebzehn waren, fuhren meine Klassenkameradin Lina und ich auf eine Fasnachtsparty in einem kleinen Dorf, ungefähr eine Stunde Bus- und Postautofahrt entfernt von dem Nest, in dem wir wohnten. Nach all der Zeit wundere ich mich manchmal, welche weiten Distanzen wir damals auf uns genommen haben, um auf eine mittelschlechte Party zu gelangen. Eigentlich hassten wir alle die Fasnacht, und trotzdem gab sie uns immerhin etwas zu tun an einigen Wochenenden im Februar, einem Monat, in dem man nicht draussen sitzen und Dosenbier trinken und Flunkyball spielen konnte, in dem die Aare kalt und abweisend war.


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Lina und ich waren also siebzehn, und wir kamen auf diese Party, und wir tranken grosse Biere, und wir redeten über Frauen und über uns. Wir sprachen auf jeden Schluck einen Toast aus: darauf, wie schön wir waren, darauf, dass David Bowie «Rebel Rebel» nur für uns geschrieben hat, darauf, dass wir nie erwachsen und spiessig werden, heiraten und aufs Land ziehen. Lina hatte sich als Punk verkleidet und ich mich als irgendetwas mit 20er-Jahre, ich glaube, ich trug ein Kleid und einen Hut und roten Lippenstift. Der rote Lippenstift ist für mich bis heute ein Zeichen von Emanzipation und Freiheit geblieben. Auf der Tanzfläche küssten wir uns.

Die Party fand in einer Turnhalle statt, es roch nach Bier, Frittierfett und Kunstharz. Zwischendurch gingen wir nach draussen, und ich erschnorrte mir eine Zigarette. Lina hat nie geraucht. Wenn wir anfingen zu knutschen, ich gegen die Wand gelehnt und sie vor mir, kamen Männer zu uns, sie fragten: Kann ich mitmachen? Wollt ihr einen Dreier? Können wir mit euch nach Hause kommen? Wir riefen: Verpiss dich, du Arschloch. Lass uns in Ruhe. Manchmal glaube ich, dass mein 17-jähriges, betrunkenes Ich viel mutiger war als ich heute.

«Es gab da einen leeren Raum in unserer Welt, einen Off-Space, ein Vakuum, und wir haben ihn betreten»: Darja Keller ist Studentin an der Universität Zürich. Foto: Anne Morgenstern

Gegen vier Uhr morgens holten wir uns Pouletflügel und Pommes frites von einem der Stände. Wir kriegten alles zum halben Preis, weil die Party bald vorbei war. Der DJ spielte Rausschmeisser, «Angels» von Robbie Williams und so was.

Wir sassen am Boden der Turnhalle auf den farbigen Streifen, um uns herum lag Konfetti. Wir waren Teeniemädchen und zählten deshalb eigentlich Kalorien, aber das war uns in diesem Moment egal. Lina riss das Fleisch mit den Zähnen von den feinen Hühnerknochen, die langen Haare hingen ihr ein wenig vors Gesicht, und das Fleisch hinterliess feine glänzende Fettspuren in den Mundwinkeln und Haarspitzen. Ich weiss noch, wie ich dachte: Das ist der schönste Anblick der Welt. Niemals wieder werde ich so etwas Schönes sehen wie Lina in diesem Augenblick.

Das ist kitschig, aber das Gefühl war echt. Und es war ein Keim, ein Beginn von etwas.

Es ist natürlich banal, eine Frau dabei schön zu finden, wie sie etwas isst, etwas verschlingt, weil du dir dann vorstellen kannst, wie sie dich aufisst, wie sie dich verschlingt. Das Essen, die orale Ebene, die erste Begegnung mit dem Sexuellen. Dazu kann man die «Mythen des Alltags» von Roland Barthes lesen oder einfach, ganz 10er-Jahre-Popkultur, «La vie d’Adèle» schauen. Als ich diesen Film zwei Jahre später im Kino sehe, bin ich gerade mit meiner ersten Freundin, Jamie, zusammen – ein Umstand, den ich auf dieser Fasnachtsparty damals noch nicht einmal in meinen Träumen erahnt hätte. Adèle isst in diesem Film eine ganze Menge Spaghetti mit Tomatensauce, und ihr Mund wird dabei in Nahaufnahme gefilmt. Bei den meisten Frauen, die tatsächlich auf Frauen stehen, kam der Film nicht so gut an, male gaze und so was, und wahrscheinlich stimmt das auch. Ich konnte mich Adèles Mund, ihrem unverhohlenen sexuellen Appetit dennoch nie entziehen. Diesem ganz praktischen Begehren, das so vollkommen ist in seiner Unreife und in seiner Jugendlichkeit. Ich fühle das immer noch.

«Got your mother in a whirl / She’s not sure if you’re a boy or a girl / Hey babe, your hair’s alright / Hey babe, let’s stay out tonight» – Eintrag von mir in meine Agenda, Songtext von David Bowie: «Rebel Rebel», Herbst 2011.

Genauso kann ich mich der Schönheit und Einfachheit dieser lange zurückliegenden Szene mit Lina nie entziehen, als sie diese Pouletflügel ass und die Pommes mit der Gewürzkruste und die Gewürzreste an ihren Fingerkuppen hängen blieben. Vielleicht auch, weil wir wir selbst waren in diesem Moment, in dieser Nacht, wir waren mutig und frei, und wir standen zu uns und unserer Liebe und unserem Begehren, zu unserem Hunger auf allen Ebenen. Während ich im Alltag, in der Schule und auf Geburtstagspartys von Klassenkameraden devot mit Männern flirtete (oder es versuchte), in der Mensa lieber ein paar Reste auf meinem Teller liess und den Kaffee schwarz trank, um cooler zu wirken, bedeutete seltsamerweise diese spiessbürgerlichste aller Festivitäten im Aargauer Hinterland für uns die grösstmögliche Freiheit. Es ist ein bekanntes Phänomen: Die Fasnacht enthemmt, da sie das Verkleiden und Verstellen zum Prinzip macht.

In der Nacht nach der Fasnachtsparty übernachteten wir beide bei einer Freundin, die in der Nähe wohnte. Lina und ich schliefen auf Luftmatratzen auf dem Boden, jede in ihren Schlafsack gewickelt. Wir hielten uns an den Händen.

Es gab da einen leeren Raum in unserer Welt, einen Off-Space, ein Vakuum, und wir haben ihn betreten. Wir sind reingegangen, haben die Tür geöffnet. Dort war: nichts. Keine Vorschriften und keine Erwachsenen. Keine Vorbilder. Ich kannte keine Frauen, die Frauen liebten. Wir waren allein dort.

Damals fühlte es sich so an, als würden wir diesen Raum erfinden. Es gab ihn nicht. Es fühlte sich an, wie vom Rand der Erde zu springen, und ganz im Ernst, es war ein wirklich gutes Gefühl.

«Though nothing, nothing will keep us together / We can beat them, forever and ever» – Eintrag von mir in meine Agenda, Songzitat von David Bowie: «Heroes», Winter 2011/12.

In dieser Zeit musste unsere Klasse im Turnunterricht Badminton üben. Lina war ziemlich gut, ich nicht. Wir übten immer zu zweit. Ich glaube, dass mein geistiges Coming-out in diesen Federballgesprächen, wie man sie nennen könnte, stattfand. Wir redeten während dieser Stunden über Männer und Frauen, die wir schön fanden, darüber, was wir an ihnen schön fanden, und ganz schüchtern redeten wir auch über Lust: darüber, was wir begehrten und was wir alles begehren könnten, wenn es denn möglich wäre, dass wir, also dass ich und dass sie vielleicht auch. Und dass wir vielleicht beide, zusammen.

Klar gab es da ein, zwei Dinge, die sich vage um diesen Leerraum herumbewegten. Es gab «I Kissed A Girl» von Katy Perry, und es gab Jungs, die uns sagten, dass sie es ganz scharf fänden, wenn wir mit unseren Freundinnen rummachen würden. Frauen, die auf Frauen stehen, ein Partyabenteuer. Das war eine Verharmlosung, eine Herabstufung von dem, was wir empfanden. Unser Begehren war bestenfalls Name einer Kategorie auf Youporn, doch es war nie einfach unseres. Doch in genau dieser Leerstelle, in diesem Augenzusammenkneifen gegenüber Frauenpaaren, ein Augenzusammenkneifen, das sie auf tragische Weise unsichtbar macht und gesellschaftlich und politisch immer wieder verschwinden lässt, lag auch unsere radikale Freiheit, unser eigenes Verständnis von Liebe und Begehren und allen Zwischen- und Mischformen zu entfalten.

«Du gehst besser mit mir ins Bett als mit diesem Macho.»Lina

Ich schaue mir unsere alten Facebook-Konversationen an, ich muss ewig lange nach oben scrollen: 2011, 2012. Lina und ich nannten uns: meine Süsse, meine Schöne, mein Baby, meine Sonne. Das war alles unschuldig, es war alles im Rahmen: Mädchen dürfen zärtlich zueinander sein, Jungs nicht. Die Welt um uns herum bemerkte uns nicht. Wir subvertierten den Rahmen, den man uns zugestand, in unseren feinen, intimen und oft auch traurigen Gesprächen über die Schule und über Jungs und Dating und Sex. Ich schreibe Lina: Hey, Thomas hat mir letzthin gesagt, dass er ewig keinen Sex mehr hatte. Lina antwortet: Das ist die schlechteste Anmache ever. Ich schreibe: Ach was, das war bestimmt nicht so gemeint. Lina schreibt: Doch, natürlich ist das so gemeint. Aber du gehst besser mit mir ins Bett als mit diesem Macho. Ziemlich kokett sagte sie auf diese Weise: Was willst du mit dem eigentlich? Du weisst doch, wie gut das ist, was wir haben, was wir haben könnten.

«Let’s get inside your car / Just you, me and the stars / Kind of ménage à trois / Sometimes / Would you be mine?» – Eintrag von Lina in meine Agenda, Songzitat von Adam Lambert: «Fever», Frühling 2012.

Wir befanden uns auf einer Grenze, auf der Grenze zwischen dem, was wir durften – Klubknutschereien und zärtliche Worte, die junge Mädchen eben austauschen –, und dem Unbekannten, diesem Abgrund, in dem du echtes Begehren fühlst, wenn du ihre Hände in deinen Haaren spürst und ihr über die Taille streichst und dein Körper ganz nahe an ihrem ist und deine Hand zuerst ihr Schlüsselbein nachzeichnet und sich nachher, fragend, ein klein wenig nach unten verschiebt, um sich gleich darauf wieder zu lösen und sie einfach zu umarmen. Wie Freundinnen.

Einmal zogen wir uns auf einer Party auf die Toilette zurück, wir küssten uns, wir zogen unsere T-Shirts aus. Ich trug nur Strumpfhosen und meinen BH. Wir hielten uns, sahen einander an. Hielten inne. Hören wir auf?, fragte sie. Ja, sagte ich. Wir wussten nicht, wie es weitergehen könnte, sollte, müsste – und dieses Innehalten und Einander-in-die-Augen-Schauen fühlt sich im Nachhinein gut an, denn wir hörten aufeinander, und wir hatten kein Skript, wir dachten nicht: Wenn wir das machen, dann muss auch noch das passieren. Wir taten, worauf wir Lust hatten, und liessen es dann wieder sein. Wir wussten natürlich auch nicht, was noch alles möglich war. Wir fanden es später heraus – ohneeinander.

«In unserer Welt gab es für alles Regeln. Nur das mit Lina, das hatte keine Regeln»: Die Autorin, Sommer 2018. Foto: Anne Morgenstern

Die Schule war um vier fertig, Lina und ich schoben unsere Fahrräder nebeneinanderher. Die anderen aus unserer Klasse hatten die Bahn genommen. Wir standen nebeneinander dort, wo sie in die eine Richtung losfahren musste und ich in die andere. Die Sonne schien auf die Bahngleise, und vorher hatte es geregnet, und alles war nass, aber warm. Lina trug eine braune Lederjacke mit einem Gurt um die Taille und hatte ihre langen Haare straff zusammengebunden. Dann küssten wir uns vorsichtig, mitten am Tag, neben den Bahngleisen, bei Tageslicht, nüchtern, fast überrascht. Wir lehnten uns über unsere Fahrräder, ich strich zaghaft mit meiner Hand über ihr Haar. Es war der Tag vor den Frühlingsferien. Auf dem Heimweg hörte ich Dido: «I can’t breathe / Until you’re resting here with me».

Ich fuhr am nächsten Tag für drei Wochen in die Ferien. Wenn man noch in der Schule ist, bedeuten Ferien immer einen signifikanten Unterbruch, und nach den Ferien ist nie mehr wie vor den Ferien, und das wussten wir irgendwie auch.

«She’s my shelter in the storm / She’s the one that keeps me warm.» – Eintrag von Lina in meine Agenda, Frühling 2012

In diesem «nach den Ferien», dieser zweiten, anderen Zeit, hatten wir beide einen Freund, und die beiden Freunde brachen uns jeweils das Herz. Wir küssten uns danach noch ein paarmal auf Partys, aber die Magie dieses einen Frühlings stellte sich nie wieder ein.

Wir wussten ja auch nicht genau, was jetzt passieren sollte. In unserer Welt gab es für alles Regeln, und es gab Regeln dafür, was passierte, wenn wir sie brachen. Beispiel: Schule schwänzen, dann die Unterschrift der Eltern fälschen und hoffen, dass es nicht auffliegt. Oder: In eine Bar gehen, so tun, als wäre man bereits achtzehn, einen Drink bestellen. Nur das mit Lina, das hatte keine Regeln. Wir waren miteinander und ohneeinander. Wir verletzten einander, aber es gab keine herben, absoluten Brüche in unserer Freundschaft. Wenn sie von anderen Mädchen schwärmte, dann war ich manchmal eifersüchtig, andererseits schwärmten wir auch nur beieinander von anderen Mädchen, daher war es – umgekehrt – auch verbindend. Es war eine Art lesbisches Paradox: In diesem einen Thema, das einen grundlegenden Teil unserer Identität betraf, hatten wir ja nur einander, deshalb mussten wir zusammenhalten, auch wenn wir manchmal eifersüchtig waren oder traurig wegen Dingen, die die andere tat oder nicht tat.

Während wir erwachsen wurden, achtzehn Jahre alt und älter, baute sich langsam, aber sicher eine ganze Welt um uns auf. Als hätte jemand einen Pinsel gezückt und angefangen, alles um uns herum anzumalen, und wir sahen zu und machten mit und waren voller Erstaunen und milder Bewunderung dafür, wie stolz und offen andere Leute mit ihrer Sexualität umgingen. Plötzlich hatten wir Vorbilder. Wir lernten andere bisexuelle und lesbische Frauen kennen. Wir entdeckten Partys, Bars und natürlich Zürich, die grosse Stadt.

«Everywhere we go / We’re looking for the sun» – Eintrag von Lina in meine Agenda, Songzitat von Adam Lambert: «Outlaws of Love», Sommer 2012.

Von der Welt da draussen bekam ich keine Anfeindungen für meine sexuelle Orientierung. Ich bekam Anmachen. Leute sagten mir: So siehst du aber gar nicht aus, und: Ich würd gern mal zuschauen, und: So geil, wie ein Porno. Sie fragten: Magst du einen Dreier haben mit mir und meiner Freundin, wir bezahlen dich dafür?; sie fragten: Aber wie funktioniert das denn?, und: Fehlt da nicht was?, und: Vermisst du richtigen Sex nicht manchmal? Typen, mit denen ich auf Partys redete, stellten sich den Sex zwischen mir und einer anderen Frau utopisch, clean, ästhetisch vor. Sie stellen sich vor, dass wir einander ein wenig küssen, ein wenig streicheln, ein wenig lecken. Dass wir glatte weiche Körper haben und lieb zueinander sind. Sie können sich kein echtes Begehren zwischen uns vorstellen. Sie stellen sich Sex ohne Schweiss und Schmutz und Flüssigkeit vor.

Diese Diskriminierung, die auf Ignoranz und Fetischisierung basiert, ist typisch für feminine Lesben und bisexuelle Frauen. Frauen, die kurze Haare und Männerkleidung tragen, die Beine beim Sitzen nicht übereinanderschlagen oder auf tausend andere Arten die Geschlechtergrenzen ausweiten, mit ihnen spielen oder sich ausserhalb von ihnen sehen, werden eher als Bedrohung wahrgenommen, werden eher angepöbelt und beleidigt und als «Kampflesbe» beschimpft. Sie erleben eine andere und oft gewalttätigere Form von Diskriminierung. Manchmal habe ich mir gewünscht, die Leute würden mir ihre Ablehnung so klar mitteilen, mir sagen, ich würde nach meinem Tod für alle meine Sünden in der Hölle schmoren. Darauf hätte ich reagieren, darauf hätte ich jemandem ins Gesicht spucken können. Wer verteufelt wird, wird wenigstens wahrgenommen.

Wir küssten uns nur zum Spass und weil Lina noch nie jemanden geküsst hatte.

Dieser Gedanke ist natürlich zynisch und ungerecht gegenüber denjenigen, die tatsächlich verteufelt werden. Meine Unsichtbarkeit ist auch ein Schutz, auf eine traurige und unterwürfige Weise: Niemand sieht mir an, dass ich anders liebe als die Mehrheit. Der Gedanke entsprang vermutlich einer gewissen Resignation; ich fühlte mich hilflos und fühle mich immer noch hilflos, wenn Männer mir und meinem Date beim Knutschen zuschauen, uns konsumieren, uns unseren Moment wegnehmen, ihn verfremden und für ihre Befriedigung brauchen. Als mir das mit siebzehn passierte, war ich wütend, ich war aufgebracht, ich fühlte mich mutig und rebellisch. Heute deprimiert es mich. Junge feminine Lesben und bisexuelle Frauen sind ein Nullsummenspiel, ihre explosive Kraft gehört nie ihnen allein, sie sind für andere gemacht.

Aber genau diese explosive Kraft ist es, die Lina und ich uns zurückgeholt haben. In den Wirren von Erwachsenwerden und Schule hat sich unsere Geschichte als alternatives Narrativ zu allem anderen abgespielt: Das erste Mal mit einem Jungen, die ersten misslungenen Dates, das erste Mal betrunken nach Hause kommen. Unsere Geschichte war der Subtext unseres Erwachsenwerdens. In meinem Tagebuch schwärme ich ständig von Männern, gleichzeitig nenne ich Lina «mein Mädchen» und «mon amour». Wir haben uns die zwei Fussbreit Platz genommen, die uns die heteronormative Welt zugestand, und wir haben sie ausgestaltet und ausgeweitet und subvertiert. Wir haben gespielt. Wir haben uns entdeckt. Wir haben Räder geschlagen und sind hingefallen. Und wir haben etwas sehr Ernsthaftes und Schönes dabei gefunden, nämlich unsere Sexualität.

«Live fast / Love hard / Die never» – geschrieben von Lina auf meine Agenda, auf ein Bild von zwei Frauen, die sich küssen, 2011/12.

In der Nacht, in der wir uns zum allerersten Mal küssten, tranken wir Wodka mit Cranberrysaft und machten Fotos voneinander. Wir waren bei ihr und ihre Eltern nicht zu Hause. Ich habe nur noch eines von diesen Fotos: Lina und ich lehnen uns aneinander, ich trage ein Kleid mit Leopardenmuster und schwarze Shorts. Lina trägt ein weisses, bauchfreies T-Shirt und einen langen, ausschweifenden Rock. Unsere Posen sind irgendetwas zwischen lasziv und verträumt. Wir alberten auf ihrem Trampolin herum, wir küssten uns, nur zum Spass und, weil Lina noch nie jemanden geküsst hatte vorher, zum Üben, sozusagen.

In meinem Tagebuch habe ich diese Nacht mit folgenden Worten festgehalten: «Es gab gerade keine Männer, die uns gefallen haben, also haben wir einander geküsst.» Wir gingen spazieren, wir liefen durchs Dorf, es war dunkel, und wir waren barfuss, der Boden war noch warm vom Tag. Diese Rechtfertigung, Verteidigung, die ich in meinem Tagebuch gebraucht hatte, kippte in genau dem Moment, in dem wir auf der Strasse standen, ich blieb stehen, weil ich meine Zigarette anzünden wollte. Sie stand vor mir, und ich schlang meinen Arm um ihre Taille und küsste sie noch einmal. Das Spiel war in dem Moment vorbei, denn wir waren draussen, und der Kuss hatte zu dem Spiel von vorhin gehört, zum Trampolin und zur Idee von «Haha, dein erster Kuss, mit einem Mädchen, ist doch witzig». Der Witz war gebrochen, und wir standen zwischen den Einfamilienhäusern und küssten uns und hatten uns unseren Raum in diesem Moment selbst erschaffen, indem wir einfach in den Abgrund gesprungen sind. Wir sind immer noch dort.

Dieser Text erschien erstmals am 14. Juli 2018.

(Das Magazin)

Erstellt: 28.11.2018, 12:23 Uhr

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