Überraschende Entwicklung

Als in Sierra Leone Ebola ausbrach, ergriff die Thurgauerin Noemi Schramm nicht die Flucht. Sie blieb – und half.

Bereits am Morgen ist es 26 Grad warm: Noemi Schramm hat gelernt, mit der Hitze umzugehen. Foto: Reto Albertalli

Bereits am Morgen ist es 26 Grad warm: Noemi Schramm hat gelernt, mit der Hitze umzugehen. Foto: Reto Albertalli

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Gemächlich geht Noemi Schramm über den Parkplatz auf das Regierungsgebäude zu. Nur nicht hasten. An diesem Morgen ist es bereits 26 Grad warm. «Weisse, die neu hier sind, unterschätzen die Hitze», sagt sie. Man erkenne sie am schnellen Gang. Noemi Schramm, 29, ist nicht neu in Sierra Leone in Westafrika.


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Seit 2013 arbeitet die Schweizerin in der Hauptstadt Freetown im Gesundheitsministerium. Am Eingang des Gebäudes braucht sie keinen Ausweis, keinen Badge vorzuweisen. Ein freundliches Nicken in Richtung des Sicherheitsbeamten genügt, schon ist sie drin und fährt mit dem Lift in ihr Büro im vierten Stock.

Was hat eine junge Europäerin in einem afrikanischen Ministerium verloren, in einem der ärmsten Länder der Welt, wo viele Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen müssen? Noemi Schramm erklärt: «Die Länder, die Entwicklungshilfe leisten, wollen der Regierung in Sierra Leone nicht einfach Geld überweisen. Stattdessen fragen sie, was für Personal benötigt wird – und senden Fachpersonen, welche die Regierung unterstützen und damit langfristig die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern.» Der Lohn von Noemi Schramm, die in Zürich und England Volkswirtschaftmit Fokus auf Entwicklungsländer studiert hat, wird aktuell mit Entwicklungsgeldern aus Deutschland und England finanziert. Offiziell angestellt ist sie bei der amerikanischen Organisation CHAI (Clinton Health Access Initiative).

Noemi Schramms Arbeitsort: Das Regierungsgebäude in der Hauptstadt Freetown. Foto: Reto Albertalli

«Unser Ziel ist es, dass unsere Mitarbeit im Land mit der Zeit nicht mehr nötig sein wird», sagt sie in ihrem knapp zehn Quadratmeter grossen Büro, das sie sich mit einem Kollegen teilt. «In meiner Abteilung beschäftigen wir uns mit dem Gesundheitspersonal im Land. Wo braucht es etwa mehr Krankenschwestern? Und wie können wir ihre Ausbildung verbessern?»

Viele Meetings und viele Mails warten auf Noemi Schramm. Wie fast jeden Tag. Sie klopft an die Tür von Kwame Yankson, Direktor ihrer Abteilung. Dieser betont, wie wichtig die Hilfe aus dem Ausland für Sierra Leone sei, gerade in der medizinischen Versorgung. «Ebola hat uns hart getroffen, die Folgen spüren wir bis heute», sagt er.

2014 brach in Westafrika eine Ebolafieber- Epidemie aus. Fast 30'000 Menschen erkrankten, über 10'000 starben. In Sierra Leone gab es nach wenigen Monaten 500 Neuinfektionen pro Woche. In dieser Situation verliessen viele Entwicklungshelfer fluchtartig das Land. Noemi Schramm blieb. «Ich hätte mich schuldig gefühlt, meine Freunde zurückzulassen», sagt sie. Und im Gesundheitsministerium gab es viel zu tun. «Die direkten Hilfsgelder mussten auf die verschiedenen Spitäler und Kliniken verteilt werden.» Dabei sei es vor allem darum gegangen, sicherzustellen, dass das Gesundheitssystem nicht komplett zusammenbreche. «Wir mussten dafür sorgen, dass in den Spitälern neben den Ebola-Patienten auch weiterhin die alltäglichen Fälle behandelt wurden.»

Wie in der Schweiz wartet auch hier Tag für Tag viel Büroarbeit: Unterlagen sind durchzuackern, Mails zu beantworten. Foto: Reto Albertalli

Noemi Schramm denkt nicht gern an diese Zeit zurück. «Wir haben gute Arbeitskollegen verloren», sagt sie. Den 29. Juli 2014 wird sie nie vergessen: «An diesem Tag erreichte uns die Meldung, dass der Virenspezialist des Gesundheitsministeriums an Ebola gestorben ist. Wir waren wie gelähmt, überwältigt von der Trauer.»

Treffen mit Madame Chief

Morgens um sechs Uhr in Freetown. Ein weisser Geländewagen hält vor Noemi Schramms Wohnung. Abfahrt in Richtung Kailahun im Osten des Landes. Die Reise wird den ganzen Tag dauern. Wenn sich Noemi Schramm unterwegs mit Leuten unterhält, tut sie das auf Krio, die meistgesprochene Sprache in Sierra Leone. «Gut ausgebildete Leute reden auch Englisch. Auf Krio kommt man aber viel schneller ins Gespräch. Und es hilft, sich zu integrieren.»

Aw Di bodi?
Di bodi fayn.
Aw di fambul?
All man fine.
Wie geht es dir?
Mir geht es gut.
Wie geht es der Familie?
Es geht allen gut.

Am Mittag Zwischenhalt in Kenema. Hier trifft sich Noemi Schramm regelmässig mit dem Chief, einer Art Bürgermeister für die ganze Region, um sich über die aktuelle Situation der Gesundheitsversorgung zu informieren. Der Chief ist heute nicht da. Dafür seine Frau. Noemi Schramm nennt sie Madame Chief. Madame Chief serviert Fischsuppe mit zermahlenen Bohnen, Blättern der Süsskartoffelpflanze und Reis.

Die Schule von Kenema ist ihr gemeinsames Projekt: Madame Chief und Noemi Schramm. Foto: Reto Albertalli

Während des Essens diskutieren sie über ihr gemeinsames Projekt. 2010 gründete Madame Chief eine Schule hier im Ort, Noemi Schramm unterstützt sie finanziell. Zusammen mit einer Handvoll Schweizer Spender finanziert sie die Lehrerlöhne und hilft beim Ausbau der Schule. Die vergleichsweise kleine Unterstützung bewirkt Grosses: Seit Noemi Schramm beim Projekt mitmacht, ist die Schule von 150 auf 420 Schüler gewachsen.

Nach der Fischsuppe gehts zur Schule. Die Kinder in blauen Uniformen scharen sich um den Besuch. Wie überall in Sierra Leone wird Noemi Schramm von allen «Naomi» genannt. «Den Namen Noemi kann niemand aussprechen, also stelle ich mich inzwischen schon als Naomi vor», sagt die Schweizerin, während sie von Zimmer zu Zimmer geht. In einer Klasse wird der Homo sapiens behandelt, im Raum daneben erklärt ein Lehrer an der Wandtafel, wie man beim Hochsprung gut abspringt, im nächsten Zimmer lernen die Kinder den Satz des Pythagoras.

Bekanntes Gesicht: Die Schüler von Kenema umringen ihre «Naomi» freudig. Foto: Reto Albertalli

«Bildung ist ein wirksames Mittel gegen Armut», sagt Noemi Schramm. Im Bürgerkrieg, der von 1991 bis 2002 dauerte, wurden im Land weit über tausend Schulen zerstört. Noch heute haben längst nicht alle Kinder eine Schule in ihrer Nähe.

Weiter geht die Fahrt Richtung Osten. Aus Asphaltstrassen werden Schotterpisten, aus Schotterpisten ausgewaschene Pfade mitten durch den Regenwald. Mit den letzten Sonnenstrahlen kommt Noemi Schramm in der Herberge in Kailahun an. Der nächste Tag ist vollgepackt mit Meetings und Besprechungen. Sie trifft den lokalen Gesundheitsverantwortlichen, besucht das Spital. Nach einem Rundgang und einem Treffen mit dem Chefarzt füllt sie mit den Personalverantwortlichen der Klinik bis in die Abendstunden Personalformulare aus. Am nächsten Tag geht es zurück nach Freetown. Daheim in der Wohnung wartet Noemis Freund Elias Tabib, der einzige Mann in Sierra Leone, der ihren Namen richtig ausspricht. Der 25-Jährige mit libanesischen Wurzeln ist in Sierra Leone geboren und aufgewachsen

Auch privat ist sie angekommen: Seit einem Jahr ist Noemi Schramm mit ihrem Freund Elias Tabib zusammen. Foto: Reto Albertalli

Zusammen mit seinem Vater führt er eine Baufirma. Noemi und Elias sind seit einem Jahr ein Paar. Davor war sie zwei Jahre mit einem anderen Sierra Leoner zusammen, einem hohen Beamten aus dem Finanzministerium. Die kulturellen Unterschiede waren am Ende aber zu gross. «Er hat bis zum Schluss nicht verstanden, dass für mich Treue zu einer Beziehung gehört.»

An freien Wochenenden geht Noemi Schramm gern an den Strand oder besucht mit Elias seine Eltern. Heute Abend ist sie zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Eine Überraschungsparty. Deshalb sei es wichtig, dass alle pünktlich um 19 Uhr kämen, stand auf der Einladungskarte. Als Noemi Schramm um 19 Uhr eintrifft, sind erst zwei Gäste da. «Ich hätte auf meinen Instinkt hören sollen!», sagt sie und verwirft die Hände.

Diesen Stadtteil sieht Noemi Schramm täglich auf dem Weg zur Arbeit: Das Viertel Brookfields. Foto: Reto Albertalli

Nach mehr als vier Jahren in Sierra Leone spürt sie die kulturellen Unterschiede noch immer, doch sie hat gelernt, sie zu akzeptieren. Zu Ehren ihrer alten Heimat veranstaltet sie jeden 1. August eine Switzerland-Party mit bis zu vierzig Freunden aus Sierra Leone und der ganzen Welt. Bei einem Schneider in Freetown hat sie sich eine Schweizer Fahne nähen lassen.

Heimweh hat Noemi Schramm selten. An Weihnachten fliegt sie jeweils in die Schweiz und besucht ihre Familie im Kanton Thurgau, wo sie in Weinfelden aufgewachsen ist. Schon als Jugendliche war die Älteste von vier Geschwistern politisch aktiv. Sie engagierte sich im Gemeindeparlament, im Jugendparlament und in der Jugendkommission. Doch die Tochter eines Musikers und einer Familientherapeutin wollte nicht in der Schweiz bleiben.

«Für mich war früh klar, dass ich auswandern will. Ich fühle mich im Ausland lebendiger.» Nach Sierra Leone hat es sie durch Zufall verschlagen. «Während meines Studiums in England habe ich mich bei einer Organisation beworben, die solche Einsätze koordiniert. Als die mir die Stelle in Sierra Leone angeboten haben, musste ich zuerst googeln, wo dieses Land überhaupt liegt.»

Für die Switzerland-Party: Die in Freetown genähte Schweizer Fahne. Foto: Reto Albertalli

Jetzt, vier Jahre später, hat Noemi Schramm hier Wurzeln geschlagen: «Die Menschen sind hilfsbereit und tolerant», schwämt sie. Beeindruckt ist sie, wie die Sierra Leoner mit Religionen umgehen. «Das Christentum und der Islam existieren friedlich nebeneinander. Mischehen sind normal, und die Feste beider Religionen werden von allen gefeiert.»

Überfall auf dem Heimweg

Doch nicht nur Toleranz und Hilfsbereitschaft, auch Gewalt hat Noemi Schramm in Sierra Leone schon erlebt. Einmal wurde sie auf dem Nachhauseweg überfallen. Kurz vor Mitternacht, keine 300 Meter von ihrem Haus entfernt, tauchten plötzlich drei junge Männer aus der Dunkelheit auf. Einer griff in Noemis Handtasche und erwischte das Handy. Einer warf ihre Begleiterin zu Boden. «Wir schrien sofort los», erinnert sich Noemi Schramm. Zwanzig Sekunden später seien gegen zwanzig Leute aus der Nachbarschaft auf der Strasse gestanden.

Ist nach der Schweizerin benannt: Der zweijährige Mohamed Schramm Kamara. Foto: Reto Albertalli

«Einen der Diebe haben sie erwischt. Es war schrecklich. Sie schlugen sofort auf ihn ein. Er lag am Boden und blutete. Wir mussten dazwischengehen.» Nach diesem Erlebnis zwang sich die junge Schweizerin, eine Woche lang jeden Abend durch diese Strasse zu gehen. Denn obwohl bei ihr auch schon mehrmals eingebrochen wurde, sagt sie: «Das kann ja nicht sein, dass mich die Angst einschränkt. Ein Leben in Angst ist kein freies Leben.» Langsam trudeln die Gäste für die Überraschungsparty ein. Und in der Dämmerung steht er plötzlich da, der lebende Beweis dafür, wie gut Noemi Schramm in Sierra Leone integriert ist: der zweijährige Mohamed Schramm Kamara, der Sohn eines guten Freundes.

«Dieser wollte sein erstes Kind unbedingt nach mir benennen», sagt Noemi Schramm und lacht. «Als es dann kein Mädchen wurde, gab er ihm einfach meinenNachnamen als Vornamen.» Sie streicht dem Kind, das alle Baby Schramm nennen, übers Haar. Dass der Kleine in seinem Leben nicht dieselben Möglichkeiten und Chancen hat wie ein in der Schweiz geborenes Kind, ist Noemi Schramm bewusst. Gegen dieses Ungleichgewicht will sie ankämpfen. «Ich alleine bewirke hier mit meiner Arbeit nur kleine Veränderungen. Und doch gibt es mir grosse Befriedigung, etwas Sinnvolles zu tun», sagt sie. Dass die Unterschiede, gerade im medizinischen Bereich, gewaltig sind, hat sie selber erlebt. In den letzten vier Jahren musste sie einmal wegen eines Bandscheibenvorfalls und einmal wegeneiner Nierenbeckenstenose in der Schweiz operiert werden. «Als Sierra Leonerinwäre ich jetzt tot oder würde bald sterben», sagt sie trocken.

Gehört zu Noemi Schramms Wochenritual: Der Einkauf auf dem Markt. Foto: Reto Albertalli

Am Tag darauf, einem Samstag, besucht sie wie gewohnt den Markt, schlendert vorbei an Fisch und Gemüse. Bei einer alten Marktfrau mit runzeligem Gesicht kauft sie Zwiebeln. «Nimm mich mit in dein Land, ich will weg von hier», sagt die Verkäuferin auf Krio und lächelt. Noemi Schramm grinst zurück und erwidert: «Ich will aber hier bleiben.»

Dieser Text erschien erstmals am 22. März 2018 in der «Schweizer Familie».

(Schweizer Familie)

Erstellt: 28.11.2018, 12:14 Uhr

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