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Argentinisches Märchen Sie schreibt aus dem Nichts Tennisgeschichte

Nadia Podoroska kämpft heute in Paris als erste Qualifikantin seit 21 Jahren um einen Platz in einem Grand-Slam-Final. Selbst in Argentinien herrscht Verblüffung.

An Grand-Slam-Turnieren zuvor noch sieglos, jetzt  im French-Open-Halbfinal: Podoroska hat als Qualifikantin in Roland Garros schon acht Partien gewonnen.
An Grand-Slam-Turnieren zuvor noch sieglos, jetzt im French-Open-Halbfinal: Podoroska hat als Qualifikantin in Roland Garros schon acht Partien gewonnen.
Foto: Ian Langsdon (Keystone)

Tatsächlich: Nadia Podoroska kommt aus Argentinien. In ihrem kargen Profil der WTA-Tour steht zwar, sie habe ukrainische Wurzeln, doch in Paris relativierte sie dies: «Das waren meine Gross-Grosseltern. Meine Eltern sind Argentinier. Ich bin eine hundertprozentige Argentinierin. Ich spreche auch kein Wort Russisch.»

Podoroska? Dass die 23-Jährige aus Rosario heute in Roland Garros (15 Uhr) gegen die vier Jahre jüngere und ebenfalls ungesetzte Polin Iga Swiatek um einen Platz im Endspiel kämpft, ist eine der grössten Überraschungen der jüngeren Tennisgeschichte. Es kommt auch in ihrem Heimatland wie aus heiterem Himmel. Gabriela Sabatini, die letzte Grand-Slam-Siegerin und vor Podoroska letzte -Halbfinalistin aus dem südamerikanischen Land, war verblüfft und twitterte überschwänglich: «Siiiiiiii...»

Argentinische Erfolgsmeldungen gab es an diesem French Open einige, obwohl der frühere US-Open-Sieger Juan Martin Del Potro noch immer rekonvaleszent ist. So eliminierte Diego Schwartzman unter anderen Dominic Thiem und fordert am Freitag im Halbfinal Rafael Nadal. Mit Podoroska allerdings hatte gar niemand gerechnet. So stehen erstmals seit 16 Jahren im Frauen- wie im Männerturnier Argentinier im Halbfinal. Damals hiessen sie Paola Suarez sowie Gaston Gaudio, Guillermo Coria und David Nalbandian. Eine Paris-Finalistin stellte das Land noch nie.

Als Qualifikantin musste die 14-fache Siegerin von ITF-Turnieren acht Gegnerinnen schlagen, um in die Halbfinals vorzustossen. Sie tat dies mit einer Leichtigkeit, die verblüfft. Obwohl sie nie zuvor eine Grand-Slam-Partie gewonnen hatte, besiegte sie in ihrem ersten Viertelfinal mit Jelina Switolina auch die stärkste im Turnier verbliebene Spielerin, und das locker mit 6:2, 6:4.

«Ich fühle mich absolut frisch, verspüre auch keinerlei Schmerzen», sagte sie. «Und vor Roland Garros habe ich auch ein Turnier gewonnen und fünf Partien hintereinander bestritten.» Das war in Saint-Malo und brachte sie richtig in Stimmung für ihr erstes French Open.

Von Rang 131 in die Top 50

Wie wertvoll ihr Resultat ist, zeigt ein Blick in die Tennis-Historie. Podoroska ist in der Profiära erst die dritte Qualifikantin, die einen Grand-Slam-Halbfinal erreicht hat, nach Alexandra Stevenson 1999 in Wimbledon und Christine Dorey 1978 am Australian Open. Damit hat sie ihr bisheriges Karrierepreisgeld (301’547 Dollar) bereits mehr als verdoppelt – sie hat unter dem Eiffelturm schon über 500’000 Euro eingespielt – und ihre Weltranglistenposition hochkatapultiert. Momentan die Nummer 131, wird sie nach Roland Garros in den Top 50 auftauchen.

Ihr märchenhaftes Erstarken führt sie darauf zurück, dass sie in der Corona-Pause während dreier Monate mit ihren Coaches Juan Pablo Guzman und Emiliano Redondi hart trainiert habe. «Ich arbeitete an allen Schlägen: Vorhand, Rückhand, Aufschlag. Aber was ich am meisten verbessert habe, war das Mentale.»

Emotionen à discrétion: Nadia Podoroska feiert ihren Sieg im Viertelfinal gegen Switolina.
Emotionen à discrétion: Nadia Podoroska feiert ihren Sieg im Viertelfinal gegen Switolina.
Foto: Ian Langsdon (Keystone)

Was ihr auch hilft, ist die Tatsache, dass das French Open von nur 1000 Zuschauern täglich besucht werden darf, die Tribünen meistens fast leer sind. «Ich habe leider so viele Partien unter solchen Bedingungen gespielt, dass es für mich normal ist», gibt sie zu. «Aber ich versuche, gar nicht zu viel über alles nachzudenken.»

Dieses Rezept funktionierte schon früher, als sie plötzlich beschloss, Tennis zu spielen. «Ich war fünf, als ich damit begann. Und zwar, weil ich es wollte. Niemand in meiner Familie spielte früher Tennis. Aber in Argentinien ist der Sport populär. Ich begann, weil ich meiner Mutter sagte, ich wolle Tennis spielen.»

So einfach ist das. Wer weiss, was er will, kann weit kommen.