Sie wollte doch nur putzen

Krimi der Woche: Der Thriller «Die Putzhilfe» von Regina Nössler ist ein Meisterwerk – nüchtern, unheimlich. Die Autorin zählt zu den Besten ihres Genres.

Sie erzählt ohne künstliche Aufregung und gerade deshalb brillant: Regina Nössler. Foto: Konkursbuch-Verlag

Sie erzählt ohne künstliche Aufregung und gerade deshalb brillant: Regina Nössler. Foto: Konkursbuch-Verlag

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Der erste Satz
Als sie losging, unbeholfen wegen des Gepäcks und der schmerzenden Hüfte, setzte der Regen ein.

Das Buch
An einem nasskalten Novemberabend lässt Franziska Oswald ihr bisheriges Leben hinter sich. Die promovierte Soziologin mit einem Job im Mittelbau an der nahen Universität verlässt das Einfamilienhaus in einem westfälischen Nest, das sie mit ihrem Partner Johannes bewohnt, mit wenigen Gepäckstücken zu Fuss. Ihr Auto hat sie zuvor auf einem entfernten Parkplatz abgestellt, wo es nicht gleich auffallen sollte. Sie nimmt den Bus, danach einen Zug nach Berlin. Dort verkriecht sie sich unter falschem Namen in einer heruntergekommenen Wohnung im Bezirk Neukölln. Schon bald verdient sie etwas Geld als Putzhilfe bei einer Frau, die sie bei einem Museumsbesuch zufällig kennen gelernt hat.

So beginnt der Psychothriller «Die Putzhilfe» von Regina Nössler. Es ist schon das 16. Buch der deutschen Autorin und ihr sechster Thriller, aber der erste Titel von ihr, den ich gelesen habe. Und das ist eine Entdeckung! Denn Nössler hat einen ganz anderen Erzählstil, als er sonst in diesem Genre gängig ist. Wo andere mit haarsträubenden Konstruktionen und schnell durchschaubaren und deshalb langweilig werdenden Spannungseffekten arbeiten, erzählt sie fast nüchtern, sachlich und ohne künstliche Aufregung. Dennoch, oder gerade deswegen, zieht einen «Die Putzfrau» schnell in ihren Bann.

Wovor flieht Franziska? Ist mit ihrem Partner etwas Schwerwiegendes vorgefallen? 

Das beklemmende Gefühl, das einen schon auf den ersten Seiten beschleicht, kommt nicht davon, was effektiv geschieht, sondern von dem, was nicht gesagt oder nur beiläufig angetönt wird. Was ist geschehen? Wovor flieht Franziska? Ist mit ihrem Partner etwas Schwerwiegendes vorgefallen? Jedenfalls stellt sie sich vor, dass er eines Tages «vor der Tür ihrer armseligen Behausung stand und mit milder und zugleich bedrohlicher Stimme sagte: Was machst du denn für Sachen, Liebste? Ich weiss doch, was gut für dich ist».

Doch inzwischen putzt Franziska bei Frau Mangold. Die, so zeigt sich immer mehr, verbirgt hinter ihrer penetranten Freundlichkeit offenbar auch ein düsteres Geheimnis. Und Franziska freundet sich mit einer etwas verwahrlost scheinenden Jugendlichen an, von der sie zuvor gestalkt und brutal angegriffen worden ist.

«Die Putzhilfe» ist keiner jener Krimis, in denen ein Verbrechen begangen wird, das dann aufgeklärt wird, womit die Welt wieder in Ordnung ist. Die Dynamik kommt aus den Beziehungen zwischen den drei Frauen. Und das Unheil lauert auf jeder Seite, was den Roman vom Anfang bis zum Ende immer spannend und irgendwie bedrohlich hält. Das ist ganz grosse Erzählkunst, wie man ihr – zumal im deutschen Sprachraum – leider nicht oft begegnet.

Die Wertung

Die Autorin
Regina Nössler, geboren 1964 in Altenhundem im Sauerland, ist in Herten im Ruhrgebiet aufgewachsen. Sie studierte an der Ruhr-Universität Bochum Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften mit dem Abschluss Magister. Ihren ersten Roman, «Strafe muss sein», veröffentlichte sie 1994. Seit 2010 schreibt sie Kriminalromane, darunter «Wanderurlaub» (2013), «Endlich daheim» (2015) und «Schleierwolken» (2017). Ihr aktueller Thriller «Die Putzhilfe» ist bereits ihre 16. Buchveröffentlichung. Seit 1995 lebt sie in Berlin, wo sie seit 2002 als freie Autorin und Lektorin tätig ist.


Regina Nössler: «Die Putzhilfe». Konkursbuch-Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2019, 402 S., ca. 19 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 21.11.2019, 06:37 Uhr

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