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Fragen und AntwortenSogar Erdogan wettert – alles zum Rassismus-Skandal in der Champions League

Ein Schiedsrichter soll sich im Spiel von PSG gegen Basaksehir rassistisch gegen einen Betreuer geäussert haben. Die Referees rechtfertigen sich, die Partie wurde abgebrochen.

Skandal in Paris: Pierre Webo, der rassistisch beleidigt wurde, ist sichtlich aufgebracht. Die Basaksehir-Spieler verlassen das Spielfeld.
Video: Blue TV

Was ist passiert?

Begonnen hat im Spiel zwischen PSG und Basaksehir wie an einem gewöhnlichen Champions-League-Abend. Doch schon nach wenigen Minuten kommt es an der Seitenlinie zu viel Aufruhr. Der Assistenztrainer der Gäste, der frühere kamerunische Nationalspieler Pierre Webo, sah die Rote Karte, und dabei soll es zu einer rassistischen Beleidigung durch den vierten Offiziellen gekommen sein.

Was hat der Schiri gesagt?

Dem Referee Sebastian Coltescu wurde vorgeworfen, eine rassistische Formulierung für Schwarze benutzt zu haben, die im Deutschen inzwischen mit dem Begriff «N-Wort» umschrieben wird. Dieser Ausdruck war im leeren Prinzenpark-Stadion während der TV-Übertragung deutlich zu hören.

Wie hat man auf die Diskriminierung reagiert?

Alle die PSG- und alle Basaksehir-Spieler begaben sich im Parc des Princes in die Katakomben.
Alle die PSG- und alle Basaksehir-Spieler begaben sich im Parc des Princes in die Katakomben.
Foto: Francois Mori (Keystone)

Nach minutenlangen Diskussionen zwischen Schiedsrichter, Trainer, Betreuern und Spielern gingen die Teams geschlossen vom Platz und begaben sich in die Katakomben. Die Partie wurde schliesslich beim Stand von 0:0 abgebrochen.

Wird das Spiel nachgeholt?

Ja, am Mittwochabend um 18.55 Uhr. Durch das 3:2 von RB Leipzig gegen Manchester United ist aber bereits Paris fix im Achtelfinal, kann die Deutschen aber noch von Platz eins der Gruppe verdrängen.

Und was für Konsequenzen hat die Beleidigung?

Für das Nachholspiel wird das komplette Schiedsrichter-Team ausgetauscht. Der niederländische Schiedsrichter Danny Makkelie pfeift die heutige Partie. Das teilte die Uefa am Mittwochmorgen mit. Zur Seite stehen dem 37-Jährigen an den Linien sein Landsmann Mario Diks und der Pole Marcin Boniek. Als vierter Offizieller wurde der Pole Bartosz Frankowski nominiert. Die Uefa kündigte zudem eine «gründliche Untersuchung» an. Weiteres über die Konsequenzen ist bis anhin noch nicht bekannt.

Verteidigt sich der Schiedsrichter?

Ja. Wie zu hören war, soll das Schiedsrichter-Team aus Rumänien versucht haben, sich damit zu verteidigen, dass der Vierte Offizielle das rumänische Wort für Schwarzer (negru) benutzt habe und nicht das «N-Wort». Auch der ehemalige Spitzenschiedsrichter Urs Meier fand den Vorfall am Dienstagabend nicht so schlimm. In der Champions-League-Sendung auf Blue meinte er, dass er es schlimmer fände, dass Basaksehir das Spielfeld verliess, als dass ein Uefa-Offizieller einen Schwarzen rassistisch beleidigte. Auch Rolf Fringer, der auch in der Runde sass, verstand den Entscheid nicht. «Wo kommen wir denn da hin, wenn irgendwer ruft und dann einfach alle heim gehen?»

Wieso ist dieser Rassismus-Vorfall einzigartig?

Unschöne Szenen beim Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir. Demba Ba (links) und andere Spieler diskutieren nach dem Vorfall intensiv mit dem Schiedsrichter.
Unschöne Szenen beim Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir. Demba Ba (links) und andere Spieler diskutieren nach dem Vorfall intensiv mit dem Schiedsrichter.
Foto: Ian Langsdon (Keystone)

Traurigerweise sind diese Geschehnisse im Profifussball kein Einzelfall, in der Vergangenheit kam es schon mehrmals zu rassistischen Beleidigungen von Spielern oder Betreuern. An dem Fall von Paris ist aber einiges einzigartig: 1. Es war ein Offizieller, von dem die Bemerkung kam. 2. Es passierte in einer Champions-League-Partie. 3. Beide Teams verliessen das Feld danach geschlossen. Über solche solidarische Aktionen bei rassistischen Beleidigung wurde schon oft diskutiert, oftmals wurden sie aber nicht ausgeführt.

Wie reagieren die Spieler und Verbände nach der Partie?

Neymar, Kylian Mbappé und Co. – in den Stunden danach zeigten sich die Profis von PSG auch im Internet solidarisch. Neymar veröffentlichte auf Instagram ein «BLACK LIVES MATTER» (Schwarze Leben zählen) und von Mbappé hiess es: «Say no to Racism. M. Webo we are with you» (Wir sind bei dir). Nachdem das Team von Trainer Thomas Tuchel sowie die Gegner das Feld verlassen und ein deutliches Signal gegen Rassismus gesetzt hatten, bewiesen die Pariser auch danach Haltung.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verurteilte «die rassistische Aussage gegenüber Pierre Webo» und teilte via Twitter mit: «Wir sind bedingungslos gegen Rassismus und Diskriminierung im Sport und in allen Lebensbereichen.» Frankreichs Sportministerin Roxana Maracineanu lobte das Verhalten der Profis beider Teams. «Heute Abend haben Sportler, Athleten eine historische Entscheidung getroffen gegenüber einer Einstellung, die sie als inakzeptabel beurteilt haben», schrieb die Ministerin am späten Dienstagabend bei Twitter. Sie warte die Ergebnisse der Untersuchung ab. «Aber ich kann die starke Symbolik ihrer Geste und ihrer Solidarität nur begrüssen.»

Derweil hat der rumänische Fussballverband (FRF) mit Konsequenzen gedroht, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten. «Der Rumänische Fussballverband distanziert sich mit Nachdruck von jeder Aktion oder Erklärung rassistischer oder fremdenfeindlicher Art», hiess es in einer Stellungnahme am Mittwoch. Man habe die Vorgänge bei dem Champions-League-Spiel Paris Saint-Germain gegen Basaksehir zur Kenntnis genommen und warte hierzu auf das Prüfungsergebnis der Uefa.

lai/nih/va/dpa