Bundesbeamte waren 1154 Jahre krank

Krankheitsbedingte Absenzen kosteten den Bund letztes Jahr 254 Millionen Franken. Teuer sind vor allem Ämter mit unzufriedenen Mitarbeitern.

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Wo sich Karosseriewerkstätten und in die Jahre gekommene Wohnblöcke aneinanderreihen, hat die Zentrale Ausgleichsstelle (ZAS) ihren Sitz. Im achtstöckigen Bau der Bundesverwaltung in einem Aussenquartier Genfs sorgen Hunderte Sachbearbeiter, Informatiker und Buchhalter dafür, dass AHV- und IV-Renten fristgerecht ausbezahlt werden. Tonnenweise werden hier Bescheinigungen eingescannt und Rentenabrechnungen verschickt.

Vielleicht ist es die eintönige Arbeit, die krank macht. Klar ist: In den letzten zwei Jahren verzeichneten die ZAS-Angestellten deutlich längere Krankenabsenzen als andere Angestellte der Bundesverwaltung. Das geht aus Daten des bundesinternen Absenzensystems hervor, welche die SonntagsZeitung, gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz, verlangt hatte. Die Zahlen zeigen erstmals, in welchen Verwaltungseinheiten sich Angestellte häufig arbeitsunfähig melden – und wo deswegen Millionenkosten anfallen.

Noch länger bettlägerig als jene in der Genfer AHV-Zentrale waren letztes Jahr die Angestellten des Bundesamts für Bauten und Logistik (BBL). Mit durchschnittlich 12,2 jährlichen Krankheitstagen pro Vollzeitstelle führt das Amt, das die Bundesbauten unterhält, die Krankenliste der grossen Verwaltungseinheiten an.

Über dem Durchschnitt von 7,2 Krankheitstagen pro Jahr lagen auch die Bundesämter für Statistik, für Informatik und für Polizei. Die Mitarbeitenden des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) und jene der Bundesämter für Umwelt und Gesundheit waren mit durchschnittlichen 5,8 bis 6,5 Tagen Krankenabsenzen pro Vollzeitstelle relativ gesund.

Gemessen an den Krankenabsenzen anderer Wirtschaftszweige, sind die Zahlen der öffentlichen Verwaltung hoch: Sie liegen ein Viertel über denjenigen des Gastgewerbes und den vom Bundesamt für Statistik ermittelten Werten des Kredit- und Versicherungsgewerbes.

In der ausgewerteten Arbeitszeitstatistik von 35 294 Bundes­angestellten sind 254'000 Krankentage verzeichnet. Nicht eingerechnet in diese Summe sind Unfälle und Mutterschaften. Hochgerechnet hüteten Verwaltungsangestellte 2018 also 1154 Jahre lang das Krankenbett (254'000 geteilt durch 220 Arbeitstage).

Bei Finanzminister Maurer sind die Absenzen am höchsten

Häufig fehlen in den von Krankheit besonders betroffenen Verwaltungseinheiten schlüssige Begründungen für die schlechten Werte. «Leider gibt es dafür keine eindeutige Erklärung», meldet die Renten-Ausgleichsstelle ZAS aus Genf. Das Logistik-Amt BBL erklärt die vielen Kranken mit «Job-Profilen im operativen Bereich». Man beschäftige auch krankheitsanfälligere Lageristen oder Reinigungspersonal. «Ein Grund dafür könnte die Grippewelle sein», meint die Zollverwaltung, die im letzten Jahr 3000 zusätzliche Krankheitstage verzeichnete. Aber wieso legt die Grippe nur die Zöllner flach?

«Wer ernsthaft nach den Ursachen forscht, bekommt die richtigen Antworten», sagt Chris Holzach. Mit seiner Firma Synaps Care kümmert er sich ums Krankheitsmanagement von Firmen. Oft stosse man bei den Nachforschungen auf strukturelle Probleme, nicht selten seien Führungsprobleme der Grund für die hohen Krankenquoten eines Betriebs. «Der latente Spar- und Arbeitsdruck hinterlässt seine Spuren», sagt Janine Wicki, Generalsekretärin des Personalverbands des Bundes.

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Auch wenn die Gründe von Absenzen nicht immer auf den Tisch gelegt werden, ist sicher: Die Krankheitstage gehen ins Geld. Neben den Ausgaben für die Lohnfortzahlungen entstehen auch Kosten beispielsweise für anwesende Mitarbeitende, die wegen der kranken Kollegen Überstunden leisten müssen. Für einen Krankheitstag kalkuliert das Eidgenössische Personalamt (EPA) direkte und indirekte Kosten von 1000 Franken. Über die ganze Verwaltung gerechnet, entstanden im letzten Jahr demnach Krankheitskosten von 254 Millionen Franken. Geld, das der Bund aus der eigenen Kasse bezahlt, da er über keine Krankentaggeldversicherung verfügt.

In den Ämtern, die Bundesrat Ueli Maurer unterstellt sind, sammelten sich pro Kopf am meisten Krankheitstage an. Hier waren die Angestellten letztes Jahr während 344 Jahren krank und verursachten Kosten von 76 Millionen Franken. Zu den Problemzonen des Finanzministers gehört neben der Genfer AHV-Zentrale auch die Zollverwaltung mit ihren 4479 Angestellten. Für Krankheiten wurden hier letztes Jahr 36 Millionen Franken ausgegeben – 3 Millionen mehr als im Vorjahr.

Verunsicherte Zöllner legt es ins Bett

In Maurers Finanzdepartement ist auch die Arbeitszufriedenheit laut der neusten Personalbefragung am tiefsten. Besonders schlecht war das Befinden bei den oft kranken Zöllnern und Grenzwächtern: Bei allen elf Themen der Befragung waren die Werte unterdurchschnittlich. Das hängt auch mit der tiefgreifenden Reorganisation zusammen, in der die Zollverwaltung steckt. «Verunsicherung und Angst wirken sich ungünstig in der Krankentagestatistik aus», sagt Absenzen-Manager Holzach.

Um das Problem mit den vielen Ausfällen zu entschärfen, bietet das EPA eine breite Palette von Massnahmen an: Dazu gehören ein Case-Management und ein jährliches Reporting-System, zudem diverse Gesundheitsförderkurse. Gesenkt werden konnte die Zahl der Krankheitstage dadurch nicht. Dass die Zahlen nicht gestiegen sind, wertet das EPA indessen als Erfolg.

Eine Besserung erhofft sich das Personalamt von einer noch nicht umgesetzten Massnahme. Künftig sollen Krankheitskosten detailliert ausgewiesen werden. Eine Massnahme, die bei der auf Sparkurs getrimmten Verwaltungsspitze das Kostenbewusstein schärfen soll.

Erstellt: 13.04.2019, 23:23 Uhr

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