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Hungersnot in Äthiopien«Sie betteln um Hilfe, die es nicht gibt»

Die Regierung von Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed behauptet, in der äthiopischen Konfliktregion Tigray nur «Recht und Ordnung» wiederherstellen zu wollen. Doch durch den Krieg droht Millionen Menschen eine Hungersnot.

Bislang haben sich etwa 60’000 Flüchtlinge aus Äthiopien in den benachbarten Sudan gerettet.
Bislang haben sich etwa 60’000 Flüchtlinge aus Äthiopien in den benachbarten Sudan gerettet.
Foto: AFP

Sebhat Nega war unrasiert, trug einen etwas in die Jahre gekommenen Trainingsanzug und hatte offenbar nur die Zeit, sich einen Socken anzuziehen, bevor er vor wenigen Wochen verhaftet wurde. Der 86-Jährige sah verwirrt aus, als er von äthiopischen Soldaten in Handschellen abgeführt wurde, so, als verstehe er nicht ganz, was da passiert. Und viele Äthiopier konnten es auch nicht ganz glauben, was sie da sahen. Es war ein Symbolbild der neuen Zeiten.

Fast drei Jahrzehnte dominierten Leute wie Sebhat Nega Politik und Wirtschaft in Äthiopien. So lange stellte die kleine Minderheit der Tigray die Elite im Riesenreich mit mehr als 100 Millionen Einwohnern. Im Befreiungskampf gegen das kommunistische Regime hatte Sebhat einst die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) mitgegründet, die Äthiopien dann nach dem Sieg 1991 fast 27 Jahre lang regierte und deren Anhänger selbst zu korrupten Unterdrückern wurden. Bis vor drei Jahren Abiy Ahmed an die Macht kam, ein junger Reformer. Er war der Erste aus der Volksgruppe der Oromo, der zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.

Ein Feldzug gegen das alte Regime

Abiy Ahmed entfernte viele Tigray aus einflussreichen Positionen. Für die Tigray brachen neue Zeiten an, an die sie sich nicht gewöhnen konnten und wollten. Zwei Jahre lang schaukelte sich der Konflikt hoch, bis Ende 2020 ein Krieg daraus wurde. Abiy warf den Tigray vor, trotz eines Verbots regionale Wahlen durchgeführt und eine Basis der Armee überfallen zu haben. Es habe keine andere Wahl gegeben, als dort einzumarschieren und «Recht und Ordnung» wiederherzustellen.

Es wurde ein Feldzug gegen das alte Regime. Die Regierung in Addis Abeba hat eine Liste mit den 167 meistgesuchten Personen zusammengestellt, von denen etwa ein Drittel bereits gefasst sei – manche lebendig wie Sebhat Nega, andere tot, mit einer Kugel im Kopf, wie der langjährige Aussenminister Seyoum Mesfin. Hingerichtet, sagen seine TPLF-Kameraden, im Gefecht gestorben, sagt die Regierung.

Die Region ist grösstenteils vom Internet abgeschnitten, Telefonleitungen sind unterbrochen, nur selten gibt es Strom.

Deren Kampf richtet sich nach Ansicht vieler Beobachter nicht mehr nur gegen die alte Clique der TPLF-Führung, sondern gegen alle Tigray. In der Hauptstadt Addis Abeba verlieren sie ihre Jobs und Wohnungen, oben im Norden, in der Region Tigray selbst, sind bisher Tausende ums Leben gekommen. Millionen haben nicht genug zu essen und keine ausreichende medizinische Versorgung. Die Region ist grösstenteils vom Internet abgeschnitten, Telefonleitungen sind unterbrochen, nur selten gibt es Strom. Die Vereinten Nationen berichten von Vergewaltigungen, gezielten Tötungen und Verschleppungen. Bisher haben sich etwa 60’000 Flüchtlinge in den benachbarten Sudan gerettet. Sie campieren teilweise in Flüchtlingslagern, die während der grossen Hungersnot Mitte der 1980er-Jahre eingerichtet wurden.

Damals hatte das kommunistische Regime versucht, die Freiheitskämpfer der TPLF auszuhungern – Millionen Zivilisten kamen ums Leben. Heute scheint die Regierung unter Abiy wieder ähnlich vorzugehen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen berichten, äthiopische Soldaten würden die Ernte der Bauern verbrennen. Die Märkte in den Städten sind geschlossen, das Getreide kann wegen des Stromausfalls nicht verarbeitet werden. Mehr als zwei Millionen Menschen in Tigray sollen auf der Flucht sein, «sie betteln um Hilfe, die es nicht gibt», sagte Filippo Grandi, der Chef des Flüchtlingshilfswerkes der UNO. Schon vor Wochen sagte die Regierung der UNO zwar ungehinderten Zugang zu, bisher kamen aber nur wenige Hilfslieferungen an. UNO-Mitarbeiter warten weiter in Addis Abeba darauf, nach Tigray reisen zu dürfen. Die EU hat den finnischen Aussenminister Pekka Haavisto beauftragt, sich vor Ort ein Bild der Situation zu machen. Die EU hält 88 Millionen Euro an direkter Budgethilfe für Äthiopien zurück, bis die Regierung Zugang zur Region gewähre.

Flüchtlinge aus Äthiopien vor einer Kirche im Osten Sudans.
Flüchtlinge aus Äthiopien vor einer Kirche im Osten Sudans.
Foto: AFP

Dort sind offenbar auch Tausende Soldaten aus Eritrea in Kämpfe verwickelt. Ministerpräsident Abiy hatte 2019 den Friedensnobelpreis bekommen, weil er sich mit dem Erzfeind Eritrea aussöhnte. Nun sieht es aber so aus, als würde der Nachbar den Krieg von damals fortführen, Rache am einstigen Gegner nehmen. Der Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea von 1998 bis 2000 mit Hunderttausenden Toten war vor allem ein Konflikt zwischen der TPLF-dominierten Armee und dem eritreischen Diktator Isayas Afewerki. Der traf sich in den vergangenen Jahren regelmässig mit Abiy und hilft ihm nun offenbar dabei, seinen Lieblingsfeind TPLF zu besiegen. Ob das gelingt, ist fraglich. Die Truppen Eritreas sollen in den vergangenen Wochen zahlreiche Orte und Spitäler geplündert haben. Vor wenigen Tagen meldete sich TPLF-Führer Debretsion Gebremichael nach langem Schweigen wieder zu Wort und rief alle Tigray dazu auf, am Kampf teilzunehmen.

9 Kommentare
    Simon Wind

    Spricht man mit äthiopischen Flüchtlingen, die unter der früheren Tigray-Regierung geflüchtet sind, wird klar, wie die frühere Regierung und deren Helfer systematisch die Menschen anderer Ethnien als Individuen benachteiligt, schikaniert, verfolgt oder getötet haben, um sich unrechtmässig Besitz, Grundstücke usw. anzueignen. Das erlittene Leid und Unrecht vieler Äthiopier wurde in unseren Medien nie thematisiert, und die Schweiz lehnte Asylgesuche von Äthiopiern idR ab, weil diese ihre Verfolgung nicht beweisen konnten.

    Unmittelbar nach der Wahl von Abiy begannen die einflussreichen Tigray damit, Abiy zu bekämpfen, weil sie befürchteten, ihre dominante Herrscherrolle in Äthiopien zu verlieren. Sie haben Abiys Friedensangebot abgelehnt und versuchten sogar mehrmals, ihn umzubringen. Das war in unseren Medien jedoch kaum ein Thema. Ebenso, wie die Tigray mit Gewalt die Eskalation suchten, um wieder an die Macht zu kommen. Nun, da Abiy offensichtlich keine andere Wahl mehr hat, als militärisch durchzugreifen, kritisiert man ihn und gibt ihm die Schuld. Diese Schuldzuweisung ist eine zu einfache Sicht der Dinge.