Der Rock der Silberrücken

Die Rebellen von einst sind alt geworden. Doch ihre neuen Platten heben den Rock ’n’ Roll in ungeahnte Höhen.

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Robert Plant hatte die Schnauze voll von Amerika. Die Freundin war ihm weggelaufen, mit der Musik ging es nicht voran, vor allem aber erkannte man ihn an jeder Ecke als «den von Led Zeppelin, ey!». Das war genau das Rockstarleben, das er nicht mehr wollte, als er sich von der Band verabschiedete. Und so zog er sich vor drei Jahren in die englischen Midlands zurück, in ein Bauernhaus nicht weit von Kidderminster, der alten Teppichweberstadt, in der er zur Schule gegangen und dort auch mit ersten Bands aufgetreten war. Hier liessen sie und lassen sie ihn in Ruhe. Und hier hat er nun auch eine neue Band, mit der er gerade ein zweites Album mit dem Titel «Carry Fire» aufgenommen hat, sein bestes seit den Jahren mit Led Zeppelin. Noch besser sogar als sein Roots-Album «Raising Sands» mit Alison Krauss vor zehn Jahren, für das die beiden gefeiert und preisgekrönt wurden.

Die Sensational Space Shifters sind junge, britische Profimusiker, die den Blues beherrschen, afrikanische Musik produziert haben, ausserdem spielt John Baggott mit, der früher für Massive Attack arbeitete. Womit die Bandbreite des Albums umschrieben ist. Erstmals lässt Plant auch wieder zu, dass es so wuchtig und bedrohlich wird wie bei Led Zeppelin. Gleich das erste Stück der Platte klingt, wie Led Zeppelin wahrscheinlich klingen würden, wenn sie gemeinsam alt geworden wären. Dann folgt mit «New World . . .» ein schweres Rockriff. «Season’s Song» ist eine dieser schweren Bluesballaden, bei denen Plants Stimme immer eine mitreissende Tiefe entwickelt.

Nur ist das eben nicht mehr der übertourte Sexblues der Siebziger. Die Erfahrungen eines ganzen Lebens stecken da drin. Die keltischen Wurzeln, die Experimente mit arabischer Musik, der Blues natürlich und auch immer noch der Mut, sich auf Neues einzulassen, auf neue Rhythmen, Klänge, Harmonien. Das fügt sich alles zu einem grossen Ganzen zusammen, das für sich einfach ein grosses Album wäre. Stünde es nicht für eine neue Phase des Rock, in der die wunderschönen Rebellen von damals nicht nur älter, sondern alt geworden sind. Und zu sich selbst finden.

Musik für Menschen, die im Alter angekommen sind

Vier von ihnen haben gerade neue Alben herausgebracht. Reiner Zufall. Aber was sich da durch die neuen Platten von Robert Plant, Gregg Allman, Michael McDonald und Stephen Stills zieht, kann man insgesamt als Beweis für eine Bestandsaufnahme heranziehen. Fünfzig Jahre nach dem Aufbruch eines Genres, das für eine ganze Generation das Zentralorgan ihres Denkens und Erlebens war, finden sie, jeder für sich, auf einem musikalischen Niveau zu sich selbst, das den Rock endgültig von seiner Zwangsjugendlichkeit befreit. Das ist kein Rock für Erwachsene, die sich an ihre wilden Jahre erinnern. Sondern Musik für Menschen, die im Alter angekommen sind. Und es ist eben nicht nur eine Rückbesinnung auf Wurzeln wie etwa auf Van Morrisons neuem Album «Roll With the Punches». Der besinnt sich ähnlich wie die Rolling Stones auf ihrem letzten Album «Blue & Lonesome» einfach noch einmal auf den Blues, was bei Morrison genauso wie bei den Rolling Stones durchaus ein Erlebnis ist. Doch es sind weniger die Formen als die Haltungen, die so etwas wie ein neues Genre schaffen. Nennen wir es Silberrückenrock.

Gregg Allman wusste, dass er bald sterben würde, als er im Frühling 2016 mit seiner Tourband noch ein letztes Mal nach Muscle Shoals zog, jenem Städtchen am Ufer des Tennessee Rivers in der nordwestlichen Ecke von Alabama. Im Fame Studio wollte er noch einmal aufnehmen. Sein Bruder Duane hatte hier als 21-Jähriger mal auf dem Parkplatz in einem Zelt campiert, um den grossen Soulsängern nahezukommen, die dort ihre Platten aufnahmen. Dort begann dann die Freundschaft zwischen Duane und Wilson Pickett, die zu einer Demobandsession im Fame und schliesslich zur Gründung der Allman Brothers führte. Die blieben auch nach Duanes frühem Tod unter Gregg bis zur Auflösung vor zwei Jahren der Goldstandard der Jam Bands. Also jener Rockgruppen, die ähnlich wie im Jazz und im Blues ihre Stücke nur als Sprungbrett für orgiastische Improvisationen betrachten. In genau dieser ehemaligen Tabaklagerhalle nahm Gregg Allman sein letztes Album «Southern Blood» auf. Er wollte, dass sich ein Kreis schliesst.

Das ist keine Angst, keine Trauer, keine Verzweiflung

Man hört seiner Stimme an, dass er jede Note im Bewusstsein sang, dass sie eine seiner letzten sein wird. Da ist eine Dringlichkeit, die einem den Blues noch einmal sehr viel näherbringt, diese tief betrübte innere Ruhe eines Menschen, der seinen Platz im Leid und in der ewigen Ruhelosigkeit gefunden hat. Das ist eben keine Angst, keine Trauer, keine Verzweiflung. Bei Gregg Allman gipfeln die Erfahrungen seines Musikerlebens in einem Album von musikalischer Kraft, die noch einmal weit über seine eigenen Grenzen und die seines Handwerks geht. Sicher, das ist klassische Rockmusik. Und doch hat diese, in diesem Fall die letztgültige Selbstfindung, eine ganz eigene Qualität. Wobei es ja nicht einmal seine eigene Musik ist, in der sich Gregg Allman findet. Ein einziges Stück hat er selbst geschrieben, «My Only True Friend», eine Soulballade. Die hebt im Refrain immer ein wenig ins Frenetische ab, um dann wieder in die Melancholie des Abschieds zu tauchen, die Allman in eine dieser ewigen Wanderschaftsgeschichten packt. Ansonsten singt er Blues von Willie Dixon, Stücke seiner Zeitgenossen wie Bob Dylan und Grateful Dead. Das sind allerdings keine Coverversionen. Das ist Classic Rock in seiner buchstäblichen Bedeutung als Klassik, die sich immer wieder aufs Neue interpretieren lässt.

Michael McDonald beherrscht das auch. Der ist mit 65 Jahren der jüngste der vier Musiker (Robert Plant wird nächstes Jahr 70, Gregg Allman starb im Mai dieses Jahres mit 69, Stephen Stills ist 72). McDonald verwandelte die Highwayrockergruppe Doobie Brothers Mitte der Siebzigerjahre in die Speerspitze jenes Westküstensoft-rocks, den Hipster heute ironisch als Yacht Rock bezeichnen. Die letzten fünfzehn Jahre verdiente er aber viel Geld damit, alte Soulhits zu singen, weil seine Tenorstimme mit dem melancholischen Timbre die Aufbruchseuphorie der Motown-Jahre so angenehm herunterdimmte.

Ein ähnliches Traumpaar wie Bob Dylan und Joan Baez

Auch McDonald hat sich für sein neues Album «Wide Open» in die Landschaft seiner Jugend begeben. Aufgewachsen in Missouri, hat er in Nolensville, Tennessee, aufgenommen, einem Herzlandstädtchen nicht weit von Nashville, das im 18. Jahrhundert nur gegründet wurde, weil ein Pionier dort in der Prärie mit seinem Planwagen Radbruch erlitten hatte. Der Yacht Rock und der Soul sind in seinen neuen Stücken nur noch Andeutungen. Sehr entspannt klingt das. Das ist Rock für Leute, die ihre Sturm-und-Drang-Phase lange hinter sich haben.

Wobei man nicht unterschätzen darf, wie hart Plant, Allman und McDonald an dieser Musik arbeiten. Sie verlassen sich nicht darauf, dass sich ihr Lebens- im Spätwerk als Automatismus fortsetzt. Das geht natürlich. Die ­Stones, die späten Eagles, die beiden Expartner von Pink Floyd und selbst die enthaupteten Queen liefern heute noch solide oder auch mal brillant ab, was man von ihnen immer schon wollte.

Wie hart die Arbeit an der neuen Phase sein muss, hört man dann am Negativbeispiel. Stephen Stills hat zu seinem neuen Album «Eve­rybody Knows» die eigentlich schönste Geschichte zu erzählen, denn er hat die Platte gemeinsam mit Judy Collins aufgenommen. Stills und Collins waren Ende der Sechzigerjahre ein ähnliches Traumpaar wie Bob Dylan und Joan Baez. Es war allerdings der Bruch, der in die Geschichte einging. Frisch verzweifelt goss Stills im Frühjahr 1968 seinen Liebeskummer in die Ballade «Suite: Judy Blue Eyes», die einen Sommer später im sphärischen Chorgesang von Crosby, Stills, Nash & Young einer der Höhepunkte des Woodstock-Festivals wurde.

Alles aus dem Todgeweihten rausholen

Jetzt also, fast fünfzig Jahre später, singen die beiden erstmals gemeinsam. Und man wünscht sich, ein grosser Produzent hätte sich des spätromantischen Moments angenommen. So wie Don Was die Arbeit an Gregg Allmans «Southern Blood» begleitete, um noch einmal alles aus dem Todgeweihten rauszuholen. Um darauf zu achten, dass der Blick zurück auf ein ganzes Leben auch entsprechend in die Tiefe geht. Stills und Collins machen so ziemlich alle Fehler, die so viele Spätwerke ins Mittelmass verdammen. Die Stimmen sind für vieles zu schwach geworden. Die Band spielt sauber, aber mit dieser Manufaktum-Präzision und -Routine, die keine Seelentiefe, keinen Groove zulässt.

Das aber sind die beiden Stärken des Silberrückenrock. Denn nur so blitzt im späten Leben der Titanen noch einmal die grundlegende Qualität des Rock auf, der immer in der Haltung seine Grösse fand. Nur so laufen sie zu einer Spätform auf, die man bisher eigentlich nur von Musikern des Jazz und der klassischen Musik kannte. Und nur so werden Robert Plant, Gregg Allman und Michael McDonald noch einmal zu den Stimmen ihrer Generation.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2017, 23:42 Uhr

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Die Alben

Robert Plant: «Carry Fire» (Nonesuch), Gregg Allman: «Southern Blood» (Universal), Michael McDonald: «Wide Open» (BMG), Stephen Stills & Judy Collins: «Everybody Knows» (Wildflower)

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