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Architektur in der SchweizSo geht verdichtetes Bauen

In Chur wird derzeit rege gebaut – und nachträglich verdichtet. Ein besonders gelungenes Beispiel sind die Alterswohnungen des Seniorenzentrums Cadonau.

Die Neubauten des Seniorenzentrums Cadonau liegen am Stadtrand von Chur.
Die Neubauten des Seniorenzentrums Cadonau liegen am Stadtrand von Chur.
Foto: Hannes Henz

Das Bild könnte aus dem Zentrum einer Kleinstadt mit bewegter Geschichte stammen: Zur Rechten ein neues, viergeschossiges Backsteinhaus mit Attika, zur Linken ein Sechzigerjahre-Bau mit einem hohen, holzverkleideten Sockel. Zwischen den Häusern liegen wenige Meter. Ein schmaler Fussweg führt zu einer Restaurantterrasse, hinter der eine rötlich schimmernde Glasfassade in die Höhe ragt.

Ein bunter Stilmix, mit der Zeit gewachsen. Doch die Fassaden entlang flanieren keine Menschen mit Einkaufstaschen. Stattdessen spazieren Seniorinnen auf den leicht geneigten Wegen, die einen mit, die anderen ohne Gehhilfe. Wir befinden uns beim Seniorenzentrum Cadonau, gelegen in einem Wohnquartier am Stadtrand Churs.

Das Haus mit der Klinkerfassade und dessen Zwilling, der nur wenige Meter weiter steht, bilden den neusten Zuwachs auf dem Areal. 35 Alterswohnungen fügten Chebbi Thomet Bucher Architektinnen aus Zürich dem heterogenen Ensemble hinzu.

Der Wohn- und Kochbereich der Alterswohnungen strahlt Grosszügigkeit aus.
Der Wohn- und Kochbereich der Alterswohnungen strahlt Grosszügigkeit aus.
Foto: Hannes Henz

Dafür den richtigen Platz zu finden, war keine leichte Aufgabe. Die grösste zusammenhängende Freifläche fand sich am Hangfuss in Form eines Obstgartens. Doch die Architektinnen zollten sowohl dem Grünraum als auch dem darauf ausgerichteten Bau Peter Zumthors Respekt.

«Die zwei kleinen Türme setzten wir so zwischen den Bestand, dass möglichst viele Ausblicke aus den Bestandsbauten bewahrt bleiben», sagt die Architektin Karin Bucher. Indem die zwei Punktbauten in die Höhe streben, bilden sie einen Kontrast zu Zumthors flachem Frühwerk, das zwischen ihnen steht.

Wie diese Alterswohnungen aus den 1990er-Jahren verfügen auch die Neubauten über grosszügige Erschliessungsbereiche. Die Treppenhäuser liegen an der Fassade; kreisrunde Leuchten erhellen die Vorzonen zu den Wohnungen zusätzlich. Hier können sich die Bewohner auf eine Holzbank setzen und einen Schwatz abhalten.

Perfekt für einen Schwatz: Die Vorzonen zu den Wohnungen sind hell erleuchtet und mit Sitzbänken ausgestattet.
Perfekt für einen Schwatz: Die Vorzonen zu den Wohnungen sind hell erleuchtet und mit Sitzbänken ausgestattet.
Foto: Hannes Henz

In den mehrseitig orientierten Wohnungen ist der für das gesamte Areal typische Kontrast gut spürbar: Vom Balkon bei der Küche geniesst man die Aussicht auf das Calandamassiv und die sich im Tal ausbreitende Stadt. Im Schlafzimmer hingegen reicht der Blick nur gerade bis zur nächsten Hausfassade. Eine Wohnsituation, die sehr städtisch anmutet.

Urban ist auch das Fassadenmaterial. Der braune Klinker erinnert an Wohnhäuser in nordeuropäischen Städten. «Ein Material zu finden, das in den heterogenen Kontext passt, war nicht leicht», bestätigt Karin Bucher. Eternit, Putz, Glas und Faserbeton – all das gabs schon.

«Mit dem Klinker haben wir uns für einen eigenständigen Ausdruck entschieden, ohne damit aufzufallen.» Das natürliche Material mit der dumpfen Oberfläche wirkt zurückhaltend und stellt eine haptische Verbindung zum Tuffsteinmauerwerk des Zumthor-Baus her.

Zurückhaltender Klinker prägt das Äussere.
Zurückhaltender Klinker prägt das Äussere.
Foto: Hannes Henz

Eher zufällig ist hier am nördlichen Stadtrand eine Art Klinik- oder Gesundheitscluster entstanden. Früher prägten Rebberge und Obstbäume den Hang oberhalb der Ortschaft Masans. Das viele Grün und die reizvolle Aussicht bis ins Bündner Oberland dürften die ersten Kliniken angelockt haben.

Dazu zählt das 1892 fertiggestellte Waldhaus, damals eine kantonale Irrenanstalt, heute eine psychiatrische Klinik. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts setzte zu Füssen des historischen Ensembles eine rege Wohnbautätigkeit ein, wobei die Zonenplanung etliche Grundstücke öffentlichen Bauten vorbehielt.

Unübersehbar ist das mächtige Gebäude-Konglomerat des Kantonsspitals Graubünden, das derzeit eine beachtliche Erweiterung erfährt. Die Zone für öffentliche Bauten lässt eine hohe Ausnützung zu, was in diesem durchgrünten und von Einfamilienhäusern geprägten Quartier deutlich spürbar ist.

Das Kantonsspital Chur mit neuer Kinderklinik (ganz rechts) und neuem Hauptgebäude (links), beides Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld.
Das Kantonsspital Chur mit neuer Kinderklinik (ganz rechts) und neuem Hauptgebäude (links), beides Staufer & Hasler Architekten, Frauenfeld.
Foto: Marcel Giger

Dabei besteht das Risiko, dass es zukünftig nicht bei den Dichte-Inseln der Kliniken und Seniorenzentren bleibt. Die Baugesetze der Stadt Chur lassen auch in den drei- und viergeschossigen Wohnzonen stattliche Bauten zu. Der Gesetzgeber erlaubt grosse Spielräume und setzt damit auf die Eigenverantwortung der Bauherrschaften.

Bei der Erweiterung des Seniorenzentrums Cadonau ist eine respektvolle Verdichtung gelungen. Wie bei der Weiterentwicklung anderer Klinik-Areale stand am Anfang des Projekts ein Architekturwettbewerb. Die Frage ist nun, ob es auch bei den Neu- und Ersatzbauten in der Wohnzone glückt, die einmaligen Qualitäten des Quartiers zu erhalten.

2 Kommentare
    Paul Peter

    Richtig wir müssen in die Höhe bauen.

    Wenn heute von einer Gemeinde noch drei stöckiege Mehrfamilienhäuser bewilligt werden, ist das ein Verbrechen gegenüber unserem Kulturland.