Meine Gedanken gehören mir

Facebook hat dieses Jahr sein wahres Gesicht entblösst. Zeit für einen Aufstand gegen den Sklavenhalter.

Nirgendwo geben wir mehr von uns preis: Soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram. Foto: Getty Images

Nirgendwo geben wir mehr von uns preis: Soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram. Foto: Getty Images

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Fast sechs Jahre kämpften die Eltern. Allein gegen einen der mächtigsten Konzerne der Welt: Facebook. Es ging um die Antwort auf die vielleicht quälendste Frage, die sich Eltern überhaupt stellen können.

Am 3. Dezember 2012 war die Tochter vor eine U-Bahn in Berlin-Kreuzberg gestürzt und anschliessend verstorben. War es Selbstmord?


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Die letzte Hoffnung der Eltern waren Daten. Die 15-Jährige hatte ein Facebook-Profil. So wie die meisten ein Profil haben bei einem der sozialen Netzwerke, von Snapchat über Instagram bis Facebook. Nirgendwo geben wir mehr von uns preis. Wir erzählen, wer wir sind, was wir wollen, was uns bedrückt. Rund um die Uhr. Facebook speichert alles und weiss oft mehr als jene, die einem am nächsten stehen.

Hatte ihre Tochter vielleicht auf Facebook etwas verraten über ihre Gefühle? Gab es versteckte Chats? Ortsangaben? Die Mutter versuchte sich ins Profil ihrer Tochter einzuloggen, aber es ging nicht. Facebook hatte es versiegelt, es in den «Gedenkzustand» gesetzt. Das heisst: Nur noch Facebook hatte Zugang zu den Daten des Mädchens. Als die Mutter um Zugang bat, wurde sie abgelehnt. Das sei gegen die Nutzungsbedingungen – jenen Vertrag, den die Tochter ja angeklickt haben musste, um ihr Profil zu eröffnen. So begann ein dreijähriger Klagemarathon der Eltern. Bei dem es für Facebook um viel ging. Die Sorge des Unternehmens war, dass das Gericht persönliche Daten als Vermögenswerte einstufen könnte. Etwas, was man besitzen, damit vererben – und dem Unternehmen entziehen kann. Vor Gericht bestand Facebook darauf, dass diese Daten keineswegs Vermögenswert, sondern die «Privatsphäre» seien. Facebook müsse diese «schützen».

Der Fall zeigte, was «persönliche Daten» in Wahrheit sind: der Zugang ins Innerste einer Person. Es ging um die Gefühle einer 15-Jährigen. Die Eltern wollten dazu Zugang, weil es ihnen um ihren Frieden ging. Und der unglückliche Zugführer wollte Schadenersatz, auf den er im Fall eines Selbstmordes Anspruch gehabt hätte. Facebook aber musste verhindern, dass die gigantische Lüge auffliegt: dass jene, die vorgeben, uns ein Heim im Netz zu geben, uns in Wahrheit verraten und verkaufen.

In Wahrheit funktioniert Facebook so: Zuerst digitalisieren die Nutzer ihr Innenleben durch die Eingabe ihrer Gedanken in Text, Emojis, Bildern. Alles wird zu Zeichen und Ziffern. Das wertet das Unternehmen mit maschinellem Lernen aus. So wissen Facebooks Algorithmen, was wir sehen, wählen, kaufen. Was wir planen oder ablehnen. Wer uns von innen kennt, weiss, welche Hebel umlegen, um uns zu etwas zu bewegen. Das ist Macht. Man kann sie selber nutzen – oder verkaufen.

Es geht um unsere Freiheit

Alle kostenlosen Digitaldienste funktionieren nach diesem Prinzip. Sie pumpen «persönliche Daten» aus uns. Unser Innenleben wird wie in einem industriellen Prozess analysiert, weiterverarbeitet und gehandelt. Daher heisst es oft: «Daten sind das neue Öl.» Dabei geht es um viel mehr: unsere Freiheit.

Die Dummen haben geshared – die Schlauen haben gesammelt. 2017 wurde mit persönlichen Daten erstmals mehr umgesetzt als mit dem Ölhandel. In England kam heraus, dass Emma’s Diary, eine Mutter-Kind-Website, die Daten einer Million Nutzer verkauft hatte. Facebook verkauft keine Daten, sondern versteigert den Zugang zu uns. Werbepartner, also Unternehmen oder auch politische Parteien, können aus Kategorien wählen, an wen sich ihre Botschaft richten soll. Kategorisiert sind Menschentypen. Kürzlich flog auf, dass man sogar «Judenhasser» als Kategorie anbot. Und suizidale Menschen.

Früher versteigerte man Menschen auf Sklavenmärkten. Doch die Gedanken waren frei.

Niemand konnte sie erahnen. Heute ist es umgekehrt: Unsere Gedanken sind wertvoller als unsere Körperkraft. Die neuen digitalen Overlords geben uns die Plattform, wir sollen darauf arbeiten, und den Profit behält das Unternehmen, wie einst die Lehnsherren die Ernte beanspruchten. Wer sich nicht den Gesetzen beugt, «Ja» klickt bei den Nutzungsbedingungen, wird gelöscht.

Hass als Geschäftsmodell

Manche nennen das «kommerzielle Überwachung», aber es ist viel mehr. Jeder Schritt wird registriert, ausgewertet, Erkenntnisse werden weitergegeben, ohne dass wir mitbekommen, an wen. Es ist eine ungeheure Versuchung für Politiker, eine neue Form der Macht. Unternehmen wie Cambridge Analytica und autokratische Staaten wie Russland versuchen, damit die Demokratie auszuhebeln. Totalitäre Staaten haben das Netz in ein gewaltiges Kontrollinstrument verwandelt, und grosse Unternehmen rennen ihnen hinterher. Auch sie wollen in uns hineinsehen. Uns steuern. Ein Wettkampf um Daten tobt.

Löschen Sie Ihre Accounts, schmeissen Sie Ihr Smartphone weg, es nützt nichts. Es gibt kein Zurück.

Der Hass im Netz ist Teil dieses Geschäftsmodells. Emotionen halten die Menschen auf den Plattformen, wo sie sich endlose Schlachten liefern – und noch mehr Daten geben. Die soziale Vergiftung unsrer Gesellschaft, der aufstrebende Populismus, die Diskriminierung von Minderheiten, von Frauen und Jugendlichen ist die Umweltverschmutzung der digitalen Epoche.

Auch wenn die Eltern des Mädchens vor dem Bundesgerichtshof gewannen – Facebook schreibt bis heute auf seiner Website, dass es Profile im Gedenkzustand nicht für andere öffne. Das sei ein Verstoss gegen die «Facebook-Richtlinien». Als stünden diese über dem Recht.

Heute gibt es eine neue Form der Leibeigenschaft, die nicht unsere Körper in Besitz nimmt. Sondern unseren Geist. Darauf beruht das verbreitete Gefühl des Kontrollverlusts. Wir sind digitale Leibeigene. Auch die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung kann uns nicht befreien. Sie will das Schlimmste verhindern, aber überträgt letztlich die Verantwortung über unser digitales Leben an die Digitalgiganten. Löschen Sie Ihre Accounts, schmeissen Sie Ihr Smartphone weg, es nützt nichts. Das kommende Internet der Dinge, kontaktlose Zahlungen, die Gesichtserkennung verwandeln unsere Umgebung in eine riesige Überwachungsanlage. Es gibt kein Zurück.

Wir müssen uns die Kontrolle zurückerobern. Daher müssen unsre Daten uns gehören. Sie sind die Grundlage für all die Macht und das Geld. Wir müssen bestimmen, wofür sie genutzt werden und wofür nicht. Und uns gehört der Profit an unsren Daten. Nur Sklaven werden verkauft. Wenn meine Seele schon einen Marktwert hat, dann gehört er mir.

Dieser Text erschien erstmals am 23. August 2018.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 28.11.2018, 12:25 Uhr

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