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Flugverkehr nach CoronaSo sollen die Passagiere wieder abheben

Fluggesellschaften fahren ihren Betrieb wieder hoch. Ein Papier zeigt, an welche Bedingungen sie sich halten müssen und was die Passagiere erwartet.

Bald frequentieren wieder mehr Passagiere den Flughafen Zürich. Dieser arbeitet derzeit die nötigen Schutzmassnahmen aus.
Bald frequentieren wieder mehr Passagiere den Flughafen Zürich. Dieser arbeitet derzeit die nötigen Schutzmassnahmen aus.
Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Seit diverse Länder die Öffnung ihrer Grenzen für Touristen angekündigt haben, machen sich die Airlines startklar. Swiss, Helvetic, aber auch die Betreiber der Schweizer Flughäfen arbeiten derzeit die nötigen Schutzmassnahmen aus. Wie diese konkret aussehen werden, wollen sie nicht kommunizieren, bevor das Bundesamt für Gesundheit kommende Woche die nächsten Öffnungsschritte bekannt gibt. Ein 30-seitiges Papier, das dieser Zeitung vorliegt, zeigt jedoch, was die Passagiere erwartet.

Es handelt sich dabei um Richtlinien für ein Schutzkonzept, das die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA) gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten erstellt hat. Die darin enthaltenen Empfehlungen richten sich an Airlines, Flughafenbetreiber, nationale Aufsichtsbehörden der Zivilluftfahrt sowie Abfertigungsfirmen. Ziel sei es, die «Passagiere, Besatzungen und Mitarbeiter zu schützen», aber auch die «einheitliche Rückkehr zum Flugbetrieb inner- und ausserhalb von Europa».

Die europäischen Behörden überlassen es zum Beispiel den einzelnen Staaten, ob sie an ihren Flughäfen Temperaturmesser einsetzen, um erkrankte Personen zu eruieren. In diesen Tests bleiben Passagiere hängen, deren Körpertemperatur höher ist als 38 Grad. Sie müssen weitere Untersuchungen über sich ergehen lassen – und damit rechnen, dass ihnen der Zutritt ins Flugzeug verweigert wird. Zwar hat die Schweiz bisher auf solche Tests als Einreisebedingung verzichtet. Trotzdem wird am Flughafen Zürich die Temperatur von Passagieren gemessen: Vor der Abreise mit Alitalia-Flügen – auf Geheiss der italienischen Regierung. Insidern zufolge ist wahrscheinlich, dass weitere Länder solche Fiebermessungen an eine Einreiseerlaubnis knüpfen werden. Auch wenn die EASA in ihrem Papier einräumt, dass die Wirksamkeit dieser Tests umstritten sei. Sie hält aber fest: «Sie könnten aber Erkrankte davon abhalten, ihre Flugreise anzutreten.»

Gratis Gepäck aufgeben und umbuchen

Um zu verhindern, dass angesteckte Personen in den Flieger steigen, empfiehlt die EASA eine einschneidende Massnahme in der Preispolitik der Fluggesellschaften: Betroffene Passagiere mit einem Arztzeugnis sollen die Möglichkeit erhalten, ihre Reise kostenlos zu annullieren oder umzubuchen – bis zu sechs Stunden vor Abflug.

Das EASA-Dokument könnte eine von diversen Airlines – auch der Swiss – unlängst eingeführte Gepäckstrategie wieder kippen. Sie fördern das Reisen mit leichtem Gepäck, indem sie ihre Passagiere für aufgegebene Koffer einen Aufpreis zahlen lassen.

Das dadurch entstandene Platzproblem in den Ablagen des Handgepäcks hat dazu geführt, dass sich die Einsteigezeit teilweise markant verlängert hat. Und genau das ist der EASA im Kampf gegen Corona ein Dorn im Auge, denn beim Boarding ist die Einhaltung des Sicherheitsabstands problematisch. Die Behörde erwartet darum von den Airlines, dass sie das Handgepäck «minimieren», indem sie entsprechende «Anreize» schaffen. Noch ist unklar, wie die Schweizer Fluggesellschaften auf diese Weisung reagieren. Emirates hat bereits klargemacht: Ihre Passagiere müssen das Handgepäck fortan aufgeben. Nur noch «wichtige Gegenstände wie Handtasche, Aktenkoffer oder Babyartikel» dürfen mit an Bord.

Aus den EASA-Empfehlungen geht zudem hervor, dass das Anstehen vor den Toiletten im Flugzeug sowie das Beinevertreten in der Bordküche untersagt werden. Auch der Dutyfree-Verkauf an Bord dürfte der Vergangenheit angehören.

Eine der vorgeschlagenen Massnahmen wird die Passagiere indessen freuen: Die Airlines sollen sicherstellen, dass ihre Fluggäste nicht länger als 30 Minuten in einer Maschine verharren müssen, die nicht richtig belüftet ist. Corona sei Dank ist damit die Warterei in einem vollen Flieger bei stickigheisser Luft passé.

Die wichtigsten Empfehlungen und Massnahmen aus dem Papier der EASA in der Übersicht:

Vor dem Flug

Für die Passagiere heisst es nach Corona noch häufiger «do it yourself»: Die Angestellten sind angehalten, so wenig wie möglich Dokumente oder Gepäck zu berühren.
Für die Passagiere heisst es nach Corona noch häufiger «do it yourself»: Die Angestellten sind angehalten, so wenig wie möglich Dokumente oder Gepäck zu berühren.
Foto: PD

Grundsätzlich will die Agentur der Europäischen Union für Flugsicherheit (EASA) die Aufenthaltsdauer der Passagiere am Flughafen verkürzen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Diverse von ihr vorgeschlagene Schutzmassnahmen führen aber zu längeren Wartezeiten – beispielsweise am Flughafen Zürich, wo die Kapazität in Bussen und der Skymetro reduziert worden sind, um die Abstände zwischen den Personen zu vergrössern.

Die Behörde empfiehlt den Flughafenbetreibern, dass sie den Zugang zu den Terminals auf die Passagiere und die Mitarbeiter begrenzen. Begleitpersonen dürften demnach nur ausnahmsweise mit hinein, etwa wenn der abfliegende Passagier einer Betreuung bedarf. Der Flughafen Zürich hat sich bereits gegen diese Massnahme entschieden. Seine Terminals stehen auch künftig nicht nur den Fluggästen offen.

Die Flughafenbetreiber sollen laut EASA in Betracht ziehen, Automaten für den Verkauf von Masken aufzustellen. Das hat der Zürcher Airport bereits umgesetzt: Vor der Bordkartenkontrolle stehen zwei Automaten mit Hygieneartikeln.

Eine Maskenpflicht für sämtliche Passagiere wird von der EASA empfohlen, sobald diese das Terminal ihres Abflugortes betreten. Sie soll gelten, bis die Fluggäste das Airport-Gebäude ihrer Destination verlassen haben. An den Schweizer Flughäfen besteht keine Maskenpflicht, weil das Bundesamt für Gesundheit bisher keine solche Weisung erlassen hat.

Geht es nach der europäischen Behörde, soll der Fluggast im Zuge des Check-in-Prozesses eine Gesundheitserklärungdas sogenannte Covid-19-Statementausfüllen. Damit verpflichtet er sich, von einer Reise abzusehen und die Airline zu informieren, falls er in den zwei Wochen vor seiner Reise positiv auf Covid-19 getestet worden ist oder mit einer infizierten Person in Kontakt kam, er in den acht Tagen vor seinem Abflug Symptome aufwies oder sich nach den geltenden nationalen Regeln in Quarantäne befinden sollte.

Wo die Fluggäste die Maschinen nicht übers Vorfeld oder per Bus, sondern über eine Passagierbrücke besteigen, soll das Boarding in kleineren Gruppen geregelt werden. Dazu liefert die EASA folgende Vorschläge: Entweder steigen jene Personen, die zuhinterst sitzen, zuerst ein. Andernfalls sollen erst die Fenster-, dann die Mittel- und erst zum Schluss die Gangplätze besetzt werden. Ziel ist es, den Einsteigeprozess zu beschleunigen. Der Flughafen Zürich praktiziert ein solches «dosiertes Ein- und Aussteigen» bei Flügen ab 100 Passagieren.

An Bord

Das neue Accessoire der Passagiere von Emirates nach Corona: Ein Hygienekit mit Masken, Handschuhen, antibakteriellen Tüchern und Handdesinfektionsmitteln.
Das neue Accessoire der Passagiere von Emirates nach Corona: Ein Hygienekit mit Masken, Handschuhen, antibakteriellen Tüchern und Handdesinfektionsmitteln.
Foto: PD

Die Airlines müssen fortan die Kabinen ihrer Maschinen häufiger reinigen: Bei Easyjet wird jedes Flugzeug täglich einem Desinfektionsverfahren unterzogen, das mindestens 24 Stunden lang einen Oberflächenschutz vor Viren bietet.

Künftig sind die Sicherheitsdemonstrationen an Bord um ein Kapitel reicher: Die Flugbegleiter sollen laut EASA den Passagieren zeigen, wie sie im Notfall ihre Schutzmasken ausziehen und sie durch die Sauerstoffmasken austauschen.

Was in der Economy zudem längst Tatsache ist, wird wohl auch in der Business- und der Firstclass umgesetzt: Die EU-Behörde legt den Airlines nämlich nahe, Essen und Trinken nur noch verpackt zu verteilen. Die Billig-Airline Easyjet hat bereits ihr Verpflegungskonzept angepasst und kündigt an, dass an Bord ihrer Kurzstreckenflüge «zunächst keine Getränke und Speisen serviert» werden.

Die Airlines sind zudem angehalten, die Fluggäste darauf hinzuweisen, dass für Langstreckenflüge mehrere herkömmliche Hygienemasken nötig sind, da diese nach vier Stunden ihre Wirksamkeit verlieren. Einige Airlines haben an Bord ihrer Maschinen bereits eine Maskenpflicht erlassen – beispielsweise Easyjet, wo Personal und Passagiere eine tragen müssen. Bei Swiss handelt es sich aktuell um eine Empfehlung.

Diverse Fluggesellschaften – darunter die Golf-Airline Emirates – stellen den Passagieren neuerdings Hygienekits zur Verfügung. Diese enthalten Masken, Handschuhe, antibakterielle Tücher und Handdesinfektionsmittel.

Um die Sicherheits- und Hygienestandards zu gewährleisten, setzt Emirates auf den Flügen, die länger dauern als 1,5 Stunden, ab sofort zusätzlich einen sogenannten Cabin Service Assistant ein. Dieser ist beauftragt, die Toiletten alle 45 Minuten zu reinigen.

Bei der Ankunft

Bei Langstreckenflügen wird das Aussteigen verlangsamt. Damit sollen Wartezeiten in der Gepäckhalle verkürzt werden.
Bei Langstreckenflügen wird das Aussteigen verlangsamt. Damit sollen Wartezeiten in der Gepäckhalle verkürzt werden.
Foto: Keystone

Um die Anweisungen des Bundesamts für Gesundheit punkto Sicherheitsabstand umzusetzen, wird das Aussteigen bei Langstreckenflügen in Zürich derzeit verlangsamt. So soll nicht nur genügend Abstand zwischen den Passagieren entstehen. Der Flughafen erreicht damit auch, dass das Gepäck gegenüber dem Fluggast einen Vorsprung erhält und so die Wartezeit in der Gepäckhalle verkürzt wird.

Pro ankommendem Passagier ist am Zürcher Flughafen zudem höchstens ein Abholer in der Ankunftshalle erlaubt. Der Flughafen empfiehlt den Abholern, bei der Vorfahrt oder in einem der Parkhäuser auf die Passagiere zu warten. Bis auf weiteres gelten auf der Vorfahrt neue Parktarife: Die ersten 15 Minuten sind für Bringer auf der Ebene «Departure» und die ersten 10 Minuten für Abholer auf der Ebene «Arrival» gratis.

Mitarbeiter und Besatzungen

Einige Besatzungen kleiden ihre Mitarbeitenden in Schutzanzüge: Hier Cabin Service Assistant von Emirates.
Einige Besatzungen kleiden ihre Mitarbeitenden in Schutzanzüge: Hier Cabin Service Assistant von Emirates.
Foto: PD

Die EASA empfiehlt, dass Mitarbeitende von Airlines und Flughäfen, die im Kontakt mit Passagieren stehen, nicht nur Masken und Handschuhe tragen sollen. Sie sind auch angehalten, ihre Uniform täglich zu wechseln. Falls dies nicht möglich sei, sollen die Angestellten einen Schutzanzug tragen. Das Sicherheitspersonal an den Security-Checks müsse zudem mit einem Gesichtsvisier ausgerüstet werden.

Beim Schutz ihrer Mitarbeitenden geht die Fluggesellschaft Emirates noch einen Schritt weiter: Sie stellt ihren Cockpit- und Kabinenbesatzungen zu Beginn und am Ende ihrer Dienstzeit jeweils einen Fahrer zur Verfügung, der sie zu Hause abholt und wieder zurückbringt. Bei der Rückkehr nach Dubai, wo sämtliche Piloten und Flugbegleiter der Airline stationiert sind, müssen zudem alle Besatzungsmitglieder einen Covid-19-Test durchlaufen.

Die Konsequenzen

Ungeschützte Passagiere könnten bei einer Maskenpflicht gar nicht erst ins Terminal gelassen werden.
Ungeschützte Passagiere könnten bei einer Maskenpflicht gar nicht erst ins Terminal gelassen werden.
Foto: Keystone

Für die EASA steht fest: Wer sich nicht an die Schutzvorschriften hält, muss mit Konsequenzen rechnen. Das könnte etwa bedeuten, dass Passagiere bei einer Maskenpflicht ohne diesen Gesichtsschutz gar nicht erst ins Terminal oder Flugzeug gelassen werden.

Denkbar ist auch, dass renitente Passagiere vor dem Start kurzerhand wieder ausgeladen werden. Ist die Maschine hingegen bereits in der Luft, werden Fluggäste, die sich gegen die geltenden Massnahmen sträuben, behandelt, wie dies bisher bei ausfälligen oder handgreiflichen Passagieren der Fall war. Das kann bedeuten, dass der Pilot auf dem Weg zwischenlandet, um die renitente Person der Polizei zu übergeben.