Zum Hauptinhalt springen

Überlebenscamps boomenSie rüsten sich für den Ernstfall

Seit Corona wollen Frauen und Männer vermehrt lernen, wie man auf sich allein gestellt in der freien Natur überlebt. Ein Survival-Tag im Wald.

Ein Tag im Survival-Camp: Abenteurer Gion Saluz vermittelt die Basisskills für das Überleben in der Wildnis.
Ein Tag im Survival-Camp: Abenteurer Gion Saluz vermittelt die Basisskills für das Überleben in der Wildnis.
Foto: Samuel Schalch

Der Mann hat einiges überlebt: Den Angriff einer Giftschlange in Thailand. Einen Machetenkampf im Dschungel von Mexiko, den Körper übersät mit Zeckenmilben auf der Flucht aus dem Dickicht, 900 juckende Stiche, «das Gift ist so beissend, man will bis auf die Knochen kratzen».

Auf seinen Abenteuerreisen in die entlegensten Ecken dieser Welt sei er in manch eine Notsituation geraten, sagt Gion Saluz, 41. Seit acht Jahren gibt er sein Wissen als Überlebenstrainer weiter. Noch nie war das Interesse an seinen Survival-Kursen so gross wie heute. Offenbar haben Menschen in Krisenzeiten egal welcher Art das Bedürfnis, auch für den schlimmsten Fall gewappnet zu sein.

Die Corona-Krise scheint den mit der Klimakrise eingesetzten Trend der «Rückkehr zur Natur» noch verstärkt zu haben. Die Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass nichts selbstverständlich ist. Der Wunsch nach Unabhängigkeit, nach Selbstversorgung ist grösser denn je: Man zieht Tomaten auf dem Balkon, legt einen Kräutergarten an. Vor allem aber, so der Survival-Trainer, hat man während der Corona-Monate viel Zeit in der Natur verbracht und will nun mehr über die Pflanzenwelt erfahren.

Der Frau ist überlebensfähiger als der Mann, von Natur aus zäh

20 Leute haben sich für den Überlebenstag angemeldet, ein wilder Mix: ein paar Adventure-Typen, Messer am Gürtel, dunkle Sonnenbrillen, sieben Freunde auf Junggesellenabschied, eine Kinderbetreuerin aus Schwyz, zwei Paare, eines kommt im silbernen Porsche angebraust. Männer seien meist in der Überzahl, so Gion, «aber die Frauen holen auf». Die Frau, so die Erfahrung des Profi-Abenteurers, sei überlebensfähiger als der Mann, härter im Nehmen, von Natur aus zäh. Beispiel Geburt: «Der Mann würde diese Schmerzen wohl kaum aushalten.»

Treffpunkt ist ein Parkplatz nahe der Forch, am Stadtrand von Zürich nach einem 20-minütigen Marsch erreichen wir Camp 1, eines von drei Camps in der Wildnis des Zürcher Oberlandes. Ein heisser Tag wurde angekündigt, schon morgens um zehn tropft der Schweiss. Gion führt die Gruppe in den kühlen Wald, ruft: «Wir sind Waldmenschen.» Der Wald sei in Notsituationen immer zu empfehlen.

Livia will mehr über essbare Pflanzen wissen, ihr Partner Matthias möchte erfahren, wie man sich ohne Strom verhalten müsste.
Livia will mehr über essbare Pflanzen wissen, ihr Partner Matthias möchte erfahren, wie man sich ohne Strom verhalten müsste.
Foto: Samuel Schalch

150 Franken kostet der Survival-Tag, selbstverständlich findet er bei jedem Wetter statt, Überleben sei schliesslich kein Schönwetter-Thema, sagt Gion. Im Gegenteil: Das Wetter berge in der Schweiz die grössten Gefahren. Gerade in den Bergen, die Temperaturen sinken rasch, die Sicht wird schlecht. Da verwechsle man den Wanderweg schnell einmal mit dem Wildpfad. Jede Frau, jeder Mann in der Runde verbringt die Freizeit am liebsten in der Natur.

Nathalie und Damian, Hausfrau und Treuhänder von Beruf, bezeichnen sich als «Outdoormenschen», zusammen mit den Kindern wandern und campieren sie. Und sie schauen mit Vorliebe Survival-Shows am TV. Nathalie sagt, der «Heilfaktor der Pflanzen» interessiere sie besonders. Sozialarbeiterin Livia möchte mehr über essbare Pflanzen wissen, mit dem Ziel, ihren Partner Matthias, Softwareentwickler und Porschefahrer, zu verwöhnen. Er möchte erfahren, wie man sich ohne Strom verhalten müsste, «ich wäre völlig ratlos». Ungemütliche, gefährliche Situationen kenne er bislang nur vom Hochseesegeln.

Adventure-Typ Martin bringt Erfahrung aus Cevi und Militär mit. Seine Freizeit verbringt er am liebsten fern der Zivilisation.
Adventure-Typ Martin bringt Erfahrung aus Cevi und Militär mit. Seine Freizeit verbringt er am liebsten fern der Zivilisation.
Foto: Samuel Schalch
Immer auf den Notfall vorbereitet: Ohne die Bauchtasche geht Martin nicht aus dem Haus.
Immer auf den Notfall vorbereitet: Ohne die Bauchtasche geht Martin nicht aus dem Haus.
Foto: Samuel Schalch

Als Erstes lernen wir, Prioritäten zu setzen. Generell gilt: «Schutz vor Wetter» kommt vor «Wasser» und «Nahrung». Wir müssen Notunterkünfte bauen, zwei Shelter, in zwei Gruppen. Und dabei sollen wir nicht wie wild durch den Wald rennen, warnt der Survival-Coach, sondern möglichst wenig Energie einbüssen, denn «Survival heisst Kraft sparen». Der V-förmige Unterschlupf aus Ästen und einer einen halben Meter dicken Laubschicht soll einen Dauerregen von 16 Stunden aushalten.

Alle sammeln fleissig Holz, durchkämmen den Boden nach Laub, schwitzen im kühlen Wald, niemand, der sich vor der Arbeit drückt. «Ihr müsst kreativ sein», spornt Gion an, Rinde oder Moos, alles sei geeignet. Thomas, der Bräutigam in spe, und seine Kumpels arbeiten Hand in Hand, «super, wie wir als Team funktionieren».

Adventure-Typ Martin, Monteur von Beruf, findet es cool, mit «Gleichgesinnten» eine Hütte zu bauen er bringe Erfahrung aus Cevi und Militär mit. Martin ist oft im Wald, bei Wind und Regen, fern der Zivilisation, nur er und sein Appenzeller Hund. Um den Bauch hat er sich eine prall gefüllte Tasche geschnallt, was ist da drin? Er zählt auf: Nastücher, Pflaster in allen Grössen, Medikamente gegen Kopfweh und Durchfall, Allergietabletten, eine Notdecke, die winzig klein gefaltet werden kann, Sackmesser, Traubenzucker, Kugelschreiber, ein Göffel (Gabel/Löffel kombiniert) und «der obligate Meter Schnur». Sowie ein Schnaps fürs Gemüt. Diese Bauchtasche trage er immer, bei der Arbeit und privat.

Nach zwei Stunden stehen die Notunterkünfte – 16 Stunden Dauerregen können sie aushalten.
Nach zwei Stunden stehen die Notunterkünfte – 16 Stunden Dauerregen können sie aushalten.
Foto: Samuel Schalch

Zwei Stunden sind um, die zwei Notunterkünfte stehen. Jetzt habe er aber Hunger, sagt Martin. Proviant müsse man nicht mitnehmen, für Survivalnahrung sei gesorgt, stand in der Ausschreibung. «Nein, Würmer essen müsst ihr nicht», sagt Gion auf Nachfrage. Würmer bringen sowieso nichts, «sie bestehen aus 80 Prozent Erde, wenn sie etwas bringen, dann Krankheiten.»

Wir sitzen auf dem Waldboden um eine Feuerstelle, «Achtung Zecken!», warnt Gion. Ein Säcklein mit toten Zecken macht die Runde, winzig klein, aber böse. Man solle sie so rasch wie möglich entfernen und verbrennen, «sonst greifen sie wieder an». Plötzlich juckts am ganzen Körper.

Das Thema «Energiezuführung» interessiert am meisten. Fischen und Jagen fällt weg weil uns das Wissen und vor allem die Ausrüstung dazu fehlen. Gion hält ein Bild nach dem anderen hoch: Schnecke, Kröte, Maus, Wurm, Käfer, Schlange und so weiter. Fragt: Essen oder nicht? Bitte nicht, denken wohl nicht nur die Frauen.

Essen oder nicht? Das «Mädli» ist ein «reines Proteinzäpfli», aber zu klein, um davon satt zu werden.
Essen oder nicht? Das «Mädli» ist ein «reines Proteinzäpfli», aber zu klein, um davon satt zu werden.
Foto: Samuel Schalch

Wir lernen: Die Schnecke und der Krebs sind eine gute Nahrungsquelle. Das «Mädli» ist zwar ein «reines Proteinzäpfli», aber zu klein, um davon satt zu werden. Auch Ameisen wären fein, aber wie bringt man sie aufs Feuer? Wenn Vogel, dann eher einen Wasservogel. Gion erklärt ausführlich, wie man einen Schwan einfängt und erlegt. «Sollen wir das in Luzern mal üben?», witzelt einer aus der Junggesellengruppe. «Auf keinen Fall», erwidert der Trainer, «Wasservögel zu töten ist, ausser in einer Notsituation, verboten.»

Ganz wichtig: Tierische Notnahrung muss immer erhitzt werden! Nicht wie in den Survival-Shows, wo die Protagonisten alles, was kreucht und fleucht, roh hinunterwürgen fatal und wegen der Salmonellen, Viren oder Bakterien grobfahrlässig, sei das. Der Schweizer Abenteurer setzt ohnehin auf vegetarische Überlebenskost. Los gehts auf den «Walkabout», den Spaziergang durch die Natur. Das Ziel: Pflanzen für die Suppe sammeln.

«Girsch, geil!»: Girsch gilt als Unkraut, schmeckt aber ein bisschen wie Spinat.
«Girsch, geil!»: Girsch gilt als Unkraut, schmeckt aber ein bisschen wie Spinat.
Foto: Samuel Schalch

«Hey», ruft Gion nach wenigen Metern, «hey, da steht ja ganz viel Essen rum.» Für uns ists einfach grün. Er bückt sich, «Girsch, geil!» Girsch in rauen Mengen, es gelte als Unkraut, sei aber sehr schmackhaft. Wir stehen in der Wiese und kauen, tatsächlich, ein bisschen wie Spinat. Gleich daneben: «Vogelmire, ein geniales Pflänzchen!» Es schmeckt leicht säuerlich. «Und hier, Huflattich! Das Toilettenpapier der Natur», die Blätter sind gross und fest. Es folgt die Distel, die Flugsamen seien bestes Zundermittel. Und ideal, um Kleider damit auszustopfen. Denn: «In Notsituationen ist es meistens kalt.»

Tipp gegen Hunger: Nicht übers Essen reden

Über 1500 essbare Wildpflanzen existieren in Europa, erklärt Gion, er selbst könne etwa 100 identifizieren. Pflanzenkunde sei reine Fleissarbeit. Aber es lohnt sich, den Unterschied zwischen Tollkirschen und Brombeeren, die nebeneinander am Wegesrand locken, zu kennen: Fünf bis zehn dieser weichen, süssen Kirschen können einen Erwachsenen töten, bei Kindern reichen zwei. Generell gilt: Im Zweifelsfall Finger weg, «sonst gibts Bauchweh».

Bärlauch im Frühling, Beeren im Sommer, Nüsse im Herbst. Pilze jedoch seien keine geeignete Notnahrung, sie hätten kaum Nährwert, vor allem aber verbrauchten sie viel Energie bei der Verdauung. «Jackpot!», ruft Gion, er greift in die Brennnesseln, deren ölhaltige Samen besonders sättigend seien, «pure, gesunde Energie!» Wir sind mit Eifer dabei, denn sobald das Grünzeugs beisammen ist, gibts die versprochene Suppe. Der Magen knurrt. Der eine oder andere fingert in seinem Bauchtäschchen, schoppt sich verstohlen etwas in den Mund. Gions Tipp gegen den Hunger: «Nicht übers Essen reden.»

Beim Brombeerenpflücken sind alle besonders eifrig dabei.
Beim Brombeerenpflücken sind alle besonders eifrig dabei.
Foto: Samuel Schalch

Schlimmer als Hunger sei ohnehin der Durst. Etwa drei Wochen überlebt der Mensch ohne Nahrung, drei Tage nur ohne Flüssigkeit. Gion führt uns zu einem nahen Weiher. Selbst in der Schweiz seien die wenigsten Gewässer trinkbar, erklärt er uns. Einzig Regen oder Schnee müsse nicht aufbereitet werden. Und Tau, den man auf der Wiese mit einem T-Shirt auffängt und auswringt.

So, das Wasser hätten wir. Jetzt noch das Feuer. Feuer ist überlebenswichtig. Und deshalb gehöre das Feuerzeug, neben Messer und Taschenlampe, stets in den Rucksack. Die eine oder der andere ist etwas enttäuscht, Feuer machen ohne Hilfsmittel, das hätte man gern gelernt. Wieder strömen wir aus, sammeln feine Ästchen, abgestorbene Zweige, Birkenrinde. Zehn Minuten wird das Wasser abgekocht, endlich kommen Vogelmire, Wiesen-Labkraut, Brennnesseln und Girsch in den Topf.

Survival-Coach Gion Saluz greift in die Brennnesseln: «Pure, gesunde Energie».
Survival-Coach Gion Saluz greift in die Brennnesseln: «Pure, gesunde Energie».
Foto: Samuel Schalch

16 Uhr, Hunger! Inzwischen würden wohl einige auch eine Schnecke verschlingen. Wir wüssten ja gar nicht, was Hunger ist, sagt Gion: Drei Tage ohne Nahrung, keine Ahnung, wann es wieder etwas zu essen gibt, «das ist Hunger». Die Adventure-Typen haben sich inzwischen einen Löffel geschnitzt, die meisten aber schlürfen die Suppe aus dem Becher. Sie schmeckt überraschend gut und würzig auch ohne Salz.

Wie man auch ohne Feuerzeug Flammen entfacht, oder wie man aus einem Schneckenhaus eine Notkerze bastelt, das zeigt Gion Saluz in den mehrtägigen Survival-Camps. Wir haben schon einiges gelernt an diesem Tag in der «Wildnisschule». Wie wir uns in einem Ernstfall schlagen würden, wissen wir nicht. Aber sicher werden wir in Zukunft weniger acht- und ratlos im Wald stehen.