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Zum Tod von Nora IlliSie war die bekannteste Niqab-Trägerin der Schweiz

Nora Illi, eine Galionsfigur des Islamischen Zentralrats, ist kurz vor ihrem 36. Geburtstag ihrer langjährigen Krebskrankheit erlegen.

MeinungKurt Pelda
Die Polizei ermahnt Nora Illi in Locarno, ihr Gesicht nicht zu verhüllen (2016).
Die Polizei ermahnt Nora Illi in Locarno, ihr Gesicht nicht zu verhüllen (2016).
Pablo Gianinazzi (Keystone/Ti-Press)

Die «Frauenbeauftragte» des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) ist kurz vor ihrem 36. Geburtstag an Krebs gestorben. Die in Uster aufgewachsene Nora Illi half 2009 nach der Abstimmung über das Minarettverbot mit, den IZRS zu gründen. Sie war ursprünglich mit Qaasim Illi, dem Mediensprecher des salafistischen Zentralorgans verheiratet, und hinterlässt sechs Kinder. Die Ehe wurde jedoch schon vor längerem geschieden, wie Qaasim Illi anlässlich seines ersten Prozesses vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona 2018 sagte.

Die gelernte Polygrafin wurde zur bekanntesten Niqab-Trägerin der Schweiz. Sie trat 2003 zum Islam über. Später schrieb sie darüber auf Facebook: «Ich wollte alles ganz korrekt machen und hatte sogar Angst, das Glaubensbekenntnis zu sprechen, weil ich das Gebet noch nicht ganz konnte.»

Kontakt mit späterer Jihadistin

Nora Illi liebte die Provokation, sie trat voll verschleiert in Talkshows auf und liess sich im Tessin und in Wien wegen ihres Niqabs auf Auseinandersetzungen mit der Polizei ein. Dass sie den Gesichtsschleier freiwillig und stolz trug, war kein Geheimnis. Sie tat es einzig, um Allah zu gefallen, wie sie selbst sagte. Ansonsten war ihr Weltbild eher simpel. So schrieb sie auf Facebook: «Meinen Körper trage ich nicht zur Schau für deine Triebhaftigkeit (…). Mein Geist ist frei von Vorurteilen.»

2013, als Illi längst von ihrem Brustkrebs wusste, sass der Bieler Terrorist Majd N. in Kenia im Gefängnis und suchte Hilfe. Damals schrieb Illi der Mutter des Bielers, dass eine Rückkehr in die Schweiz wohl schwierig werde. Sie könne ihm aber helfen, in Ägypten unterzukommen, so Gott wolle. Majd N. landete in der Folge in Syrien, wo er zuerst bei al-Qaida und später beim Islamischen Staat (IS) mitmachte und unter nicht ganz geklärten Umständen exekutiert wurde.

Nora Illi, Leiterin des Frauenverbandes des Islamischen Zentralrates der Schweiz (IZRS), an einem Anlasses gegen das Verbot des islamischen Gesichtsschleiers in Lugano. (18. September 2013)
Nora Illi, Leiterin des Frauenverbandes des Islamischen Zentralrates der Schweiz (IZRS), an einem Anlasses gegen das Verbot des islamischen Gesichtsschleiers in Lugano. (18. September 2013)
Keystone/Karl Mathis

Bis zum Sturz des demokratischen gewählten Muslimbruders Mohammed Mursi im Sommer 2013 reiste Illi häufig nach Ägypten, zeitweise lebte sie sogar in Kairo. Nach dem Militärputsch gegen Mursi wurde es für die Schweizer Salafistin aber eng am Nil. Daraufhin verlagerte sie ihre Tätigkeit wieder in die Schweiz.

Selbst innerhalb des salafistischen Zentralrats war sie aber eine der ganz wenigen Frauen, die einen Gesichtsschleier trug. Auf einem Foto, das während eines Protests gegen das Tessiner Niqab-Verbot aufgenommen wurde, ist Illi mit der Bielerin Marianne R. zu sehen, auch mit Gesichtsschleier. Elf Monate später schloss sich Marianne R. dem IS an, zusammen mit einer zweiten Bielerin, die ebenfalls mit dem IZRS verbandelt war.

Verlust einer Galionsfigur

Die Religion spielte für Nora Illi offenbar schon lange vor ihrer Konversion eine Rolle. Im Alter von sieben Jahren wollte sie sich katholisch taufen lassen. Später war sie in der Punkszene aktiv und engagierte sich für die Sache der Palästinenser. Bei einer solchen Solidaritätsaktion lernte sie Qaasim Illi kennen, der damals noch Patric hiess. Dieser stand zu diesem Zeitpunkt noch offen zu seinem Antisemitismus und wurde deswegen auch verurteilt.

Wohl durch diese Erfahrung klüger geworden, verhielt sich das Paar von nun an vorsichtiger. Doch nun sind Qaasim Illi und IZRS-Präsident Nicolas Blancho erneut wegen Terrorpropaganda vor dem Bundesstrafgericht angeklagt. Der dadurch ohnehin schon angeschlagene Islamrat verliert mit seiner prominenten Frauenbeauftragten eine wichtige Galionsfigur.