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Treffen mit Zsuzsanna Varga«So etwas hatte ich noch nie gesehen, es war eine Sensation»

Pathologin Zsuzsanna Varga entdeckte in Zürich, dass das neue Coronavirus nicht nur die Lungen, sondern den gesamten Körper befällt – und sorgte damit weltweit für Aufsehen.

Zsuzsanna Varga mit ihrem wichtigsten Arbeitsgerät, dem Mikroskop.
Zsuzsanna Varga mit ihrem wichtigsten Arbeitsgerät, dem Mikroskop.
Foto: Sabina Bobst

«Ich war perplex», so beschreibt Zsuzsanna Varga ihre erste Reaktion, nachdem sie Ende März 2020 ins Mikroskop geblickt hatte. «So etwas hatte ich noch nie gesehen», erinnert sie sich. «Es war eine Sensation.» Die Pathologie-Professorin war eine der ersten Wissenschaftlerinnen, die verstorbene Covid-19-Patienten obduzierten. In der Schweiz hatte damals die Zahl der Corona-Infizierten den Höchststand erreicht.

Zu diesem Zeitpunkt gingen Mediziner davon aus, dass bei einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 vor allem Lungenschäden zu einem schweren Krankheitsverlauf führen würden. In den Gewebeschnitten von Verstorbenen sah Varga jedoch etwas ganz anderes: Das Coronavirus befiel auch die Blutgefässe. Und zwar massiv und im ganzen Körper, auch im Herz, in der Leber, den Nieren, im Darm. Die Folge: tödliches Organversagen. «Die Gewebeschnitte im Mikroskop sahen ähnlich aus wie bei einer Abstossungsreaktion nach einer Transplantation», sagt sie.

Glück und ein gutes Auge

Schnell war klar, dass die Entdeckung veröffentlicht werden musste. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus der Pathologie, Infektiologie, Intensivmedizin und der Kardiologie diskutierte Varga die Beobachtungen der ersten obduzierten Covid-19-Patienten und verfasste einen kurzen Fachartikel. Am 17. April erschien er im angesehenen Wissenschaftsjournal «The Lancet» und sorgte weltweit für grosses Aufsehen.

Wie man es sonst von Spitzensportlern kennt, stellt die Pathologin ihren Beitrag zurück und betont die Leistung des interdisziplinären Teams bei der Interpretation der Obduktionsbefunde. «Ich habe dank meiner Erfahrung zwar ein gutes Auge und habe sofort bemerkt, ein völlig neues Krankheitsbild im Mikroskop zu sehen», sagt sie. «Jedoch war es auch Glück, dass wir diese hochinfektiösen Obduktionen überhaupt durchführen durften.»

Die Eltern und John Lennon im Arbeitszimmer

Zsuzsanna Varga sitzt in ihrem lang gezogenen Büro am Universitätsspital Zürich, im Parterre, nahe der Notfallstation. Sie ist Leitende Ärztin am Institut für Pathologie und Molekularpathologie und ist verantwortlich für die gesamte Autopsie-Abteilung. Hier, zwischen Büro- und Besprechungstisch, steht das Mikroskop, mit dem die Pathologin die bahnbrechenden Beobachtungen machte. Im Büchergestell stehen Porträts von ihren Eltern, an der Wand ein Satz von Beatle John Lennon: «Life is what happens, while you are busy making other plans.»

«Für mich war zu Beginn der Pandemie schnell klar, dass wir einen Weg finden müssen, um verstorbene Patienten zu obduzieren.»

Zsuzsanna Varga, Pathologin am Unispital Zürich

Das Zitat passt zur gegenwärtigen Corona-Krise und auch zum grössten wissenschaftlichen Erfolg von Varga, der unerwartet kam. Dennoch war er kein Zufall. «Für mich war zu Beginn der Pandemie schnell klar, dass wir einen Weg finden müssen, um verstorbene Patienten zu obduzieren», erzählt die Pathologin. «Ich hatte den Eindruck, dass wir Wichtiges verpassen, wenn wir das nicht tun würden.»

Mikroskopische Aufnahme einer Biopsie von einer Patientin mit Brustkrebs.
Mikroskopische Aufnahme einer Biopsie von einer Patientin mit Brustkrebs.
Foto: Zsuzsanna Varga

Weil es sich um eine unbekannte ansteckende Erkrankung handelt, war eine Obduktion jedoch ein heikles Unterfangen. Viele Kolleginnen und Kollegen schreckten davor zurück. Beispielsweise in Deutschland war es zu diesem Zeitpunkt sogar verboten, Sars-CoV-2-infizierte Leichen zu autopsieren.

Hochsicherheitssaal für infektiöse Obduktionen

Am Unispital war man hingegen aufgeschlossen – und vorbereitet, denn das Pathologie-Institut verfügt über einen Hochsicherheitssaal für infektiöse Obduktionen. Der Raum hat zwei verschiedene Zugangsschleusen für Verstorbene und Obdukteure und steht unter Unterdruck, damit bei einem Leck keine Erreger nach draussen gelangen. Anders als sonst bei Obduktionen wird zudem möglichst ohne Wasser gearbeitet, damit keine Erreger durch Aerosole verbreitet werden. Angst, dass sie sich anstecken könnte, hatte Varga nie. «Wir sind gut geschützt und arbeiten nach definierten Sicherheitsvorgaben und in Schutzkleidung», sagt sie.

Jährlich 300 Obduktionen

Doch auch in normalen Zeiten erfüllt ihre Abteilung wichtige Aufgaben, die von Aussenstehenden jedoch oft nicht wahrgenommen werden. Jedes Jahr führen Varga und ihre Mitarbeiter rund 300 Obduktionen durch – zur Qualitätssicherung und um offene Fragen zur Todesursache zu klären. Tatsächlich entdecken die Pathologen bei drei bis zehn Prozent aller untersuchten Fälle neue Befunde, die in der Klinik vorab nicht bekannt waren. «Das betrifft vor allem komplexe Krebsfälle und Herz-Kreislauf-Befunde», sagt Varga. Todesfälle im Zusammenhang mit Straftaten betreffen sie hingegen nicht. Diese werden in der Rechtsmedizin obduziert.

«Während ich die Schnitte untersuche, versuche ich in erster Linie die Krankheit zu sehen und nicht den Menschen.»

Zsuzsanna Varga, Pathologin am Unispital Zürich

Varga hat sich eine Strategie zurechtgelegt, um sich von den Verstorbenen abzugrenzen, die sie untersucht: «Während ich die Schnitte untersuche, versuche ich in erster Linie die Krankheit zu sehen und nicht den Menschen.» Namen, Alter oder Herkunft der verstorbenen Person möchte sie deswegen nicht sofort erfahren. «Anders geht es nicht», so die Pathologin.

Geboren ist sie in der ungarischen Stadt Szentes. Als Tochter eines Kinderarzts und einer Radiologin wurde sie täglich mit Medizin konfrontiert. «Ich habe nie etwas anderes gekannt und wollte immer Ärztin werden», sagt sie. Sie studierte Medizin und untersuchte bei ihrer Doktorarbeit Schilddrüsenveränderungen als Folge des Reaktorunfalls in Tschernobyl. So entdeckte sie eher zufällig die Pathologie. Nach Aufenthalten an Universitätskliniken in Tel Aviv (Israel) und Baltimore (USA) kam Varga schliesslich 1995 nach Zürich ans Institut für Pathologie im USZ. Zuerst als Assistenzärztin, seit 2014 als Titularprofessorin und zurzeit als Leitende Ärztin.

Das Imageproblem der Pathologie

Varga freut sich, dass die Pandemie ihr Fach in den Fokus gebracht hat: «Ohne Obduktionen wüssten wir bei Covid-19 heute vieles nicht.» Sie hofft, dass dies dazu beiträgt, das Image der Pathologie zu verbessern. «Die Leute denken, dass wir nichts machen, ausser den ganzen Tag im Keller zu stehen und Leichen zu sezieren», sagt Varga. Zwar hat sie tatsächlich nur selten Patientenkontakt, dann wenn Krebspatientinnen ihre Gewebebefunde im Mikroskop sehen wollen, um ihre Krankheit zu verstehen.

Dennoch ist ihre Arbeit vorwiegend für die Behandlung von lebenden Patienten entscheidend. Die meiste Zeit verbringt Varga nicht mit Verstorbenen, sondern mit Gewebeproben von Brustkrebs-Patientinnen, die sie im Mikroskop analysiert, um dann die richtigen Schlüsse für die Therapie zu ziehen. Auf dem Gebiet ist Varga eine anerkannte Expertin. Sie habe jeden Tag Erfolgserlebnisse und lerne Neues, sagt Varga. «Ich habe nie bereut, Pathologin zu sein.»