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Spitäler «bald» stark belastet«Wir brauchen nicht Applaus, sondern Disziplin»

Im Kanton Zürich ist die Zahl der Neuinfizierten und Spitaleinweisungen stark angestiegen. Wie die Spitäler auf die zweite Covid-Welle reagieren.

«Auch Junge müssen hospitalisiert werden»: Die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli zur Pandemie-Lage im Kanton Zürich.
Video: Kanton Zürich

Zusammenfassung der Medienkonferenz:

  • Am Donnerstag wurden 1278 Neuinfizierte gemeldet, am Mittwoch waren es 977. 221 Personen sind wegen Covid-19 hospitalisiert, Tendenz steigend. Seit Donnerstagnachmittag sind 9 weitere Todesfälle in Zürich dazugekommen

  • Es sind nicht nur betagte Corona-Patienten in den Spitälern, es gibt auch Personen zwischen 20 und 40 Jahren, denen es schlecht geht.

  • Die Anzahl Besuche wird eingeschränkt. Am Unispital sind sechs Besuche pro Aufenthalt möglich, an den beiden Zürcher Stadtspitälern ein Besuch pro Tag, am Spital Limmattal zwei Besuche pro Tag.

  • Die Zürcher Spitäler haben die Situation «noch» im Griff. Das kann sich aber ändern. «Bald werden die Spitäler stark belastet sein», sagte der Chefplaner der Gesundheitsdirektion. «Wir brauchen jetzt keinen Applaus, sondern Disziplin in der Bevölkerung», sagte ein Spitaldirektor.

  • Im Kanton Zürich gibt es 190 zertifizierte Intensivpflege-Betten (IPS). 26 waren am Donnerstag von Covid-Patienten belegt, 116 von Nicht-Covid-Patienten. Derzeit sind 48 IPS-Betten frei.

  • Der Kanton hat berechnet, dass Mitte November 800 Covid-Patienten in den Zürcher Spitälern sind, wenn es so weitergeht wie bisher. Derzeit sind es 221.

  • Engpässe sind in den Spitälern am ehesten beim Personal zu erwarten. Bei Bedarf dürfen die Spitäler Personal aus der Quarantäne an den Arbeitsplatz rufen. Bedingung: Die Pflegenden und Ärztinnen müssen symptomfrei sein. Beim Unispital wurde ausnahmsweise eine positiv getestete Ärztin ans Spital beordert.

  • Weiterbildungsoffensive: Bis Ende Jahr werden 106 Pflegende zusätzlich für die Intensivpflegestationen ausgebildet sein, um Engpässe zu vermeiden.

  • Bereits im Frühling hat der Kanton 70 zusätzliche Beatmungsgeräte beschafft. Diese wurden bisher nicht benötigt.

  • Es findet laufend ein Monitoring statt, die Spitäler stehen in ständigem Kontakt und helfen einander aus – bezüglich Patienten und Personal.

  • Das Vorgehen wird in drei Phasen eingeteilt: In Phase 1 (derzeit) und 2 suchen die einheimischen Spitäler nach Lösungen, und Reha-Kliniken werden zu Corona-Stationen umfunktioniert. In Phase 3 kann auch das Ausland involviert werden, beispielsweise durch das Beiziehen von Fachkräften und die Aufnahme von Schweizer Patienten.

  • Geplante Eingriffe sind noch immer möglich. Die Spitaldirektoren appellierten an die Bevölkerung, nicht aus Angst oder Rücksicht nicht ins Spital zu gehen.

  • Die Gesundheitsdirektion gibt kommende Woche neue Richtlinien für die Pflegeheime bekannt.

LIVE TICKER BEENDET

Ende der Medienkonferenz

Gesundheitsdirektorin Rickli ruft nochmals die Bevölkerung auf, die Corona-Regeln einzuhalten, damit die Spitäler, die aktuell gut funktionieren und gut aufgestellt sind, nicht doch in eine Notsituation geraten.

Frage: Neue Besuchsregeln?

Am Unispital gilt die Regel: Sechs Besuche pro Aufenthalt, also durchschnittlich ein Besuch pro Tag. Am KSW wolle man ebenfalls differenzierter vorgehen als im Frühling, sagte Rolf Zehnder. Nicht einfach alle Besuche verbieten.

Die Besuchsregelungen wurden aktuell verschärft, sagte Thomas Brack vom Spital Limmattal. Besuchende hätten sich nicht an die Regeln gehalten, es gab Diskussionen. Jetzt gilt allgemein: Zwei Besuche pro Person pro Tag.

An den Zürcher Stadtspitälern gilt: ein Besuch pro Tag, in den Isolierstationen kein Besuch, ausser ein Patient liegt im Sterben.

Frage: Wird Zivilschutz reaktiviert?

Es gibt erneut Gespräche, sagte Brack.

Frage: Bonus fürs Personal?

Bonuszahlungen sind am Unispital derzeit nicht vorgesehen, aber in Diskussion, sagte Zünd. Fürs Triemli/Waid hat der Stadtrat einen Kredit gesprochen, dass es 80 Franken pro Schicht in der ersten Welle gibt, sagte André Zemp.

Rolf Zehnder sagte, wer mehr arbeite, werde auch mehr entschädigt.

Natalie Rickli sagte, die Belastung sei nicht nur an der Front in den Spitälern gross, sondern auch in den Verwaltungen.

Frage: Personal

Gregor Zünd vom Unispital sagte, die Belastung sei gross. Das Spital bietet Massagen an fürs Personal. Derzeit dürfen aber alle in die Ferien gehen, die solche eingegeben hatten.

Thomas Brack vom Limmattal sagt, er baue einen Pool auf, damit auch Nicht-IPS-Personal aushilft. André Zemp vom Triemli/Waid sagte, dass Ex-IPS-Mitarbeitende wieder zurückkommen und aushelfen.

Frage: Genug Schnelltests?

Rickli vertröstete auf nächste Woche. «Wir sind mit Hochdruck daran, die Testkapazitäten hochzufahren», sagte sie.

Frage: Mehr Patienten-Verfügungen?

In der ersten Welle hatten viele Patienten keine Patientenverfügung mit Angaben, ob alles getan werden müsse, falls sie schwer erkranken. Das habe sich geändert, sagten verschiedene Spitaldirektoren.

«Positive» Ärztin an der Arbeit

Die Spitäler holen Personal in Quarantäne zurück, wenn nötig. Diese Regel hat Kantonsärztin Christiane Meier erlassen. Bedingung: Sie dürfen keine Symptome haben. Am Unispital wurde gar eine Ärztin zurückgeholt, die positiv getestet wurde, sagte Gregor Zünd. Das sei aber eine Ausnahme.

Gemäss Rolf Zehnder gibt es vermutlich viele Pflegende, die positiv sind, es aber nicht wissen. Die Viruslast ist sehr hoch. Man arbeite ohnehin so, wie wenn jeder das Virus habe.

9 Tote seit gestern

Rickli sagte um 9 Uhr, dass seit gestern, 15.30 Uhr, neun Personen an Corona verstorben sind.

Jörg Gruber, Leiter Abteilung Versorgungsplanung Gesundheitsdirektion, und Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli vor den Medien.
Jörg Gruber, Leiter Abteilung Versorgungsplanung Gesundheitsdirektion, und Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli vor den Medien.
KEYSTONE/Ennio Leanza
Frage: Wie ist die Situation in den Pflegeheimen?

Rickli kündigte neue Richtlinien für nächste Woche an. Es wird etwa möglich sein, Personal in Quarantäne in die Heime zu holen – solange die Pflegenden keine Symptome haben und nicht positiv getestet wurden.

Nicht zögern, ins Spital zu gehen!

Rolf Zehnder erklärt, dass das Kantonsspital Winterthur seit Sommer ein Langzeitkonzept hat. Betten, Material etc. hat es genug. Anspruchsvoller ist die Planung des Personals. Ab einer gewissen Stufe helfen sich die Spitäler einander mit Fachkräften.

«Covid ist keine Sache der Spitäler», sagte Zehnder. Sondern des Gesamtsystems. Dazu gehören die Hausärzte, Medizinzentren, Spitex etc. «Die meisten Covid-Patienten» müssten kein Spitalbett sehen.

«Wir sind für alle Patienten da», betonte er. Niemand solle aus Rücksicht auf die Situation oder aus Angst vor Ansteckung nicht ins Spital kommen. Im Sommer wurden aus diesen Gründen Herzinfarkte und Schlaganfälle verpasst, sagte Zehnder. Das dürfe nicht sein.

Das KSW hat jetzt 30 Patienten, Zehnder rechnet mit 5 Austritten am heutigen Freitag. Im Spital habe es auch Covid-Patienten, die zwischen 20 und 40 Jahre alt sind.

Wenn die Bevölkerung sich nun an die Gebote und Verbote hält, können die Spitäler die Situation bewältigen – so lautete der Appell Zehnders. «Wir brauchen jetzt keinen Applaus, sondern Disziplin in der Bevölkerung.»

Spitäler füllen sich auch ohne Corona

André Zemp von den Stadtspitälern Waid und Triemli sagte, auch das Spital Waid nehme neu Patienten auf. Bisher wurden 300 Patientinnen und Patienten in den Stadtspitälern behandelt. Ein Engpass könnte es höchstens beim Personal geben. 37 Covid-Patienten haben die beiden Spitäler derzeit, drei sind in der IPS.

Die Erfahrung zeige, dass sich die Spitäler füllen, wenn Weihnachten naht. Zemp erinnert daran, dass es nicht nur Covid-Spitäler gibt. Zemp sprach dem Personal grosses Lob aus.

Personal in Quarantäne aktivieren

Das Spital Limmattal hat 12 Covid-Patienten, die Zahl ist derzeit stabil, sagte Thomas Brack. Nicht dringliche Eingriffe werden immer noch gemacht, es gibt derzeit keine Einschränkungen.

Das Spital kämpft wie viele andere auch mit Pflegepersonal, das in Quarantäne ist. Es bestehe aber die Möglichkeit, diese Pflegenden ins Spital zu holen, wenn nötig, sagte Brack.

Den Zürcher Regionalspitälern geht es gut, sagte Brack. Sie sprechen einander ab und helfen einander aus, wenn nötig.

Tiefere Sterblichkeit, bessere Medikamente

«Wir haben eine tiefere Sterblichkeit als während der ersten Welle», sagte Gregor Zünd vom Unispital. Die Sterblichkeit ist um 50 Prozent gesunken. Und die Patienten sind weniger lange in der IPS als während der ersten Welle. Ausserdem gebe es bessere medikamentöse Behandlungen.

64 IPS-Betten hat das Unispital, das Personal wird rollend geplant. 8 IPS-Betten sind mit Corona-Patienten belegt. Auf der Normalstation sind 26 Covid-Patienten. 12 Prozent beträgt die Positivitätsrate an der Abstrichstation des Unispitals. Dort werden rund 350 Abstriche pro Tag gemacht.

Hilfe aus dem Ausland, wenn nötig

In Phase 1 und 2 suchen die einheimischen Spitäler Lösungen, Reha-Zentren können zu Corona-Stationen gemacht werden. In Phase 3 kann auch das Ausland involviert werden, sagte Gruber. Auch Notspitäler sind möglich. Es sei auch denkbar, dass Fachkräfte aus dem Ausland hinzugezogen werden.

800 Spitalpatienten Mitte November?

Die hospitalisierten Personen stammen fast alle aus dem Kanton Zürich, wenige aus anderen Kantonen. «Noch» hat der Kanton Zürich genug Kapazitäten, sagte Jörg Gruber.

Bei Bedarf können die IPS-Kapazitäten ausgebaut werden. Die Zürcher Spitäler sind gut aufgestellt. Aber «bald» wird sich die Situation verschärfen und werden die Spitäler stark belastet sein. «Die Lage ist ernst», sagte Gruber.

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich

Die Hospitalisationen hinken immer zwei bis drei Wochen hinterher. Die Anzahl Hospitalisationen verdoppelt sich alle 6 bis 7 Tage. Es muss mit bis zu 800 Patienten bis am 13. November gerechnet werden, 10 Prozent werden beatmet werden müssen, sagte Gruber.

Die Spitäler koordinieren sich untereinander.

Es gibt im Kanton Zürich 190 zertifizierte Intensivpflege-Betten. Derzeit sind 116 von Nicht-Covid-Patienten belegt und 26 von Coronainfizierten. 48 Intensivpflege-Betten sind frei.

Gesundheitsdirektion Kanton Zürich
106 zusätzliche Pflegende für die Intensivstationen

Die Medieninfo beginnt. Natalie Rickli sagt, am 1. April wurde mit 207 hospitalisierten Covid-Patienten der erste Rekord erreicht, jetzt sind es mehr. Die Zeit seither wurde genutzt, um Pflegepersonal für die Intensivpflege (IPS) weiterzubilden. Bis Ende Jahr werden es 106 Personen sein. Inzwischen wurden auch 70 weitere Beatmungsgeräte beschafft.

Die Spitäler sprechen sich ab, falls es zu Engpässen kommt. Damit es nicht zu diesen Engpässen komme, müsse die Bevölkerung sich an alle Massnahmen halten. «Wir haben es im Griff», sagte Rickli.

Sie sprechen an der Medienkonferenz

Über die Situation in den Spitälern im Kanton Zürich im Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie informieren neben der Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) auch Jörg Gruber, Leiter Abteilung Versorgungsplanung Gesundheitsdirektion, Gregor Zünd, Vorsitzender der Spitaldirektion des Universitätsspitals Zürich, André Zemp, Spitaldirektor Stadtspital Waid und Triemli, Thomas Brack, Spitaldirektor Spital Limmattal, sowie Rolf Zehnder, Spitaldirektor Kantonsspital Winterthur.

Die aktuelle Situation

Die Zahl der Corona-Infizierten ist in den vergangenen Tagen im Kanton Zürich sprunghaft angestiegen. Die Gesundheitsdirektion meldet am Donnerstagnachmittag 1278 Neuinfizierte. Am Vortag waren es 977. Insgesamt befinden sich 221 Personen in Spitalbehandlung – so viele wie bisher noch nie. Das sind 20 Personen mehr als am Mittwoch. 26 werden beatmet.

Seit dem Beginn der Pandemie sind 169 Personen verstorben (94 in Alters- und Pflegeheimen, 72 im Spital, 3 zu Hause). Der Kanton hat zudem 12'721 Personen registriert, die sich in Qurantäne befinden. Darin nicht enthalten sind jene, die aus einem Risikoland eingereist sind und deshalb in Quarantäne gehen mussten.

Das Zürcher Stadtspital Triemli hat vor wenigen Tagen die Kapazität seiner Corona-Isolationsstation kurzfristig von 24 auf 30 Betten erhöht und einzelne Patienten in andere Spitäler verlegt. «Wir befürchteten, dass es sonst am Wochenende nicht reichen würde», erklärte Andreas Zollinger, der ärztliche Direktor des Stadtspitals, das Vorgehen.

Das Personal aus dem Gesundheitswesen hat am Donnerstagnachmittag in Zürich für bessere Anstellungsbedingungen demonstriert. Rund 500 Personen bildeten beim Universitätspital eine Corona-konforme Menschenkette. Sie forderten mit ihrer Aktion eine familiengerechte Dienstplanung und Arbeitszeiten, die «nicht nur auf dem Papier» eingehalten würden. Zudem verlangten sie eine Überprüfung des Lohnsystems.

Beginn des Live Tickers
73 Kommentare
    Maissen Herbert

    Die Bewältigungsstrategie in Phase 1 und Phase 2 kann ich mir noch vorstellen. Reha- Kliniken in Corona Stationen umfunktionieren und Notspitäler einzurichten ist sicher richtig aber ohne geeignetes Personal ist der geltende medizinische Standard nicht umzusetzen. Die Folgen: Triage und Palliativmedizin, sehr schwer vorstellbar, aber das könnte Tatsache werden. Mit der Option "Ausland" in Phase 3 „kann auch das Ausland involviert werden, beispielsweise durch das Beiziehen von Fachkräften und die Aufnahme von Schweizer Patienten“ (Klartext: Verlegung von Patienten ins Ausland) habe ich starke Zweifel. Wo im Ausland ist Intensivpflegepersonal in kürzester Zeit verfügbar und wo in aller Welt hat es freie Kapazitäten in Spitälern mit Intensivstationen. Zudem hinterlässt nur schon der Gedanke an diese Option ein schaler Geschmack in meinem Mund. Ich hoffe, dass die Ausbreitung gestoppt werden kann Solidarität und Disziplin ist jetzt gefragt.