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Zürich verschärft KlimaschutzSo will Neukom 120’000 Ölheizungen ersetzen

«Klima-Deal» mit den Hauseigentümern: Der Kanton will beim Einbau von Wärmepumpen helfen, aber er erwartet auch Gegenleistungen.

Damit soll bald Schluss sein. In einem Einfamilienhaus wird der Öltank aufgefüllt.
Damit soll bald Schluss sein. In einem Einfamilienhaus wird der Öltank aufgefüllt.
Foto: Urs Jaudas

Der grüne Baudirektor Martin Neukom präsentierte am Freitag seinen seit einem Jahr angekündigten Klimaschutz-Plan für Gebäude. Es ist eine Änderung des Energiegesetzes, er selber nannte es einen «Klima-Deal» mit den Hauseigentümern. Es geht darum, die rund 120000 noch bestehenden Öl- und Gasheizungen im Kanton Zürich möglichst rasch zu ersetzen und die CO2-Emissionen um 40 Prozent zu verringern.

Zuckerbrot und Peitsche

Für Neukoms Deal hat der Regierungsrat für die nächsten vier Jahre 33 Millionen Franken bewilligt, die durch Bundesbeiträge auf rund 180 Millionen Franken aufgestockt werden. Dieses Geld wird in Form von Förderbeiträgen an Hauseigentümer ausbezahlt, welche ihre Ölheizungen durch Wärmepumpen ersetzen. Laut Neukom werden an den Anschaffungspreis einer klimaneutralen Heizanlage – reine Elektroheizungen zählen nicht dazu – maximal rund 20 Prozent beigesteuert, und zwar bereits ab dem 1. Juli 2020.

Neukoms Geschäft mit den Hauseigentümern funktioniert nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Denn wenn eine Ölheizung kaputtgeht, darf sie nur noch dann mit einer Ölheizung ersetzt werden, wenn eine Wärmepumpen-Heizung über die ganze Lebensdauer gesehen mehr als 5 Prozent teurer wäre. Dies wäre laut Neukom mit den geplanten Subventionen kaum mehr der Fall.

Heikle Berechnung

Die Investitionskosten sind zwar bei einer Wärmepumpe bis zu dreimal höher, doch in Unterhalt und Betrieb ist die Ölheizung deutlich teurer. Knackpunkt wird die Festlegung der Gesamtkosten einer Heizanlage sein, denn Öl- und Strompreis lassen sich nicht im Voraus bestimmen.

Baudirektor Neukom kündigte ein unbürokratisches Berechnungsmodell an. Geplant ist, beim Öl- und Strompreis die Durchschnittspreise aus den vergangenen vier Jahren zu nehmen. Vorgesehen ist auch eine Härtefall-Regelung für ältere Hauseigentümerinnen und -eigentümer mit begrenzten finanziellen Mitteln.

Bei Neubauten gilt Neukoms Deal nicht. Dort ist der Einbau von Öl- und Gasheizungen untersagt. Weiterhin möglich bleibt die Verwendung von Biogas.

Solaranlage wird Pflicht

Für neue Häuser hat Neukom eine weitere Klimahürde eingebaut. So soll ein Teil des benötigten Stromes im Haus selber produziert werden. Pro Quadratmeter Energiebezugsfläche müssen es mindestens 10 Watt sein, was laut Neukom rund 25 Prozent des gesamten Strombedarfs entspricht. Für eine solche Menge müsste etwa die Hälfte der Dachfläche mit Solarpanels versehen werden. Diese Massnahme will Neukom ergreifen, da er mit massiv steigendem Strombedarf rechnet.

Baudirektor Martin Neukom legt einen Massnahmenplan für die ökologische Gebäudesanierung vor. Bis spätestens 2050 darf es keine Ölheizungen mehr geben.
Baudirektor Martin Neukom legt einen Massnahmenplan für die ökologische Gebäudesanierung vor. Bis spätestens 2050 darf es keine Ölheizungen mehr geben.
Foto: Andrea Zahler

Die Änderung des Energiegesetzes ist im Kanton Zürich schon seit Jahren geplant, und Neukom räumte ein, dass die Ausarbeitung zu lange gedauert habe. Die Detailplanung sei auch unter seiner Führung schwieriger gewesen als erwartet. «Wir dürfen nun keine Zeit mehr verlieren, denn die Klima-Krise wird die Corona-Krise in den Schatten stellen, wenn wir jetzt nicht schnell handeln.» Neukom zeigte sich überzeugt, dass sein Vorschlag im Parlament und im Volk mehrheitsfähig ist.

600 Millionen fürs Gewerbe?

Erfreut reagiert Marc Bätschmann. Er ist Fachmann für emissionsfreie Gebäudetechnik und einer von 43 Wissenschaftlern, welche die sogenannte Redem-Initiative eingereicht haben. Diese sieht für den Ersatz von Ölheizungen noch strengere Auflagen vor. «Neukom setzt langfristige Ziele und schafft mit seinem Vorschlag für die Hauseigentümer endlich Planungssicherheit», sagt Bätschmann.

Für ihn ist der «Klima-Deal» auch ein Konjunkturpaket, weil kein Heizöl und Gas mehr im Ausland gekauft werden muss. So werde allein im Kanton Zürich ein jährlicher Mittelabfluss von 770 Millionen Franken gestoppt. Bätschmann rechnet damit, dass davon rund 600 Millionen Franken ins lokale Gewerbe fliessen. Die Redem-Initiative wollen die Initianten aber noch nicht zurückziehen: «Solange Parlament und Volk nicht entschieden haben, wollen wir diesen Trumpf in der Hinterhand behalten», sagt Bätschmann.

Skeptisch ist hingegen der Zürcher Hauseigentümerverband (HEV). Bei der Berechnung der Lebenszykluskosten einer Heizung seien Hauseigentümer der Willkür der Verwaltung ausgeliefert. Der HEV wehrt sich gegen jeglichen Zwang beim Ersatz der Heizanlagen.

Wohlwollende Kommentare

In der Politlandschaft fallen die Kommentare wohlwollend aus. FDP und SVP kritisieren zwar den Zwang für den Einbau von Solaranlagen. Doch ansonsten sei der Vorschlag nachvollziehbar. Beide Parteien hoffen auf einen positiven wirtschaftlichen Effekt und wollen die Umsetzung kritisch begleiten. Die SVP will sich zudem gegen das Verbot von Elektroboilern ab 2035 wehren.

Genau hier setzt die einzige Kritik der Grünen an, dieses Verbot kommt für sie viel zu spät. Ansonsten sei der «Klima-Deal» ein «ganz wichtiger Schritt für den Klimaschutz». Die SP schreibt von «ambitioniert, aber realistisch» und verlangt, den Ausbau des Gasnetzes unverzüglich zu stoppen. CVP und EVP sind ebenfalls zufrieden. Die CVP lobt, dass die Nutzung von Biogas möglich bleibt. Die EVP hat noch eine kleine Kritik: Die Förderung der Solarenergie komme zu kurz.

«Die Zürcher Regierung will keine Symbolpolitik machen.»

Baudirektor Martin Neukom

Nach den grossen Klimademos im letzten Sommer wurden im Kantonsrat zwei dringliche Postulate von GLP und SP zur Klimapolitik eingereicht. Darin wurde die Ausrufung des Klimanotstandes gefordert und die Senkung der CO2-Emmission auf null. Die erste Forderung hat der Regierungsrat nun abgelehnt. «Die Zürcher Regierung will keine Symbolpolitik machen», begründete Neukom diesen Entscheid. Die zweite Forderung wurde hingegen gutgeheissen. So sollen die CO2-Emmissionen nicht nur gesenkt werden, wie es bisher der Plan war. Sie sollen bis 2050 ganz vermieden werden. «Ich freue mich sehr, dass der Regierungsrat die Dringlichkeit des Klimaproblems erkennt», sagte Neukom.

Die Regierung hat einen zweiseitigen Katalog erstellt, in dem er neben den Zielen zur Gebäudesanierung weitere rund zwei Dutzend Klimaschutz-Massnahmen auflistet. Unter anderem sollen die Limmatschiffe auf Elektrobetrieb umgestellt werden, der Strickhof soll einen E-Traktor erhalten, im Wagenpark des Kantons setzt die Regierung auf Wasserstoff-Autos, und natürlich sollen die kantonalen Gebäude rasch ökologisch umgerüstet werden.