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Genetisches Erbe des MenschenSensibel wie ein Neandertaler

Liess eine Genmutation den Urmenschen Schmerzen stärker spüren? Bis heute tragen manche Leute die Erbgut-Variante in sich.

Haben sie Schmerzen intensiver empfunden als moderne Menschen? Neandertaler-Darstellung in einer Ausstellung
Haben sie Schmerzen intensiver empfunden als moderne Menschen? Neandertaler-Darstellung in einer Ausstellung
Foto: Nikola Solic (Reuters)

Schwer zu sagen, was so ein Neandertaler tatsächlich gespürt hat, wenn er verletzt war oder krank wurde. Ob er weitgehend schmerzfrei war oder vielleicht besonders sensibel. Womöglich haben diese entfernten Verwandten des modernen Menschen, die vor 500000 Jahren durch die Steppen streiften, auch nicht viel Aufhebens um ihre Empfindungen gemacht, sondern waren mit der Nahrungssuche sowie der Abwehr von Feinden ausgelastet. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben nun aber Hinweise darauf gefunden, dass die Neandertaler Schmerzreize womöglich intensiver wahrgenommen haben als die meisten modernen Menschen. Die Ergebnisse wurden jetzt in «Current Biology» veröffentlicht.

Das Team um Hugo Zeberg und Svante Pääbo hat einen experimentellen Ansatz gewählt, der Spekulationen erlaubt, aber noch keine definitiven Aussagen über das Schmerzempfinden in der Frühzeit. «Ob Neandertaler tatsächlich vermehrt Schmerzen gespürt haben, ist schwer zu sagen», schränkt Pääbo ein. «Schliesslich wird die Schmerzwahrnehmung auch in Rückenmark und Gehirn moduliert.»

Das, was als Schmerz empfunden wird, ist eben nicht nur von der Intensität des äusseren Reizes abhängig. Während der Signalweiterleitung an das Gehirn gibt es verstärkende und hemmende Faktoren, die darüber bestimmen, wie stark die Pein wahrgenommen wird. Wer in einen Nagel tritt, kann in der einen Situation laut aufheulen. Zu einem anderen Zeitpunkt spürt er den Schmerz hingegen vielleicht kaum.

Gedrückte Stimmung kann Schmerzen verstärken

Da das Neandertaler-Genom inzwischen gut bekannt ist, haben die Wissenschaftler die Erbanlagen für einen zellulären Natrium-Kanal sowie den Ionen-Kanal selbst genauer untersucht, der für den Beginn der Schmerzweiterleitung wichtig ist. Die genetische Variante der Frühmenschen unterscheidet sich von jener der meisten modernen Menschen.

In Versuchen im Labor zeigte sich, dass die elektrische Nervenerregung an Zellen, die Ionen-Kanäle wie jene der Neandertaler aufwiesen, leichter ausgelöst werden konnte. Die Schmerzschwelle lag niedriger; es waren geringere Reize nötig, um eine unangenehme Empfindung zu spüren.

Theoretisch legt das eine intensivere Schmerzwahrnehmung nahe, allerdings ist das, was als Schmerz im Gehirn ankommt, eben nicht nur von einem Ionen-Kanal und der Reizleitung im Nervensystem abhängig. Wer zum Beispiel gedrückter Stimmung ist oder sich einsam fühlt, nimmt Schmerzen ebenfalls stärker wahr.

Um ihre Befunde zu untermauern, untersuchten die Wissenschaftler zusätzlich das Genom moderner Menschen. Sie fanden an Probanden aus Grossbritannien, dass ein kleiner Teil der heutigen Zeitgenossen ebenfalls die Neandertaler-Variante im Erbgut trägt. Werden diese nach ihrem Schmerzempfinden befragt, geben sie ebenfalls eine höhere Intensität an, ihre Schmerzschwelle liegt niedriger.

«Mit der Neandertal-Variante für den Ionen-Kanal ist das Schmerzempfinden so, als ob man acht Jahre älter wäre.»

Hugo Zeberg, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie

Zur Erläuterung wählt Hugo Zeberg einen interessanten Vergleich, denn ein wichtiger Faktor für die Schmerzwahrnehmung ist das Alter. Je älter die Menschen sind, desto häufiger berichten sie von Schmerzen, wobei unklar bleibt, ob sie empfindlicher werden oder das Ausmass körperlichen Leids steigt. «Mit der Neandertal-Variante für den Ionen-Kanal ist das Schmerzempfinden so, als ob man acht Jahre älter wäre», sagt Zeberg. «Diese Variante umfasst drei Veränderungen der Aminosäuren im Vergleich zu der verbreiteten modernen Form.» Wenn nur eine Aminosäure ersetzt ist, beeinträchtigt das die Funktion des Ionen-Kanals nicht, sind hingegen alle drei verändert, führt das zu erhöhter Schmerzempfindlichkeit.

Vor Jahren hatten Forscher den seltenen Fall einer pakistanischen Familie beschrieben, die keinerlei Schmerzen empfinden konnte. Die Kinder sprangen von Häusern und spürten nicht, wenn ihre Knochen brachen. Als «Strassentheater» bezeichneten sie es, wenn sie sich vor Schaulustigen Messer in Arme oder Beine stachen.

Alt wurden sie nicht, denn Schmerz zu spüren ist ein wichtiger Schutz für den Körper. Der Grund für ihre Unempfindlichkeit lag jedoch ebenfalls im Erbgut. Sie besassen eine Mutation im Gen für den gleichen Natrium-Kanal, der bei den Neandertalern verändert war. Im Fall der Familie aus Pakistan war er jedoch nicht überempfindlich, sondern defekt, sodass keine Schmerzimpulse weitergeleitet wurden.

2 Kommentare
    Mauro Sini

    Die Wahrnehmung von Schmerzen lässt sich gedanklich steuern.

    Z.b. Ich lasse mein Zahnarzt immer ohne Betäubung arbeiten. Inzwischen sogar bei Würzelkanalbehandlungen. Kein Scherz.

    Ich lasse ihm einfach bohren, oder an den Kanälen arbeiten, eigentlich schaben und fräsen, bis ich ein "kleiner Blitz" spüre. Dann spritzt er ein bisschen Betäubungsmittel in den Kanal, und bohrt, fräst, schäbt weiter bis ich der nächste Funke spüre, usw.

    Manchmal tuen mehr die Assistentinen weh die der Sauger zu fest am Mundrand mit der Hand halten. Eine Plage.

    Der Trick ist simpel. Ich bleibe ruhig. Das hilft der Zahnarzt besser, und schneller, zu arbeiten und zu eine bessere Ergebnis zu kommen. Ich kooperieren, ich arbeite mit.

    Ich entspanne mich bewusst und achte auf meine Atmung.

    Durch die Nase einatmen, durch den Mund ausatmen. Wenn er aber ein Spiegel hält, umgekehrt, um das Beschlagen der Glass zu verhindern. Ich bin beschäftigt, entspannt, aber achtsam.

    Ich denke dabei, dass der zahnärztliche Arbeit etwas gutes ist, nicht so schlimm wie die Zahnbeschwerden. Es bedeutet Genesung und Schönheit, und bald wird vorbei sein.

    Ohne die Betäubung "reagiere ich besser" wenn entzündetes Gewebe erwischt wird, und so kann der Zahnarzt effektiver, und schneller, seine Arbeit erledigen.

    Manchmal entspanne mich so sehr, dass ich sogar einschlafe, und schlagartig wieder wach werde bevor ich den Mund zu mache. :-)

    Kein Scherz. Ich schlafe beim Zahnarzt manchmal ein, ohne Betäubung.

    Reine Kopfsache.