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Die Wirtschaftsmacht der FrauenSie verbindet Ökonomie mit Feminismus

Das neue Buch der emeritierten Oxford-Professorin Linda Scott heisst «Das weibliche Kapital». Es provoziert.

Sie macht auch Feldforschung bei Lippenstiftverkäuferinnen in Afrika: Ökonomin Linda Scott.
Sie macht auch Feldforschung bei Lippenstiftverkäuferinnen in Afrika: Ökonomin Linda Scott.
Foto: Rick Bern

Die Ökonomie ist weltweit das am stärksten von Männern beherrschte Fach an den Universitätennoch mehr als Natur- oder Ingenieurwissenschaften. Es gibt jedoch Ökonominnen, die das aufwiegen. Linda Scott ist eine von ihnen: Die inzwischen emeritierte Oxford-Professorin hat den Begriff XX-Ökonomie eingeführt. Es gibt kaum Forscherinnen und Forscher, die die spezielle Art der weiblichen Wirtschaftskraft wie auch ihre Benachteiligung weltweit so eingehend und mit so viel überraschenden Studien analysiert haben.

Das «XX» steht für die weibliche DNA, für Frauen sowie die noch unentdeckte Grösse des weiblichen Wirtschaftskapitals. Frauen stellen nicht nur die Hälfte der Menschheit, sie seien auch für die Hälfte des Weltbruttoinlandproduktes und der Nahrungsmittelversorgung verantwortlich. Aber sie werden nicht nur von der Wirtschaftswissenschaft, sondern oft auch von der Wirtschaft ausgeschlossen.

Scott macht klar, wie stark die Benachteiligung im Besitz festgeschrieben ist. Frauen sind an den Gütern, die ihrer Familie gehören, nicht gleichberechtigt beteiligt. Weltweit liegt der Anteil der Frauen am Grundbesitz bei unter 20 Prozent, schreibt Scott in ihrem neu erschienenen Buch «Das weibliche Kapital». Weil Frauen fast nie Land besitzen durften, Grundbesitz aber über lange Zeit die grösste Wohlstandsquelle war, verfügen sie heute weltweit über wesentlich weniger Kapital als Männer.

Die Amerikanerin ist eine umtriebige Frau, die als Professorin die Weltbank, die UNO und auch Konzerne immer wieder beraten hat. Auf offene Ohren stösst sie dabei nicht unbedingt: Sie berichtet von einem Treffen mit internationalen Ökonomen, bei dem sie in einem Luxusrestaurant erklären wollte, warum es notwendig sei, dass auf den G-20-Gipfeln über den Zugang von Frauen zur Wirtschaft geredet werden müsse. «Die haben Wichtigeres zu besprechen», war die Antwort der männlichen Kollegen.

«Frauen haben es in der Hand, die westlichen Volkswirtschaften aus der Balance zu bringen.»

Linda Scott

Gehört wird Scott dennoch: Sie ist derzeit in Grossbritannien und den USA eine gefragte Interviewpartnerin, bis zum Sommer wird ihr Buch in 39 Ländern erscheinen. Ihre Spezialität ist, dass sie von Bangladesh bis zu den USA die weltweite Grundstruktur der Benachteiligung herauskristallisiert. Als Feldforscherin war sie in Dutzenden Staaten unterwegs und hat mit Witwen gesprochen, die nach dem Tod ihrer Männer mittellos geworden waren. Oder mit Mädchen, die keine Binden haben und die Schule mit dem Beginn der Menstruation abbrechen. Es ist Scott zu verdanken, dass es in armen Staaten inzwischen UNO-Programme gibt, die dank kostenloser Verteilung von Hygieneartikeln die Ausbildung von Frauen ermöglichen.

Oft sind es überraschende Details, die zur Emanzipation von Frauen führen. Scott hat etwa in Südafrika Avon-Beraterinnen begleitet, die Cremes und Lippenstifte in kleinen Grössen in Slums verkaufen. Männliche Ökonomen kamen vor ihr nicht auf die Idee, auf diese Weise die Wirkung von alternativen, kapitallosen Vertriebsstrukturen zu analysieren.

Aus ihrem Alter macht die Professorin Scott ein Geheimnis. Sie dürfte gegen 70 gehen und hat jetzt unter dem Namen Double X Economy ein eigenes Beratungsunternehmen gegründet. Ihr Anliegen ist nicht allein die Analyse, sondern die Veränderung: Frauen sollen in der Wirtschaft gleichermassen berücksichtigt werden. Um das zu erreichen, kann sich Scott auch einen Kaufstreik der Frauen vorstellen. In Westeuropa und Nordamerika entscheiden Frauen über 75 Prozent der Konsumausgaben, das entspricht einem dreimal so grossen Markt wie China. Wenn nicht Pandemiekrise ist, dann könnten Frauen so die westlichen Volkswirtschaften aus der Balance bringen.

20 Kommentare
    E. Biedert

    In der Schweiz ist der Anteil der Frauen, die Wirtschaft studieren heute leicht höher, als derjenige der Männer.

    Von diesem Kuchen sind 92% Männer, die aus dem gelehrten etwas machen, und eine Firma gründen.