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1300 Infizierte in FleischfabrikSo bekämpft Deutschland den Corona-Massenausbruch

Was tun, wenn sich das Virus Sars-CoV-2 plötzlich massiv ausbreitet? Ein deutscher Landkreis macht vor, was auch uns drohen könnte.

Soldaten der Bundeswehr stehen auf dem Betriebsgelände der Firma Tönnies und bereiten sich auf ihren Einsatz vor. In der Fabrik steckten sich über 1000 Mitarbeitende mit dem Coronavirus an.
Soldaten der Bundeswehr stehen auf dem Betriebsgelände der Firma Tönnies und bereiten sich auf ihren Einsatz vor. In der Fabrik steckten sich über 1000 Mitarbeitende mit dem Coronavirus an.
Foto: Keystone 

Wenn sich innert kürzester Zeit weit über 1000 Mitarbeiter einer Fabrik mit dem Coronavirus infizieren, dann ist schnelles Handeln gefragt. In der ostwestfälischen Fleischfabrik Tönnies haben sich bis dato mehr als 1300 der rund 7000 Mitarbeitenden mit Sars-CoV-2 infiziert. Weitere Testergebnisse stehen noch aus. Die gesamte Belegschaft befindet sich in Quarantäne.

Es handle sich um einen «massiven Ausbruch», der sehr ernst zu nehmen sei, sagte Angela Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Für die Region bestehe ein hohes Infektionsrisiko. Es sei nun alles zu tun, um diesen Ausbruch einzudämmen. Und so kämpfen die deutschen Behörden gegen eine weitere Ausbreitung des Virus an.

Regionaler Lockdown

Polizisten bauen am Samstagabend Bauzäune in einer Wohnsiedlung im Ortsteil Sürenheide auf.
Polizisten bauen am Samstagabend Bauzäune in einer Wohnsiedlung im Ortsteil Sürenheide auf.
Foto: David Inderlied (DPA/Keystone) 

Um die rasche Ausbreitung des Virus zu verhindern, haben die örtlichen Behörden am Mittwoch einen siebentägigen Lockdown für die Region Gütersloh beschlossen. Im Landkreis verboten ist demnach ab diesem Mittwoch unter anderem wieder Sport in geschlossenen Räumen und auch zahlreiche Kulturveranstaltungen. Fitnessstudios würden im Kreisgebiet ebenso geschlossen wie Kinos und Bars, verkündete Ministerpräsident Armin Laschet an einer Pressekonferenz am Dienstag.

Viel weiter – etwa in Form eines Lockdown – wollten die Verantwortlichen noch vor wenigen Tagen nicht gehen. Das Infektionsgeschehen sei klar auf dem Schlachthof Tönnies zu verorten, verteidigte Laschet die Entscheidung noch am Sonntag. Am Dienstag folgte er dann doch, der Lockdown. Zwar seien ausserhalb des Fleischereibetriebs nur wenige Neuinfektionen zu vermelden. Die Sicherheit der Bevölkerung ginge jedoch vor, erklärte Laschet seinen Gesinnungswandel an einer Pressekonferenz am Dienstag.

Das unauffällige Infektionsgeschehen ausserhalb des Betriebs habe damit zu tun, dass die Angestellten, welche grösstenteils aus Polen, Rumänien und Bulgarien stammten, wenig bis gar keinen Kontakt zum Rest der Bevölkerung gehabt habe, meinte Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, vergangene Woche. «Das spielt uns jetzt gerade in die Hände.»

7000 Tests

Jeder kommt dran: Arbeiter der Tönnies-Fleischfabrik stehen für einen Corona-Test an.
Jeder kommt dran: Arbeiter der Tönnies-Fleischfabrik stehen für einen Corona-Test an.
Foto: Martin Meissner (AP Photo / Keystone) 

Wie bereits in Südkorea setzt man nun in Deutschland auf rasche Massentests. Sämtliche 7000 Tönnies-Mitarbeitende werden derzeit getestet. Auch alle anderen Bürger des Landkreises Gütersloh sollen in den kommenden Tagen die Möglichkeit erhalten, sich kostenlos testen zu lassen.

Bislang gibt es 1331 positive Fälle. Sechs Personen liegen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. «Jetzt gilt es, jeden regionalen Ausbruch umgehend einzudämmen und die Infektionsketten zu unterbrechen», betonte Merkels Gesundheitsminister Jens Spahn gegenüber der Düsseldorfer «Rheinischen Post».

Um dem nachzukommen, setzen die Behörden auf mobile Teams aus Mitgliedern der Bundeswehr, des Roten Kreuzes, des zuständigen Ordnungsamtes sowie von Dolmetschern, welche die grösstenteils ausländischen Mitarbeitenden zu Hause aufsuchen und Abstriche nehmen sowie Informationen zur Quarantäne liefern und Unterstützung zusichern. Insgesamt 32 solche Teams waren am Sonntag im Einsatz, die Bemühungen sollen noch erhöht werden. 1300 Liegenschaften müssen aufgesucht werden.

Kontrolle mit Hunderten Polizeibeamten

Kontrolle der Quarantäne: Ein Polizist schaut auf sein Handy vor einem der abgesperrten Wohnhäuser.
Kontrolle der Quarantäne: Ein Polizist schaut auf sein Handy vor einem der abgesperrten Wohnhäuser.
Foto: David Inderlied (DPA/Keystone) 

Sämtliche rund 7000 Angestellten mitsamt Management wurden vergangene Woche in Quarantäne geschickt. Manchen Mitarbeitern ist es jedoch gestattet, in sogenannter Arbeitsquarantäne bestimmte Tätigkeiten auszuführen. Das bedeutet, dass sie sich ausschliesslich zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen. Die Polizei hat mehrere Mehrfamilienhäuser, in denen Arbeiter der Firma leben, abgesperrt.

Hunderte Polizisten aus dem ganzen Land seien nach Ostwestfalen beordert worden, um die Quarantäne zu überwachen, sagte Ministerpräsident Laschet. Mit den Konsulen der Länder Bulgarien, Rumänien und Polen sei vereinbart worden, so viele Dolmetscher wie nur möglich in die Region zu bringen, um den Menschen in Quarantäne zu erklären, wie sie sich zu verhalten haben, und vor allem, um eine Abreise in ihre Heimatländer zu verhindern. «Dort besteht die grosse Gefahr, dass sie ihre Angehörigen infizieren und das Virus immer weitertragen.»

Noch keine neuen Ausbrüche in der Schweiz

Bisher wurde die Schweiz von grösseren Corona-Herden verschont. Bis auf einzelne Ansteckungen in Schulen und Kitas hat es seit dem starken Rückgang der Neuansteckungen noch keine grossen Corona-Ausbrüche gegeben. Doch wie schnell auch einzelne Personen grosse Ansteckungsketten auslösen können, zeigte der Fall des Partygängers in Südkorea, auf welchen über 200 Ansteckungen zurückzuführen waren.

In Zürich zum Beispiel sieht man sich gewappnet für einen Wiederanstieg der Fälle. Die für die Rückverfolgung geschaffenen Strukturen seien für einen raschen Auf- und Abbau ausgelegt, erklärt Marcel Odermatt, Mediensprecher der Zürcher Gesundheitsdirektion. «Im Falle eines lokalen Ausbruchs in einzelnen Betrieben setzt die Gesundheitsdirektion überdies auf die Mitwirkung der Betriebsleitung.» Bisher seien im Kanton Zürich die Neuinfektionen im Rahmen des Contact-Tracing konsequent zurückverfolgt worden.

sho/SDA