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Kältewelle in TexasSind vereiste Windräder schuld am tagelangen Stromausfall?

Im Energiestaat Texas sind Millionen Menschen ohne Strom und Wasser. Konservative Politiker haben dafür eine einfache Erklärung.

Dinner bei Kerzenlicht, unfreiwillig: In Texas müssen Millionen Menschen bei arktischen Temperaturen ohne Strom ausharren.
Dinner bei Kerzenlicht, unfreiwillig: In Texas müssen Millionen Menschen bei arktischen Temperaturen ohne Strom ausharren.
Foto: Ricardo B. Brazziell (AP)

Wer kann, flüchtet in ein Hotel, das einen eigenen Generator hat, oder schläft im Auto, bei laufendem Motor. Andere behelfen sich in ihrer Verzweiflung damit, dass sie ihre Gasöfen bei offener Türe brennen lassen, oder sie zünden in ihrer Wohnung ein Feuer an. «Ich weiss, was eine Kohlenmonoxid-Vergiftung ist», sagte eine Mutter aus der Stadt Austin dem «Wall Street Journal», «aber was soll ich denn sonst tun? Ich habe ein Baby zu Hause.»

Ein für diese Gegend extremer Wintereinbruch hat Anfang Woche Schnee, Eis und Temperaturen von bis zu minus 18 Grad nach Texas gebracht – und den zweitgrössten Bundesstaat der USA in eine Krise gestürzt. Mehr als zwei Millionen Menschen waren am Donnerstagmorgen immer noch ganz ohne Strom, nachdem das Stromnetz vielerorts schon vor Tagen zusammengebrochen war. Anderenorts mussten die Netzbetreiber rollende Stromausfälle veranlassen, um einen Totalkollaps zu verhindern.

Schon mehr als 21 Tote

Besonders im Süden von Texas kam es auch zu Problemen mit der Wasserversorgung. In der Metropole Houston hatten viele Einwohner gar kein fliessendes Wasser mehr. Mindestens 21 Menschen sind infolge des Wintereinbruchs gestorben.

Das Desaster rührt an das Selbstverständnis des Energiestaats Texas, des grössten Öl- und Gasproduzenten der USA – und es hat einen Streit über die Ursachen ausgelöst. Der republikanische Gouverneur Greg Abbott äusserte sich erstmals am Dienstag bei einem lokalen TV-Sender zu der Krise. Dort sagte er, dass alle Formen der Energieproduktion von der Kälte betroffen seien – Gas, Kohle, Atomkraft, Wind und Solarenergie. Und er nannte explizit das Gas, das in den Pipelines gefroren sei.

Nur wenige Stunden später klang Abbott allerdings ganz anders. Bei einem Auftritt beim rechten Sender Fox News legte sich der Gouverneur auf eine einzige Problemursache fest: Es seien die erneuerbaren Energien, die versagt hätten. «Das beweist, dass fossile Brennstoffe nötig sind, damit wir unsere Häuser im Winter heizen und im Sommer kühlen können.» Und es beweise auch, dass der von den Demokraten geforderte Green New Deal, der einen Ausbau der erneuerbaren Energien vorsieht, «ein tödlicher Deal» sei – ganz so, als regierten in Texas nicht seit Jahrzehnten die Republikaner.

Andere konservative Politiker und Kommentatoren geben die Schuld direkt den Windrädern, die mancherorts eingefroren waren. «Diese hässlichen Windräder sind der Hauptgrund, warum wir Blackouts haben», sagte der Landwirtschaftsminister von Texas, Sid Miller.

Die Kälte liess Wasserleitungen platzen – und führte dazu, dass auch Gas-Pipelines einfroren.
Die Kälte liess Wasserleitungen platzen – und führte dazu, dass auch Gas-Pipelines einfroren.
Foto: AP

Für diese Darstellung gab es seither viel Kritik. Nach Angaben des Netzbetreibers Electric Reliability Council of Texas (Ercot) macht die Windkraft im Winter nur 7 Prozent der Stromkapazität des Bundesstaates aus. 80 Prozent stammen dagegen aus Gas-, Kohle- und Atomkraftwerken. Auf diese Energieträger entfielen laut Ercot fast zwei Drittel der Ausfälle, weil auch diese von der arktischen Kälte direkt betroffen sind: Pipelines, Pumpen und Bohrtürme sind eingefroren, ein Atomkraftwerk musste den Betrieb kältebedingt herunterfahren.

Zu der eingebrochenen Produktion kam eine massiv gestiegene Nachfrage nach Strom. Millionen von Texanern schlossen in ihren oft schlecht isolierten Häusern elektrische Heizungen an, was zur Überlastung des Stromnetzes beitrug.

Fehlende Investitionen ins Netz

Viele Experten sehen die Ursache für die Krise nicht bei einzelnen Energieträgern, sondern bei den fehlenden Investitionen in das texanische Stromnetz. Dieses ist nicht an die Verbindungsnetze der anderen Bundesstaaten östlich und westlich der Rocky Mountains angeschlossen. Texas wollte so eine Regulierung durch die Bundesregierung vermeiden. Dafür kann der Bundesstaat im Notfall aber auch keinen Strom der Nachbarn anzapfen.

Bereits 2011 legte ein Wintereinbruch Teile des texanischen Stromnetzes lahm. Experten der Bundesregierung empfahlen dem Gliedstaat anschliessend, seine Produktionsanlagen winterfest zu machen: Pipelines sollten beheizt, zusätzliche Energiespeicher gebaut werden. Umgesetzt wurden diese Empfehlungen allerdings nicht.

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75 Kommentare
    Jan Dubach

    In Texas gibt es höchstselten Minus-Temperaturen. Das letzte Mal vor 36 Jahren 1985 gab es eine kurze Kältewelle mit viel Schnee. Davon hörte man kaum etwas in Europa. Die grössten Probleme waren gefrorene Wasserleitungen und vereiste Strassen. Stromausfälle gab es kaum.

    Unter ungünstigen Bedingungen können auch bei uns Versorgungsprobleme auftreten. Zum Beispiel, orkanartige Winde mit viel nassem Schnee können Eispanzer bilden und Strommasten zum Einsturz bringen. Auch umgestürzte Bäume können Stromunterbrüche verursachen. Bei Windrädern besteht die Gefahr von Eiswurf. Meines Wissens sind Windräder in der Schweiz nicht mit heizbaren Rotorblättern ausgerüstet.