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Covid-19-TodesfälleSind wirklich alle todkrank?

Die Menschen, die am Coronavirus sterben, seien alle alt und schwer krank, heisst es immer wieder. Doch das stimmt in vielen Fällen nicht.

Gesundheitspersonal intubiert einen Patienten auf der Intensivstation im Regionalspital La Carita in Locarno.
Gesundheitspersonal intubiert einen Patienten auf der Intensivstation im Regionalspital La Carita in Locarno.
Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Der Patient war gerade mal Mitte fünfzig und topfit. Kurz vor der Ansteckung mit dem Coronavirus hatte er noch Sport getrieben. Trotzdem starb der Mann an der Infektion. Er litt an einer Herzerweiterung, von der er und auch sonst niemand etwas wusste. «Ohne das Virus hätte er wahrscheinlich noch viele Jahre gelebt», sagt Alexandar Tzankov, Leiter Autopsie und Histopathologie am Universitätsspital Basel, der den Covid-19-Verstorbenen genau untersucht hat.

Covid-19-Todesfälle in diesem Alter sind selten. Doch stimmt es, dass das Coronavirus nur tödlich ist für schwer kranke Hochbetagte, die ohnehin eine kurze Lebenserwartung haben? Solche Aussagen tauchen früher oder später unweigerlich auf, wenn über Sinn oder Unsinn von harten Lockdown-Massnahmen und deren Lockerung diskutiert wird.

Zwar ist einiges über die Risikofaktoren für einen schweren Covid-19-Verlauf bekannt. Doch ob die Patienten auch ohne das Virus bald gestorben wären, ist noch nicht klar. Berechnungen zu den Todesfällen in Norditalien könnten einen Anhaltspunkt liefern. Die Forscher um David McAllister von der Universität Glasgow kamen zum Schluss, dass dort jeder Covid-19-Tote im Durchschnitt rund zwölf Jahre Lebenszeit verlor.

Die meisten Covid-19-Patienten sterben in Heimen

Wie realistisch diese Berechnungen sind und ob sie sich auf die Schweiz übertragen lassen, ist allerdings fraglich. In Italien liegt das Durchschnittsalter der Verstorbenen wegen der lange Zeit überlasteten Spitäler um ein paar Jahre tiefer als bei uns. Zudem vereinfachten die Forscher bei ihren Berechnungen stark und stützten sich unter anderem auf durchschnittliche Lebenserwartungen bei den entsprechenden Vorerkrankungen. Die tatsächlich verlorenen Lebensjahre dürften sie dadurch überschätzt haben.

In der Schweiz sind gemäss den Daten der Kantone etwas über 1850 Personen am Coronavirus gestorben, 43 Prozent in Spitälern und 56 Prozent in Alters- und Pflegeheimen. Letzteres geht aus den Angaben hervor, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sei Mitte April erfasst. Wie krank die Verstorbenen in den Spitälern waren, weiss der Pathologe Alexandar Tzankov. Er und seine Kollegen vom Institut für Pathologie des Universitätsspitals Basel haben für die weltweit bislang grösste publizierte Fallserie 22 Covid-19-Patienten obduziert.

«Auch Menschen mit einer begrenzten Lebenserwartung haben oft noch Freude am Leben, auch im Heim.»

Gabriela Bieri, Ärztliche Direktorin der Pflegezentren der Stadt Zürich

«Es hat darunter tatsächlich auch Schwerkranke, die mit grosser Wahrscheinlichkeit Ende Jahr nicht mehr gelebt hätten», sagt der Mediziner. In der Studie, die Tzankov und sein Team vor einer Woche im Fachblatt «Histopathology» veröffentlicht haben, gehörte rund ein Viertel der Obduzierten zu dieser Gruppe. Sie waren meist sehr alt und hatten fortgeschrittene Tumore oder schwere neurologische Erkrankungen. Bei den restlichen Patienten waren die meisten Risikofaktoren jedoch weniger gravierend. Mit entsprechenden Medikamenten und entsprechendem Gesundheitsverhalten hätten sie noch mehrere Jahre gut leben können.

Hohen Blutdruck hatten praktisch alle – wobei umstritten ist, inwieweit dies für sich alleine ein Risikofaktor für einen schweren Verlauf ist. Hinzu kamen Übergewicht, Arteriosklerose, Diabetes und/oder eine Herzvergrösserung. Gestorben sind sie oft an Embolien durch Blutgerinnsel.

Neuer Risikofaktor: Eiweissablagerungen im Herzen

Die Verstorbenen waren also oft nicht schwer krank, wie das manchmal mit suggeriert wird. «Personen um 65 mit Bluthochdruck und beispielsweise etwas Übergewicht hatten vor der Corona-Pandemie noch eine Lebenserwartung von 15 bis 20 Jahren», sagt Tzankov. Interessanterweise zeigte sich bei den obduzierten Patienten, dass Immunschwäche nicht übervertreten ist. «Praktisch alle Covid-19-Todesfälle haben mit Gefässproblemen zu tun», bestätigt Tzankov die Befunde auch von anderen Forschern.

Tzankov und sein Team fanden zudem einen weiteren Risikofaktor, den sie nun erstmals beschrieben haben: Eiweissablagerungen im Herzen namens Altersamyloidose. Sie findet sich bei rund einem Drittel der Covid-19-Verstorbenen. In der Bevölkerung ist ab 85 Jahren jede fünfte Person betroffen, bei Jüngeren rund 5 Prozent.

Anders als bei den Spitalpatienten dürfte bei den Covid-Patienten, die in Heimen verstarben, der Gesundheitszustand vor der Infektion schlechter gewesen sein. Entweder weil es ihr Wunsch war oder eine Verlegung zu wenig aussichtsreich, blieben sie im Heim. Obduktionen wurden keine durchgeführt.

Auch ohne Coronavirus tiefe Lebenserwartung in den Pflegeheimen

Wie gross der Anteil der Schwerkranken ist, unterscheidet sich stark zwischen den Heimen. In vielen Altersheimen sind Bewohner leicht oder gar nicht pflegebedürftig. «In reinen Pflegeheimen hingegen sind die Bewohnerinnen und Bewohner mittel bis schwer pflegebedürftig und weisen immer mehrere Risikofaktoren auf», sagt Gabriela Bieri, Ärztliche Direktorin der Pflegezentren der Stadt Zürich. «Bei uns beträgt der Median der Lebenserwartung etwas weniger als ein Jahr – das heisst, die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner hat eine Lebenserwartung von unter einem Jahr.»

In den Pflegezentren in der Stadt Zürich haben 80 Prozent der Bewohner eine Demenz und sterben dann oft an einer Infektion. «Meist an einer Lungenentzündung, ausgelöst durch eine Schluckstörung», so Bieri. «Wenn es zu Covid-19-Ausbrüchen kommt, ist die Sterblichkeit viel höher als bei jeder Grippe- oder Hitzewelle, die ich in den letzten 25 Jahren erlebt habe», sagt die Chefärztin des Geriatrischen Dienstes der Stadt Zürich. Sie findet es fraglich zu sagen, dass Covid-19-Opfer ohnehin nicht mehr lange gelebt hätten: «Auch Menschen mit einer begrenzten Lebenserwartung haben oft noch Freude am Leben, auch im Heim», sagt Bieri.

Verlorene Lebensjahre statt Anzahl Covid-Tote

In den vom Berner Spitalzentrum für Altersmedizin Besas betreuten Wohn- und Pflegeinstitutionen herrscht bei den Bewohnern ein etwas anderer Mix mit eher weniger Demenzpatienten als in den Stadtzürcher Pflegezentren. Bis jetzt sind dort von 19 bestätigten Covid-19-Fällen fünf verstorben. In einem Fall wurde der Patient bereits vor der Ansteckung palliativ behandelt. Bei den anderen vier Erkrankten hätten die Ärzte ohne Infektion nicht damit gerechnet, dass sie in den nächsten Monaten gestorben wären. «Bei pflegebedürftigen Patientinnen und Patienten ist es grundsätzlich schwieriger, Aussagen zur Lebenserwartung zu machen», sagt Thierry Gigandet, Leitender Arzt am Zentrum.

Andreas Weber hat ebenfalls fünf Covid-19-Patienten in den Tod begleitet. Der Ärztliche Leiter des ambulanten und stationären Palliative-Care-Teams der Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland (GZO) findet eine offene Diskussion zur Lebenserwartung bei den Covid-19-Todesfällen wichtig. «Es wären tatsächlich viele auch ohne Infektion mit dem Coronavirus gestorben», sagt Weber. Er plädiert dafür, dass künftig nicht mehr nur auf die Anzahl Todesfälle, sondern auch auf die Anzahl verlorener Lebensjahre geschaut wird.

«Auch in Zeiten der Corona-Pandemie dürfen Menschen aufgrund ihres Alters nicht marginalisiert werden.»

Alexandar Tzankov, Pathologe am Universitätsspital Basel

Pathologe Alexandar Tzankov sieht dies anders: «Aus der Perspektive der Lebenszeitberechnung könnte man das zwar ableiten», sagt er, «aber im Einzelfall ist es dennoch oft ein grosser persönlicher Verlust.» Die Medizin arbeite seit vielen Jahren darauf hin, gezielt unser Leben zu verbessern und zu verlängern, und das mit immer grösserem Aufwand. «Auch in Zeiten der Corona-Pandemie dürfen Menschen aufgrund ihres Alters nicht marginalisiert werden.»