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Die deutsche Brigitte BardotSo brav sexy wie sie ist keine andere

Claudia Schiffer verdient selbst nach 50 mit ihrer sinnlichen Schönheit Millionen. Sie ist die Frau im Model-Business, die nie ihre Seele verkauft hat, und versucht sich nun als Ausstellungs-Kuratorin.

Seltsam alterslos: Claudia Schiffer hat sich in all den Jahren optisch kaum verändert.
Seltsam alterslos: Claudia Schiffer hat sich in all den Jahren optisch kaum verändert.
Foto: Edward Berthelot (Getty Images)

Der Tag, an dem Claudia Schiffer auf Horst Schlämmer trifft, ist ein Samstagabend, und 13 Millionen Menschen schauen zu. Schiffer trägt von Kopf bis Fuss Chanel, ihr Rock ist so kurz, dass sie die Beine, die in schneeweissen Overknee-Stiefeln stecken, zum Doppelslash kippt, damit ihr die Kameraleute von «Wetten, dass ...?» nicht in den Schritt filmen. Horst Schlämmer, die verschrobene Kunstfigur des Komikers Hape Kerkeling, trägt einen ausgebeulten Mantel in Seniorenbeige, Schnäuzer und vorstehende Zähne. Die Schöne und das Biest. Man weiss sofort, dass das kein Spass für sie wird.

Während Schlämmer Blümchen, Präsentkorb und seine Visitenkarte überreicht er ist nämlich Single –, macht Schiffer auf diesen absurden Fashion-Stiefeln kleine Trippelschritte rückwärts, das Lächeln auf ihrem Gesicht ist wie eingefroren. Sie presst ein paar schnelle, atemlose Sätze heraus, die dem «Wetten, dass ...?»-Publikum beweisen sollen, dass sie die Situation mit Humor meistert. Mehr als sechs Minuten dauert die Szene, und bei nochmaligem Anschauen 14 Jahre später schiesst einem immer noch die Fremdscham ins Gesicht. Bis zuletzt bleibt unklar, ob Claudia Schiffer weiss, wer Horst Schlämmer eigentlich ist.

Die Schöne und das Biest: In «Wetten, dass …?»  ist das Model dem Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer brutal auf den Leim gegangen.
Die Schöne und das Biest: In «Wetten, dass …?» ist das Model dem Komiker Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer brutal auf den Leim gegangen.
Foto: Ralf Juergens (Getty Images)

Die deutsche Bardot

Ihre märchenhafte Karriere als Sehnsuchtsgirl und Laufstegwunder einerseits, der quälende Mangel an Spontaneität und Lockerheit andererseits: Bis heute wird sie auf diese Diskrepanz angesprochen. Sie erzählt dann immer von ihrer Schüchternheit. Dass sie in der Schule in der letzten Reihe sass, damit nicht auffiel, wenn sie wieder rot anlief. Dass sie unter ihren 1,81 Metern litt, weil sie sich in keiner Menschenmenge verstecken konnte. Wie überrascht sie war, als ihr in der Düsseldorfer Diskothek Checkers ein Modelscout seine Visitenkarte überreichte. Da war sie siebzehn.

Keiner traute ihr das zu, sie sich selbst vielleicht am wenigsten. Dass sie, die wohlerzogene und etwas verkrampfte Anwaltstochter, ein Fotomodell werden und sich vor der Kamera in ein freies, sinnliches Wesen verwandeln könnte. Claudia Schiffers Rettung bei ihrem ersten Shooting lautete: Kostümierung. Sie bekommt Make-up ins Gesicht, das die aufsteigende Röte übertüncht, sie trägt Kleider, die so offensichtlich nicht ihrem Wesen entsprechen, dass sie darunter verschwindet. Es ist wie eine Befreiung.

Claudia Schiffers Rettung bei ihrem ersten Shooting lautete: Kostümierung.

Sie zieht nach Paris und landet wenig später ihren ersten grossen Job, für Jeans von Guess. Sie ist in dieser Kampagne auf irritierende Weise sexy. Schwarzes Spitzenbustier, blonde Mähne hochtoupiert und wild verwuschelt, provozierender Blick, halb geöffneter Schmollmund. Als sie die Bilder von Ellen von Unwerth sieht, kann sie nicht glauben, dass sie das ist die deutsche Bardot. Das ist ihre erste Rolle, sie spielt sie verblüffend gut.

Claudia und der Zauberer

Karl Lagerfeld und Chanel bedeuten 1989 Schiffers endgültigen Durchbruch auf der Weltbühne der Mode. Als sie auch noch den samtäugigen Magier David Copperfield an Land zieht und sich mit ihm verlobt, ist das Märchen perfekt. Claudia und der Zauberer!

Nach einer Weile wurden natürlich auch andere Stimmen hörbar. «Barbiepuppe» und «Sauberfrau» war noch das Freundlichste. «Ein Fischstäbchen hätte, wäre es gut gelagert, mehr Persönlichkeit als diese Laufstegdame», schrieb die «Frankfurter Rundschau». Die Verlobung mit Copperfield, mutmassten andere, sei reine PR. Schiffer kann all das nur in den kurzen Pausen zwischen den Atlantikflügen mitbekommen haben, denn sie arbeitete wie besessen. Copperfield auch. Die Verlobung wurde dann irgendwann gecancelt.

Die Schöne und die Zauberer: Modezar Karl Lagerfeld, seine Muse Claudia Schiffer und ihr Ex-Verlobter David Copperfield  1994.
Die Schöne und die Zauberer: Modezar Karl Lagerfeld, seine Muse Claudia Schiffer und ihr Ex-Verlobter David Copperfield 1994.
Foto: Alain Benainous (Getty Images)

Als sie in London mit dem Kunsthändler Tim Jeffries gesichtet wird, nicht ganz zu Unrecht als Playboy und Lebemann gehandelt, stossen sie in den Redaktionen der Klatschblätter mit Champagner an. Endlich wird sie ausgehen, Alkohol trinken, vielleicht sogar Drogen nehmen. Die Paparazzi stellen sich auf Überstunden ein.

Doch als sie sich ein Jahr später sang- und klanglos von Jeffries trennt, gibt es immer noch keine Bilder von Claudia Schiffer auf Drogen. Es gibt neben den Titelblättern und Modestrecken und Werbekampagnen und sorgsam orchestrierten Galaauftritten überhaupt keine Bilder von ihr, von deren Erlös sich ein anständiger Paparazzo einen Urlaub auf den Malediven finanzieren könnte. Bis auf ein Foto, das sie oben ohne beim Sonnen auf Mallorca zeigt. Dagegen hat sie geklagt.

Keine Skandale, keine Exzesse

Wenn man als überirdisch schöne Frau vom Boulevard gefeiert wird, muss man irgendwann seinen Teil der Rechnung begleichen. So will es das Gesetz der Branche. Kate Moss hat einen Rockstar gedatet und Kokain geschnupft. Naomi Campbell hat mit ihrem Mobiltelefon nach einer Assistentin geworfen und Sozialdienst abgeleistet. Claudia Schiffer, die am 25. August 50 Jahre alt wird, hat die Rechnung nie bezahlt.

Keck und sinnlich: Claudia Schiffer auf dem Laufsteg, hier in einem Kleid von Chanel.
Keck und sinnlich: Claudia Schiffer auf dem Laufsteg, hier in einem Kleid von Chanel.
Foto: Michel Arnaud (Getty Images)

2002 hat sie den britischen Filmproduzenten Matthew Vaughn geheiratet und mit ihm drei Kinder bekommen, Caspar Matthew, Clementine Poppy und Cosima Violet. Die Familie wohnt nobel, aber nicht protzig in einem Townhouse in Notting Hill. Keine Skandale, keine Exzesse. Das Extravaganteste an Schiffers Lifestyle ist wahrscheinlich der Helikopter-Hangar, in dem sie ihre Kleider lagert, natürlich ordnungsgemäss klimatisiert und alphabetisch nach Designern geordnet.

Heute ist Claudia Schiffer längst ihre eigene Marke. Immer noch gefragt, aber nur für teures Geld, gute Zwecke oder aus Freundschaft zu haben. Oder auch bloss, weil es ihr Spass macht. Sie macht immer noch Kampagnen und ausgewählte Fashion Shoots, sie ist immer noch auf Magazintiteln zu sehen, älter inzwischen und doch seltsam alterslos. Im kommenden Jahr wird sie erstmals auch als Kuratorin aktiv werden; für den Düsseldorfer Kunstpalast bereitet sie eine Ausstellung über die Mode der Neunzigerjahre vor.

Claudia Schiffer erzählt in Interviews, dass es zu Hause Bioessen und kaum Zucker gibt.

Alle paar Jahre verknüpft sie ihren Markennamen mit einem Produkt, das so solide, anständig und unaufregend ist wie sie selbst. Kinderschokolade. Der Quelle-Katalog. Brillen von Rodenstock. Eine Kaschmirkollektion. Zu diesen raren Anlässen werden Journalisten in das Haus an der Portobello Road vorgelassen, die sie allesamt knacken wollen. Ihr ein geistreiches Bonmot entlocken, eine kleine Unverschämtheit, etwas politisch Unkorrektes, womöglich sogar Emotionen. Aber da kommt nichts. Claudia Schiffer erzählt in Interviews, dass es zu Hause Bioessen und kaum Zucker gibt. Dass sie auf gute Manieren Wert legt.

Anständig und bürgerlich: Claudia Schiffer mit ihrem Mann,  dem britischen Filmproduzenten Matthew Vaughn, und zwei ihrer drei Kinder.
Anständig und bürgerlich: Claudia Schiffer mit ihrem Mann, dem britischen Filmproduzenten Matthew Vaughn, und zwei ihrer drei Kinder.
Foto: Antony Jones (Getty Images)

Irgendwann fasst sich jeder verzweifelte Journalist ein Herz und fragt, ob sie eigentlich unter ihrem Langweiler-Image leide. Ihre Standardantwort lautet: «Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich dachte immer: Super! Ich bin lieber total langweilig, als dass es heisst: Hier kommt Claudia Schiffer, total drogensüchtig und total betrunken, aus einem Nachtclub heraus.» Schiffer hat ihre äusserliche Schönheit mit viel Sinn fürs Geschäftliche verkauft und damit laut «Forbes» ein Privatvermögen von 250 Millionen Dollar angehäuft. Ihre Seele aber trug sie nie zu Markte. Dafür Respekt.