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Missbrauchte SportlerinnenSie jagten ihn – und dann kam die Welle ins Rollen

Mehr als 500 Opfer, bis 175 Jahre Gefängnis für den Täter: Der Missbrauchsskandal um Larry Nassar hat die Sportwelt erschüttert. Nun rollt Netflix den spektakulären Fall auf.

Für den Rest seines Lebens hinter Gittern: Triebtäter Larry Nassar wird in den Gerichtssaal begleitet.
Für den Rest seines Lebens hinter Gittern: Triebtäter Larry Nassar wird in den Gerichtssaal begleitet.
Foto: Brendan McDermid (Reuters)

Und dann dieser Satz. Diese Aussage, so scharf und kühl, dass sie jedem die Kehle zuschnürt, an den sie adressiert ist: «Ich habe eben Ihr Todesurteil unterschrieben.»

Am 24. Januar 2018 ist das. In einem Gerichtssaal im US-Bundesstaat Michigan. An Richterin Rosemarie Aquilina liegt es, das Urteil über Larry Nassar zu fällen und einen Schlussstrich zu ziehen unter einen der spektakuläreren Gerichtsprozesse in der Geschichte des Sports. Den schlimmsten Missbrauchsfall, das mit Sicherheit: 156 Opfer kommen während der mehrtägigen Verhandlung zu Wort. Mal mit zittriger Stimme und Tränen, mal gefestigt, mit starrem Blick auf den Täter. Es ist ein 156-facher Schrei nach Gerechtigkeit.

23 Minuten braucht Bezirksrichterin Aquilina am Ende für die Urteilsverkündung. «Zu Ihnen», knurrt sie den Angeklagten an, «würde ich nicht einmal die Hunde schicken. Sie verdienen es nicht, noch einen Tag in Ihrem Leben frei zu sein.» Nassar, damals 55, muss für 40 bis 175 Jahre ins Gefängnis. Das Publikum im Raum klatscht. Die anwesenden Opfer umarmen sich. Wobei sie sich nicht Opfer nennen, sondern: «Survivors», Überlebende.

Jahrzehntelang war Lawrence Gerard Nassar Chefarzt des amerikanischen Turnverbandes USA Gymnastics gewesen, hoch angesehener und dekorierter Osteopath, auch an der Michigan State University mit ihren Zehntausenden von Studenten arbeitete er. Zu fünf Olympischen Spielen reiste er in höchst offizieller Mission für das Nationale Olympische Komitee. Doch was lange niemand wusste oder ahnte oder nicht wissen oder ahnen wollte: Nassar war pädophiler Triebtäter.

Mindestens 265 Mädchen und junge Frauen haben mittlerweile ausgesagt, dass Nassar sie missbraucht hatte, körperlich und seelisch, doch die Dunkelziffer dürfte gross sein. Von über 500 Opfer gehen die Ermittler aus. In vielen Fällen hat Nassar die Lage der Turnerinnen und deren Olympiapotenzial ausgenützt, ihre Karrieren waren medizinisch von ihm abhängig. Rückenbeschwerden würden am effektivsten vaginal behandelt, das war eine seiner Maschen. Manches Mal warteten die Eltern der Mädchen währenddessen ahnungslos nebenan. Manches Mal wurde er von Trainern gedeckt. Von Trainerinnen übrigens auch.

4. August 2016: Der erste Bericht

Aufmerksam auf die widerwärtigen Methoden des Dr. Nassar wird die Öffentlichkeit am 4. August 2016. An diesem Tag erscheint in der Lokalzeitung «Indianapolis Star» ein Artikel mit dem Titel: «Blind für sexuellen Missbrauch: Wie es USA Gymnastics verpasste, Fälle zu melden» (lesen Sie ihn hier im Original). Drei Autorinnen und Autoren haben ihn verfasst, nachdem sie monatelang an der Aufdeckung gearbeitet hatten. In den Wochen danach melden sich immer mehr Frauen auf der Redaktion, und so kommt die Welle ins Rollen, die Nassar erst den Job kostet und schliesslich für den Rest seines Lebens hinter Gitter spült – und zahlreiche Mitwissende mitreisst. Die Zeitung wird für die Recherche ausgezeichnet, Nassars Opfer erhalten einen Prix Courage.

Die wichtigsten Zeuginnen für die Redaktion sind Rachael Denhollander, heute als Juristin federführend im Kampf der Opfer gegen USA Gymnastics, vor allem aber Maggie Nichols. Inzwischen fast 23, wurde die einstige Nationalkaderturnerin als 15-Jährige erstmals von Nassar missbraucht. Als sie sich deswegen mit einer Teamkollegin austauschte, bekam das zufällig eine Trainerin mit, die sich wiederum an USA Gymnastics wandte.

Seit ihrem 15. Lebensjahr wurde auch sie von Larry Nassar missbraucht: Maggie Nichols bei ihrer Balkenübung an der WM 2015 in Glasgow.
Seit ihrem 15. Lebensjahr wurde auch sie von Larry Nassar missbraucht: Maggie Nichols bei ihrer Balkenübung an der WM 2015 in Glasgow.
Foto: Darron Cummings (Keystone)

Doch bis zu einem vertraulichen Gespräch mit der «Star»-Redaktion geschah nichts, denn beim Landesverband galt das Prinzip des Schweigens: Man regelte die Dinge intern. Der frühere Geschäftsführer von USA Gymnastics, Steve Penny, wurde einmal gefragt, ob er den Verdacht des sexuellen Missbrauchs durch einen Trainer den Behörden melden würde. Seine Antwort, unumwunden: «No.»

Und so wird Maggie Nichols zur entscheidenden Person in der Recherche. Zu «Athlete A», wie sie in den Unterlagen anonymisiert wird. Und «Athlete A» ist nun auch der Titel einer Netflix-Dokumentation, die sich mit dem Missbrauchsskandal beschäftigt. Ursprünglich hätte der 103-minütige Film diesen Frühling in New York uraufgeführt werden sollen, nach der Absage des Tribeca-Film-Festivals wegen der Corona-Pandemie schaltet ihn der Streamingdienst diesen Mittwoch, 24. Juni, auf.

Im Zentrum steht die Redaktion des «Indianapolis Star» und der Antrieb der kleinen Rechercheeinheit, nicht bloss Nassar das Handwerk zu legen, sondern vor allem die Omertà im Verband zu durchbrechen. Ersteres gelingt, weil mehr und mehr missbrauchte Sportlerinnen durch den Bericht den Mut fassen, gegen ihren Peiniger auszusagen. Nicht zuletzt dank der überwältigend vielen Aussagen der «Überlebenden» während des Prozesses, einer regelrechten #MeToo-Welle, kommt es zur harten Strafe. 538 Tage nach dem ersten Medienbericht im «Star» muss Nassar für immer hinter Gitter.

Beim zweiten Ziel aber waren selbst all die Aussagen und Indizien nicht erdrückend genug: Der Verband zeigt sich bis heute wenig kooperativ und mauert, wo er nur kann. Vereinzelt sind Personen bis heute im Amt, die für die Missbrauchskultur standen, und viele Mitwissende bleiben unbehelligt. Zum Beispiel das legendäre Trainer-Ehepaar Bela und Marta Karolyi, auf deren Trainingsranch im Nirgendwo von Texas sich jeweils die Nationalkader auf Grossanlässe vorbereiten. Ohne Handyempfang, abgeschottet von den Eltern – und medizinisch betreut von Nassar. Er konnte fast ungestört zugreifen.

Die Horror-Ranch wird geschlossen

USA Gymnastics beendet zwar rasch die Zusammenarbeit mit den Karolyis, die einst das rumänische Turnwunder Nadia Comaneci weltberühmt gemacht hatten. Doch fast gleichzeitig meldet der Verband Insolvenz an, um den Forderungen nach Entschädigung nicht nachkommen zu müssen. Auch das amerikanische Olympische Komitee, Usoc, kommt bislang ungeschoren davon. Eine Anfang 2020 in Aussicht gestellte einmalige Zahlung über 215 Millionen Dollar soll alle laufenden Verfahren stoppen und jegliche weiteren Ansprüche der Opfer ausschliessen.

Es erzürnt die Frauen aufs Neue. Denn sie fordern seit langem, dass gerade die Verbände endlich echte Verantwortung übernehmen und Massnahmen ergreifen, um künftige Fälle zu verhindern. Allen voran macht Simone Biles Druck, die Überturnerin, gerade ihr haben die Verantwortlichen bei USA Gymnastics und dem Usoc viele goldene Momente zu verdanken. Auch Biles hat diese dunkle Vergangenheit, auch sie wurde von Nassar missbraucht. «Ihr hattet nur einen Job», klagte sie während der WM im vergangenen Herbst in Stuttgart an die Adresse der Verbände, und ihr schossen Tränen in die Augen: «Uns vor ihm zu beschützen. Und ihr habt versagt.»

Simone Biles, Überturnerin und Superstar: Sie hält den Druck auf dem Landesverband USA Gymnastics aufrecht und will, dass auch das amerikanische Olympische Komitee seiner Verantwortung gerecht wird.
Simone Biles, Überturnerin und Superstar: Sie hält den Druck auf dem Landesverband USA Gymnastics aufrecht und will, dass auch das amerikanische Olympische Komitee seiner Verantwortung gerecht wird.
Foto: Vadim Ghirda (Keystone)