Showdown im Zürcher Prime Tower

Krimi der Woche: «Die Coachin» will den Tod ihres Bruders rächen. Dafür knöpft sie sich rücksichtslose Post-Manager vor.

«Die Coachin» ist Nicolas Verdans erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde.

«Die Coachin» ist Nicolas Verdans erstes Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Bild: Louise Anne Bouchard

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Das Buch

Coraline Salamin ist hart und kompromisslos. Sie coacht Manager, damit diese genauso handeln und auch unpopuläre Entscheidungen gnadenlos durchziehen können. Ihren neuesten Kunden hat sie sich quasi zutreiben lassen, denn mit ihm hat sie eigene Pläne.

Alain Esposito ist als Topmanager bei der Post zuständig für die Poststellen, bei denen eine grosse Restrukturierung ansteht: Mehr als 600 sollen geschlossen werden. Coralines Bruder war Pöstler im Wallis. Nach der Schliessung seiner Poststelle hat er sich umgebracht. Ihn will Coraline rächen, indem sie Esposito in den Tod treibt.

Coraline ist die Titelfigur und Icherzählerin des Romans «Die Coachin». Für diesen schmalen Band ist der Westschweizer Schriftsteller und Journalist Nicolas Verdan 2018 mit dem Prix du Polar Romand ausgezeichnet worden. Er zeichnet darin eine brutale Schweiz, die von neoliberaler Rücksichtslosigkeit geprägt ist. Staatsbetriebe sind privatisiert worden und werden auf Profit um jeden Preis getrimmt. So auch die Post.

Coraline merkt nicht, dass sie selbst von jemandem verfolgt wird, während sie zielstrebig ihren Racheplan verfolgt.

Coraline ist in Schnellzügen oder auf der Autobahn unterwegs in dieser Schweiz, die so aussieht, wie sie ist: «In der Schweiz habe ich täglich den Eindruck, durch Gegenden zu fahren, die ein getarnter Feind verwüstet hat.» Und da gibt es immer mal wieder mehr oder weniger direkte Anspielungen auf reale Personen und Vorgänge. Etwa wenn Coraline im Wallis an einer Überbauung vorbeifährt, die vom Präsidenten des grossen Fussballclubs im Kanton realisiert wurde: «Der alte Fuchs hat die 130 Hektar grosse heruntergekommene Industriebrache für ein Butterbrot gekauft. Den Zustand des Bodens mag ich mir gar nicht vorstellen. Und dann verkauft dieses Grossmaul seine Siedlung auch noch unter dem Label Ökopark.»

Coraline merkt nicht, dass sie selbst von jemandem verfolgt wird, während sie zielstrebig ihren Racheplan verfolgt. Sie ist Mitglied einer exklusiven Vereinigung von Machtmenschen aus der Schweizer Wirtschaft, die sich im 33. Stock des Zürcher Prime Tower treffen. Gewinnen um jeden Preis ist das gemeinsame Ziel der Mitglieder: «Wir identifizieren uns miteinander im Fehlen jeglicher Skrupel auf dem Weg zur Macht.» Im Versammlungsraum dieses Clubs kommt es schliesslich zum Showdown.

«Die Coachin» ist ein Noir-Roman, der wie seine Protagonistin ist: hart und kompromisslos. Die Geschichte wird schnell erzählt, vorwiegend in scharfem Schwarz und Weiss mit wenig Grautönen. Das mag zwar manchmal etwas wenig differenziert wirken, doch damit kommt Nicolas Verdan immer schnörkellos und direkt auf den Punkt, der ihm wichtig ist.

Die Wertung

Der Autor

Nicolas Verdan, geboren 1971 in Vevey, hat eine griechische Mutter und einen Schweizer Vater. Er arbeitete während 15 Jahren als Journalist für die Westschweizer Tageszeitung «24 heures», bevor er sich als Journalist und Schriftsteller selbstständig machte. Seit 2006 hat er sechs Bücher veröffentlicht und ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem 2006 mit dem Schweizer Bibliomedia-Preis für «Le Rendez-vous de Thessalonique», 2012 mit dem Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung für «Le Patient du docteur Hirschfeld» und 2018 mit dem Prix du Polar Romand für «La Coach» («Die Coachin»), sein erstes Buch, das ins Deutsche übertragen wurde. Er lebt in Chardonne VD und in Athen.


Nicolas Verdan: «Die Coachin» (Original: «La Coach», BSN Press, Lausanne 2018). Aus dem Französischen von Hilde Fieguth. Lenos, Basel 2020. 188 S., ca. 26 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 06.02.2020, 08:35 Uhr

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