Die Identifizierung der Täterin

Der Fall Asia Argento hat die #MeToo-Bewegung aufgerüttelt. Ein Rückblick.

Ihr Fall drehte die #MeToo-Debatte: Die italienische Schauspielerin Asia Argento. Foto: Dukas

Ihr Fall drehte die #MeToo-Debatte: Die italienische Schauspielerin Asia Argento. Foto: Dukas

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Die Anschuldigungen, erhoben diesen August in der New York Times, wogen schwer. Die heute 43-jährige italienische Schauspielerin Asia Argento habe den damals 17-jährigen Jimmy Bennett im Jahr 2003 in einem Hotelzimmer in Los Angeles sexuell genötigt – und ihm später 380'000 Dollar Schweigegeld bezahlt, als er sie dafür Jahre später anzeigen wollte.


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Schauspieler und Musiker Jimmy Bennett bestätigte den Bericht einige Tage später, Argento stritt ihn zuerst ab. Ihr Anwalt teilte mit, Bennett könne sich glücklich schätzen, nicht selbst wegen sexueller Nötigung angezeigt worden zu sein. In Wirklichkeit sei das Treffen in dem Hotelzimmer ganz anders abgelaufen.

In der Öffentlichkeit hingegen dreht sich die Debatte bis heute darüber, ob die #MeToo-Bewegung überhaupt Bestand haben kann, wenn mit Argento eine ihrer wichtigsten Figuren quasi untragbar geworden scheint. Nicht wenige unterstellen der Schauspielerin und auch ihren Mitstreiterinnen Heuchelei. Es gebe doppelte Standards bei der Bewertung der Vorwürfe, argumentieren Kritiker: Bei sexuellen Übergriffen würden nur Männer als Angreifer gedacht und Frauen als Opfer. «Der Spiegel» griff den Fall Argento auf, wie auch die Anschuldigungen gegen Avital Ronell, eine Professorin an der New York University, der ein Student sexuelle Nötigung vorwirft: Die Vertauschung der angenommenen Genderrollen in diesem Beispiel sei ein ernster Test für die #MeToo-Bewegung, «die von vielen als Bewegung von Frauen gegen Männer wahrgenommen wird».

Das gesellschaftliche System und der Männer-Bonus

Tatsächlich: Die Wahrnehmung kommt nicht von ungefähr. Die bergrosse Mehrheit der Menschen, die unter dem Label #MeToo öffentlich als Missbrauchstäter identifiziert wurden, sind Männer. «Häufig handelte es sich um berühmte Männer oder Männer, die in ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld eine Machtposition inne haben», schreibt US-Autorin Josephine Livingston im US-Magazin «The New Republic». Grundsätzlich gehe es bei der #MeToo-Bewegung aber darum, «Leute, die sexuell übergriffig werden, dafür geradestehen zu lassen. Vor allem, wenn sie durch systemimmanente Gründe vor den Konsequenzen ihrer Taten geschützt bleiben», so Livingston. Und dieser Schutz gelte wegen der Machtstrukturen am Arbeitsplatz und in sozialen Kontexten häufiger für Männer. Auch ein Blick in die Statistik verdeutlicht, warum #MeToo zwangsläufig eher eine einseitige Angelegenheit ist: Sexuelle Gewalt richtet sich deutlich häufiger gegen Frauen als gegen Männer. In den USA zum Beispiel machen Frauen 91 Prozent der Opfer sexueller Übergriffe aus.

Nichtsdestotrotz müssen andere Konstellationen denkbar bleiben. Als Frau, die deutlich älter ist und als Regisseurin des Films, in dem Bennett als Schauspieler spielte, hatte Asia Argento Macht über den Jugendlichen. Als akademische Beraterin und Dozentin hatte Professorin Ronell Macht über ihren Studenten Nimrod Reitman. Viele Unterstützer der #MeToo-Bewegung betonen nun umso deutlicher, dass man alle Erfahrungen einbeziehen müsse, auch die von Bennett und Reitman, um das System der Unterdrückung wirklich aufzubrechen.

Mehr als ein Jahr nach ihrer Entstehung ist der Fall Asia Argento eine Chance für die #MeToo-Bewegung.

Für andere galt das ohnehin immer als gegeben. Tarana Burke, die Gründerin der Bewegung, merkte dies auch öffentlich an, Männer seien nie von der Debatte ausgeschlossen gewesen. «Ich habe wiederholt gesagt, dass #MeToo für uns alle ist, inklusive dieser tapferen jungen Männer, die sich jetzt melden», schrieb sie auf Twitter. Und griff ein Argument auf, das von Feministinnen seit Jahrzehnten wiederholt wird: «Bei sexueller Gewalt geht es um Macht und Priviligien. Das ändert sich nicht, wenn der Täter dein Lieblingsschauspieler, -aktivist oder -professor ist, und zwar egal welchen Geschlechts.» Die Feministin Ludmila Leiva, die für die Internetseite Refinery29 schreibt, argumentiert, dass die Nachrichten um Argento eine Chance für die Anführerinnen der #MeToo-Bewegung sei, um zu prüfen, inwiefern nicht-weisse, nicht-weibliche Opfer tatsächlich angemessen berücksichtigt würden.

Bewegungen wie #MeToo werden nicht von einem oder von wenigen Akteuren gesteuert, sondern haben eine Eigendynamik, die zu Anfang nicht absehbar war. #MeToo habe nie mit einer einzigen Stimme gesprochen, dazu hätten sich zu viele Menschen beteiligt, das sagt auch Initiatorin Tarana Burke. Diejenigen, die sich nur an die Stimme Argentos geklammert haben, mit guten oder schlechten Absichten, für die hat #MeToo wohl jetzt Schlagseite bekommen. Für die anderen hat sich die Bewegung um eine Facette erweitert.

Dieser Text erschien erstmals am 8. September 2018.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 27.11.2018, 08:38 Uhr

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